Darum gehts
- Angeles City: Billige Preise ziehen Sextouristen an
- Die Frauen arbeiten hier oft verschuldet und ohne Schutz im Sexgeschäft
- Im Rotlichtviertel führt ein Schweizer das Hotel «Swiss Chalet»
«Welche willst du?» Die Kellnerin beugt sich vor, Musik verschlingt ihre Worte. Aus den Boxen dröhnt «Never Say Never» von Justin Bieber – Teenie-Charme meiner Generation. Und jener der 15 Frauen, die auf der Bühne in der Mitte der Bar tanzen. Stöckelschuhe, Netzstrümpfe, Unterwäsche.
«Die zweite von links», sage ich.
Rose reisst die Augen auf, als die Kellnerin sie antippt. Sie kichert, dreht sich zu den anderen um, dann stöckelt sie von der Bühne. Rose bestellt einen Cocktail. Auf meine Rechnung. Für ein paar Minuten gehört sie mir – so funktioniert das hier.
«Frauen haben wir genug»
Wir sind in einer Sexbar in Angeles City. Der Türsteher hat mich erst nicht reinlassen wollen. «Frauen haben wir genug», sagte er. Die Bar war leer, ich versprach, zu trinken. Er zuckte mit den Schultern: «Ausnahmsweise.»
Der dicke Rentner im weissen Poloshirt zeigt, wie es läuft. Er küsst die Frau zu seiner Rechten und knetet die Brust einer zweiten links. Rose neben mir kichert, verlegen.
Es sei erst ihr dritter Tag hier, sagt sie. Die Haare frisch blondiert, noch kein dunkler Ansatz. Früher sei sie Verkäuferin gewesen. «Meine Cousine brachte mich her.» Sie nickt zur einzigen anderen Blondine im Raum.
Ich frage nach dem Tattoo an ihrem Hals. «Der Name meines Sohnes.» Rose ist 25. Ihr Junge fünf. Am Unterarm ein Traumfänger, der Narben verdeckt. «Ich habe mich geschnitten», sagt sie ruhig. «Kaputte Familie. Niemand kümmerte sich.»
Den Cocktail rührt sie kaum an. Wichtig ist nur die Karte an ihrer Hüfte, ein Zettel im Plastiketui. Jeder Drink ein Eintrag. Und jeder Eintrag ein paar Pesos Provision. Wie viel, sagt sie nicht. Gäste können sie mit ins Hotel nehmen – gegen Geld. Die Preise macht die Bar. Das Geld kassiert die Kellnerin.
Vier Franken für Gesellschaft
Sie könne sich weigern, mitzugehen, meint Rose. Dann verdiene sie weniger. «Hast du das schon getan?», frage ich. Sie lacht. «Ich bin erst drei Tage hier.»
Ich zahle. 300 Pesos, vier Franken. Rose geht.
Draussen blinken Neonlichter. Türsteher in Schwarz warnen jeden, der das Handy hebt. Es ist 20 Uhr, die Fussgängerzone füllt sich. Die meisten Partygänger sind weisse Männer über 60. Angeles City – Winterquartier für Sextouristen mit kleinem Budget.
In einer Seitenstrasse steht das «Swiss Chalet». Ein Hotel im Riegelhaus-Look. Im Eingang hängen alle Kantonsflaggen. An rustikalen Holztischen gibt es Cordon bleu und Rösti.
Beat List (66) aus Kreuzlingen TG sitzt neben dem Tresen und isst Fleischkäse. Seit elf Jahren ist der frühere Metzger Pächter des «Swiss Chalets». «Wir haben viele Schweizer Stammgäste», sagt er. «Senioren, die jeden Winter kommen. Junge rücken kaum nach.»
«Wenn das Geld weg ist, funktioniert nichts mehr»
Ich frage nach dem Sextourismus. Er lacht. «Den gibts hier?» Er sagt es wie jemand, der die Frage kennt.
Dann erzählt er von Gästen, die an die grosse Liebe glauben. Männer mit vollen Taschen, die Autos kaufen, Häuser bauen. «Sobald das Geld weg ist, funktioniert nichts mehr», sagt List. Dann komme das Theater. «Ist auf der ganzen Welt so.»
Aus der Küche tritt Herbert Resl (55), Schweiss auf der Stirn, Bratbutter in der Luft. Ein Österreicher, seit 18 Jahren hier. «Solange du Geld hast, bist du König», sagt er. «Egal wie alt und dumm du ausschaust.»
Früher habe er auch so gelebt. Dann kam seine Tochter. «Mit zwölf fragte sie, warum Männer allein in Bars gehen und mit Frauen wieder rauskommen.» Er habe gesagt, sie hätten sich schnell verliebt.
Herbert verschwindet zurück hinter den Herd. Pfannen klirren. Die Kellnerin fragt nach einem Getränk.
Beat beugt sich vor. «Wenn ein Gast sie anfasst, fliegt er raus. Ich habe Frauen zum Arbeiten, nicht zum Spielen.» Klare Regeln. Harte Grenze. «Und wer mit einem Gast aufs Zimmer geht, arbeitet hier nicht mehr lange.»
Gäste werfen Tänzerinnen Noten zu
Beat List sagt, hier funktioniere Liebe nur mit Geld. Zwei Strassen weiter gibt es genug davon.
Der Türsteher schickt uns nach oben. Galerie, hintere Reihen. Die guten Plätze sind für Männer reserviert.
Auf der Bühne unten läuft die Show schon. Die G-Spot-Tänzerinnen schwingen die Hüften. Sie tragen dünne weisse Kleidchen, das Licht macht sie durchsichtig. Danach die Black-Tape-Supermodels in schwarzer Unterwäsche, geschniegelt wie Schaufensterpuppen.
Geldscheine fliegen auf die Bühne. Zerknüllt, gefaltet, geworfen wie Papierkugeln. Frauen springen hoch, Arme gestreckt, Lächeln festgetackert.
Vor uns steht ein Gast mit einem Stapel 50-Peso-Noten, frisch gewechselt. Die kleinste Note. Er wirft eine. Wartet. Beobachtet, wie zwei Tänzerinnen nach ihr greifen. Erst wenn eine sie hat, wirft er die nächste. Er kostet den Moment aus wie ein Spiel.
Dann wirft er mehrere auf einmal. Die Frauen stürzen sich darauf. Eine zieht eine andere an den Haaren, um eine Note zu erwischen. Der Mann lehnt sich zurück und lacht. Zufrieden, als hätte er einen guten Witz erzählt.
Sexarbeiterinnen oft verschuldet
Manche suchen Liebe. Andere Macht. Geld ermöglicht beides.
Ich denke an Rose.
Sie sagte, sie sei freiwillig hier. Alle anderen auch. Von NGO-Mitarbeitern weiss ich, dass viele der Frauen mit einem Vorschuss kommen. Sie haben also Schulden bei der Bar. Schulden, die bleiben, die binden. An die Bar, ans Sexgeschäft.
Freiwillig ist ein grosses Wort.
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Wenn Rose mit einem Ausländer ins Hotel geht, ist sie allein. Kein Türsteher, kein Beat List, keine Regeln.
Nur ein Zimmer, ein fremder Mann, der im Voraus bezahlt hat. Erwartungen, die sie erfüllen muss. Und niemand, der sie schützt.