Art Basel am Persischen Golf
Wo ein Fass Öl eine Million kostet

Die Art Basel feiert ihre Premiere in Doha: mit globalem Publikum, einem Superstar und leiser politischer Kritik. Wegen der Spannungen mit dem Iran blieb bis zuletzt unklar, ob sie überhaupt stattfinden würde.
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Prominenter Gast in Doha: David Beckham (M.) besucht die Art Basel und wirbt für Katar – begleitet von Tourismus-Chef Saad bin Ali Al Kharji (l.).
Foto: STEFAN BOHRER
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Peter HossliReporter & Leiter Journalistenschule

Blitzlichter flackern auf. Menschen scharen sich um einen kräftigen Mann im grauen Anzug. Gespräche verstummen. Handykameras richten sich auf ihn. David Beckham (50) betritt den Raum, umgeben von Videografen und begleitet von Katars Tourismuschef.

Der ehemalige Fussballstar lächelt, posiert für Selfies und begrüsst Galeristinnen. Fragen von Reportern beantwortet er nicht.

«Seine Exzellenz, warum ist es wichtig, dass David in Doha ist?» Die Antwort des Chefs von Qatar Tourism Saad bin Ali Al Kharji fällt knapp aus und sagt doch alles: «Weil er David ist.» Ein Begleiter ergänzt: «Bitte stellen Sie keine weiteren Fragen.»

Ein Satz, der sinnbildlich wirkt für die Kulturen, die diese Woche in Doha im Emirat Katar aufeinandertreffen. Am Persischen Golf versammelt sich die globale Kunstszene – auf Initiative der Schweiz. Geladen hat die Art Basel, die neben ihrer Heimat am Rheinknie sowie Paris, Hongkong und Miami (USA) nun einen fünften Standort eröffnet.

Es geht um mehr als Kunst.

Kritiker werfen Katar Nähe zur palästinensischen Terrororganisation Hamas vor. Menschenrechtsorganisationen prangern seit Jahren Missstände an und bemängeln fehlende demokratische Strukturen. Andere betonen die Fortschritte, die das Emirat in den letzten sechzig Jahren gemacht hat: vom Beduinenstaat zu einem der reichsten Länder der Welt.

Um sein Image zu stärken und zugleich für die Art Basel Doha zu werben, engagierte Katar Beckham. Über die Höhe seines Gehalts kursieren astronomische Zahlen. Medienberichte sprechen von 60 bis 90 Millionen Dollar.

Brücken statt Belehrungen

«Katar sucht Brücken zur Welt – wir helfen, sie zu bauen», sagt Andrea Zappia (62), Verwaltungsratspräsident und CEO der MCH Group, zu der die Art Basel gehört. Er sei hier, um zuzuhören, nicht um zu belehren, so der Mailänder. «Basel ist von Natur aus offen – und bescheiden. Wir wollen lernen.»

Alles ist blitzblank vor der Halle M7 im Kunst- und Designviertel Msheireb. Arbeiter schrubben Böden, bürsten den roten Teppich, fischen letzte Blättchen aus den Brunnen, als stünde eine Staatsvisite bevor. Vor der Marmorfassade scheint vieles choreografiert. Frauen sitzen an Café-Tischen und nippen an Cappuccinos. Rolls-Royce, Bentley und Mercedes-G-Klassen fahren vor. Chauffeure öffnen Türen.

Über 600 Galerien haben sich für die erste Ausgabe der Art Basel Doha beworben, 87 erhielten den Zuschlag. Jede Galerie zeigt jeweils einen Künstler, dessen Name auf den Schildern grösser gedruckt wird als jener der Galerie. Pro Galerie dürfen zwei Personen die Besucher beraten. All das verleiht der Schau in Doha einen intimeren Charakter als in Basel. Man fühlt sich weniger an einer Messe als vielmehr in einem Museum. Mehr MoMA, weniger Muba.

Kuratiert wurde die Art am Golf vom ägyptischen Künstler Wael Shawky (55). In Doha habe er bewusst eine andere Form gesucht: «Eine Messe, bei der sich Künstler respektiert fühlen, weil es um ihre Arbeit und nicht nur das Geschäft geht.» Dass ungewöhnlich viele Kunstschaffende vor Ort seien, wertet er als Zeichen, dass der Ansatz funktioniere.

Vertreten sind grosse Namen. Die New Yorker Galerie David Zwirner zeigt Gemälde von Marlene Dumas. Gagosian präsentiert verhüllte Ölfässer von Christo, zu haben für 900'000 Dollar. Eine gewisse Ironie liegt darin: Der Reichtum der Region gründet auf Öl und Gas. Ein Fass Rohöl notiert bei 68 Dollar. In Doha gibt es dasselbe Fass, kunstvoll veredelt und leer, für knapp eine Million.

