Ausschreitungen im Kosovo: Hier gehen die Demonstranten auf Sicherheitskräfte los(01:35)

Aleksandar Vucic hält Konflikt im Nordkosovo am Köcheln
Der Meister der leeren Versprechungen

Seit bald zehn Jahren regiert er Serbien. Er hat Macht über Militär, Medien, Justiz und Polizei. Dem Westen verspricht der politische Hüne Öffnung und Rechtsstaatlichkeit, vor allem aber eine Lösung im Nordkosovo-Konflikt. Doch die scheint nicht in Sicht.
Publiziert: 30.05.2023 um 16:43 Uhr
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Aktualisiert: 30.05.2023 um 19:44 Uhr
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Serbiens Präsident Aleksandar Vucic (links, 53) bei einer Pressekonferenz in Belgrad, nachdem bei gewaltsamen Ausschreitungen im Nordkosovo 25 Nato-Soldaten verletzt wurden.
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Myrte MüllerAussenreporterin News

Während die EU die Aufnahme Serbiens vorantreiben will, schrecken immer wieder solche Bilder auf: Tausende serbische Soldaten und Artilleriegeschütze beziehen Stellung an der Grenze zum Nordkosovo. Und jedes Mal taucht die bange Frage auf: Gibt es nun Krieg auch auf dem Balkan?

Ob Streit um kosovarische Autokennzeichen für serbische Einwohner, ob von Kosovo verschärfte Einreiseregeln für Serben oder wie aktuell die Nominierung albanischer Bürgermeister in Gemeinden mit serbischer Mehrheit im Nordkosovo: Allein in den vergangenen Monaten kam es vermehrt zu gewaltsamen Ausschreitungen zwischen den verfeindeten Ethnien im Grenzgebiet – und Serbiens Präsident Aleksandar Vucic (53) versetzte seine Armee in höchste Alarmbereitschaft.

Serbien will den EU-Beitritt und deren Millionen

Doch der Konflikt artete bisher nie wirklich aus. Bevor Serbien aus allen Kanonen schiesst, deeskaliert der Präsident. Erst zeigt er seiner nationalistischen Wählerschaft die eiserne Hand eines starken Serbiens, um sich danach vom Westen ein Schulterklopfen wegen seiner Entspannungsbemühungen zu holen. Der Belgrader ist ein Meister leerer Versprechungen und ein virtuoser Tänzer auf sämtlichen Hochzeiten.

Denn Vucic will nicht nur ein nationalistisches Serbien. Er will auch den EU-Beitritt, vor allem die EU-Millionen. Doch dafür braucht es Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Frieden mit dem Kosovo. Das alles verspricht der Zweimeter-Mann in seinen Reden an die internationale Welt – und er erhält Applaus. Die Realität sieht allerdings anders aus.

Kosovo gilt noch immer als abtrünnige Provinz Serbiens

Aleksandar Vucic regiert autokratisch, zensiert die freie Presse, hat Massenmedien, Justiz und die Staatsgewalt fest in der Hand. Seine Allmacht gleicht jener des ungarischen Staatschefs Viktor Orban (59) oder des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan (69). Der Kosovo gilt in Serbien nach wie vor als abtrünnige Provinz. Einen ernsthaften Lösungsvorschlag für den Konflikt legte Vucic nie vor. Zudem zählt er, wenn auch nicht offiziell, zu den Freunden Putins. Traditionell fühlen sich die Serben kulturell und religiös den Russen verwandt. 70 Prozent sehen keine Schuld Russlands am Ukraine-Krieg.

Dabei reicht ein Blick in den Lebenslauf des einstigen Reporters, um zu erkennen, auf welcher Seite Vucics Herz schlägt: Der Sohn eines Ökonomen und einer Journalistin studierte Rechtswissenschaften in Belgrad und lernte Englisch in Brighton (Grossbritannien). Bei seiner Rückkehr wurde er Journalist, berichtete über den Bosnienkrieg.

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1993 trat Vucic in die Serbische Radikale Partei ein. 1995 forderte er im Parlament, für jeden getöteten Serben sollten 100 Muslime sterben. Von 1998 bis 2000 war er Informationsminister unter Präsident Slobodan Milosevic (†65). Den früheren Machthaber, der sich in Den Haag wegen Kriegsverbrechen verantworten musste, bezeichnete Vucic vor kurzem noch als grossen serbischen Führer. 2008 wechselte Aleksandar Vucic zur Serbischen Fortschrittspartei. Seit 2012 führt er den Vorsitz der grössten Partei des Landes. Er wurde Verteidigungsminister, dann erster Stellvertreter des Ministerpräsidenten. Ab April 2014 war er serbischer Ministerpräsident, 2017 wurde er schliesslich zum Präsidenten gewählt.

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