Wecken in Katar grosses Interesse: vier Gemälde von Jean-Michel Basquiat.
Foto: STEFAN BOHRER

Basquiat und Picasso im Angebot

Vier Gemälde von Jean-Michel Basquiat (1960–1988) bietet eine Galeristin aus den USA an. Das bedeutendste taxiert sie auf 40 Millionen Dollar. Das Interesse sei gross, noch werde verhandelt. «Bei solchen Summen geht es selbst hier nicht schnell.»

Ein paar Schritte weiter hängen sechs späte Werke von Pablo Picasso (1881–1973). Das teuerste kostet 8,2 Millionen Dollar. Besucher bleiben davor stehen, machen Selfies, fragen nach Provenienz und Preis. Viele staunen über das, was an den Wänden hängt.

Eine Frau betrachtet die Bilder durch den Nikab, der ausser den dezent geschminkten Augen das Gesicht verdeckt. Leise tuschelt sie mit ihrem Mann. Kaufen sie einen Picasso? Oder alle?

Den Blick des Betrachters einfangen: Zwei einheimische Besucher in den Galerien der Art Basel Doha.
Foto: STEFAN BOHRER

Wie an der Art Basel üblich, ist das Publikum in Doha gut gekleidet und wirkt gut gealtert. Unter die hippen Zürcher, Berliner und Mailänder mischen sich elegante Männer in Dischdaschas, den weissen, langen traditionellen Gewändern der Region. Frauen tragen Abayas in allerlei Farben.

MCH-Präsident Andrea Zappia trinkt stilles Wasser in seinem Büro und beantwortet die zentrale Frage: Warum expandiert die Art Basel an den Persischen Golf? «Weil hier bereits ein funktionierendes Kunst- und Kulturökosystem existiert», sagt er. Als er erstmals nach Doha kam, habe ihn vieles an Basel erinnert: eine starke Museumsinfrastruktur und langfristige Planung.

Katar setzt auf Kultur: Das National Museum of Qatar in Doha wurde am 28. März 2019 eröffnet. Entworfen hat es der französische Architekt Jean Nouvel.
Foto: STEFAN BOHRER

Insbesondere die Schwester des Emirs treibt Kultur und Bildung voran. Sheikha Al-Mayassa (42) leitet die Museumsbehörde. Dank ihr sind im Emirat pompöse Museen entstanden, entworfen von architektonischen Stars wie Jean Nouvel, I. M. Pei (1917–2019) oder Rem Koolhaas. Weitere Museen sind in Planung, darunter eines von Herzog & de Meuron.

Sheikha Al-Mayassa will das Land durch Kultur stärken und international neu positionieren. Das gehört zum Plan für eine Zukunft, die nicht allein auf fossilen Brennstoffen beruht. Der TV-Sender Al Jazeera, die Fussball-WM 2022, Investitionen von London über Paris bis in die Schweiz – vom Bürgenstock über Harrods bis zu Paris Saint-Germain – sind bereits Teil dieser Strategie.

Nun soll Kunst diese Zukunft mitgestalten. Die Art Basel wird dabei zur Plattform. «Wir wollen den Kunstmarkt gesünder machen, indem wir neue Sammler gewinnen», sagt Zappia. In Doha rücke man näher an sie heran, statt zu warten, bis sie nach Basel kommen. «Nicht nur die Golfstaaten sind nah, auch Indien ist nur zweieinhalb Flugstunden entfernt.» Der Frage nach Meinungsfreiheit und künstlerischen Grenzen begegnet Zappia nüchtern. «Wir haben oft ein Bild von Katar, das nicht der Realität entspricht. Katar ist offener, als viele in Europa denken.»

Dass die Messe überhaupt stattfinden konnte, war in den Tagen vor der Eröffnung keineswegs sicher. Gleich auf der anderen Seite des Persischen Golfs liegt der Iran. US-Präsident Donald Trump (79) liess eine Armada auffahren und droht Teheran mit einem Angriff. Die Spannungen sind real. «Natürlich hatten wir Angst, sehr grosse sogar», sagt Zappia. Die Sorge war, dass er die Art absagen müsste.

Zappia entschied sich dagegen. «Wir wollten positiv bleiben. Weitermachen.» Den Ausstellern sandte er ein Signal: «Ich bin hier, ich warte auf euch.»

Fortschrittlicher als viele denken

«Ich liebe Kunst. Ich sauge alles auf, was ich sehen kann»: Die katarische Künstlerin Munira Al Tamimi besucht die Art Basel Doha.
Foto: STEFAN BOHRER

Nicht über Politik sprechen will die katarische Künstlerin und Innenarchitektin Munira Al Tamimi (40). Sie trägt eine Abaya und sagt: «Ich liebe Kunst. Ich sauge alles auf, was ich sehen kann.» Oft stehe sie stundenlang vor einem Werk, um es zu verstehen.

Sie widerspricht westlichen Klischees. Sie entscheide selbst, ob sie heute eine bunte oder eine schwarze Abaya trage. Ihre Familie habe nichts dagegen, dass sie ihr Gesicht zeige oder ein Instagram-Konto führe.

Bedeutende Galerien loben die neue Messe. Es sei «hier in Doha äusserst lebendig und geschäftig», sagt der berühmte deutsch-amerikanische Galerist David Zwirner (61) zu Blick. Er habe Kunden aus der Region, aus China, Europa und den USA getroffen. «Unsere Präsentation von Gemälden von Marlene Dumas ist auf aussergewöhnlich grosses Interesse gestossen», so Zwirner.

«Ich will Spass haben»: Der deutsche Galerist Gerd Harry «Judy» Lybke zählt mit seiner Galerie Eigen + Art zu den führenden Händlern für zeitgenössische Malerei in Deutschland.
Foto: STEFAN BOHRER

Vor allem Spass hat der legendäre deutsche Galerist Gerd Harry Lybke aus Leipzig (D). «Ich bin hier auf einer Mission», sagt der Besitzer von Eigen + Art. «Fame and never die.» Berühmt sein wolle er – und nie sterben. «Und am Ende geht es natürlich um Money.»

Er zeigt Arbeiten des Leipziger Malers Neo Rauch (65). Ob sich das lohnt? «Der Erfolg ist schon da, da die Leute hier nun wissen, dass es Neo Rauch gibt.»

Zum Helden werden

Unterscheidet sich Doha von Basel oder Paris? «Ja», sagt Lybke. «Hier braucht man Helden.» Und er sagt das ohne Ironie. «Ich bin bereit, ein Held zu sein.» Wie wird man das in Katar? «Indem man die Kultur annimmt», sagt er. «Akzeptiert und respektiert.»

Am Abend verlagert sich die Messe aus dem Marmor ins Freie. Um halb sechs trifft sich die Kunstgemeinde im Park direkt am Golf. Es gibt frisch gebackenes Brot und scharfe Currys. Die Stimmung ist so friedlich wie das Bild, das Katar mit seiner sauberen und sicheren Oberfläche vermittelt.

Mittendrin die Schweizer Sammlerin und Mäzenin Maja Hoffmann (70). Für sie ist Doha kein Neuland. «Ich reise seit Jahren hierher – unabhängig davon, ob es die Art Basel gibt oder nicht», sagt sie. «Mich hat jetzt interessiert, ob neue Menschen anreisen, insbesondere neue Sammler. Und das scheint tatsächlich gelungen zu sein.»

Beide kennen den Nahen Osten gut, jetzt besuchen sie die Art Basel Doha: Die Schweizer Kunstsammlerin und Mäzenin Maja Hoffmann und der thailändische Künstler Rirkrit Tiravanija.
Foto: STEFAN BOHRER

Hoffmann kennt die Region. «Ich war gerade wieder in Saudi-Arabien und habe enorm viel frische Energie gespürt, verbunden mit vielen Fragen.»

Könnte der Westen von dieser Region lernen? «Ja, ganz sicher», sagt Hoffmann. Man dürfe nicht vorschnell politisch urteilen. «Wenn man nur mit negativen Vorannahmen auf diese Gesellschaft blickt, verpasst man, dass hier ein Wunsch nach Öffnung besteht.»

Im Zentrum der Party steht der thailändische Künstler Rirkrit Tiravanija (64) mit seinem Projekt «No Ashes No Bread». Für seine Installation hat er einen Backofen gebaut. «Die Gastarbeiter hier in Katar backen alle Brot, aber jeder anders: mit offenem Feuer, mit Öfen, mit Tandoors.»

Apéro riche

Für ihn sei «Kunst ein grossartiges Alibi, damit Menschen zusammenkommen», erklärt Tiravanija. Auch David Beckham ist da. Zusammen mit Sheikha Al-Mayassa und Künstler Tiravanija isst er Brot und thailändisches Curry: ein Apéro riche.

Besucht haben die Art Basel in Doha über 15'000 Personen. Wie geht es nun weiter am Golf? «Wachsen und schützen», sagt CEO Zappia. Die Messe werde bald grösser, aber ihren Boutique-Charakter behalten. Vielleicht eines Tages auf einer Insel vor Doha, im neuen Museum, das Herzog & de Meuron derzeit entwickeln. «Das wäre atemberaubend.»

Die Wurzeln der Art aber lägen unverrückbar in Basel. «Art Basel ist wie eine grosse Eiche. Die Äste reichen weit, aber ohne starke Wurzeln fallen sie ab.» Dass Doha eines Tages Basel ersetzen könnte? «Unmöglich.»

Für das Emirat ist diese erste Art Basel ein weiterer Schritt hinaus in die Welt. Gegenüber Blick wollten die beiden einzigen Schweizer Galerien – Hauser & Wirth und Karma International – nicht sagen, was sie nach Katar geführt hat.

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