100'000 Russen stehen bereit
Ukraine erwartet russischen Monster-Aufmarsch

Entlang des nordöstlichen Frontabschnitts zwischen Kupiansk und Lyman ziehen die russischen Angreifer ihre Kräfte zusammen. Die Ukraine hofft auf die Wirkung ihrer umstrittenen neuen Waffe. Und der britische Verteidigungsminister macht Kiew Hoffnung.
Publiziert: 19.07.2023 um 00:14 Uhr
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Aktualisiert: 19.07.2023 um 06:37 Uhr
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Ein ukrainischer Kämpfer an der Kriegsfront: Kiews Gegenoffensive kommt langsamer voran, als erhofft.
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Samuel SchumacherAusland-Reporter

Während in Moskaus militärischer Teppich-Etage pures Chaos herrscht, scheinen sich Wladimir Putins (70) Truppen im Staub und Dreck des Donbass für eine böse Sommerüberraschung zusammenzuraufen.

Entlang des rund 100 Kilometer langen Frontabschnitts zwischen den beiden ukrainischen Kleinstädten Kupiansk und Lyman im Nordosten des Landes haben sich laut Angaben der ukrainischen Streitkräfte mehr als 100'000 russische Soldaten zusammengezogen. Oleksander Syrsky (57), Befehlshaber des ukrainischen Heeres, bestätigt: Die Russen bereiten sich auf eine neue Offensive vor.

Russen mit erstem Mini-Erfolg

900 Panzer, 555 Artillerie-Geschosse und mindestens 370 Raketenwerfer sollen die russischen Angreifer laut ukrainischen Angaben rund um Kupiansk und Lyman aufgefahren haben. Stimmen diese Zahlen, dann hätte Russland ein knappes Drittel seines in der Ukraine stationierten Militärs an den verhältnismässig kurzen Abschnitt der mehr als 1000 Kilometer langen Front geschickt.

Offenbar zeigt die Offensive erste Mini-Erfolge. So ist es den Russen laut übereinstimmenden Angaben beider Kriegsparteien gelungen, den entlang der Front verlaufenden Fluss Scherebez an mindestens einer Stelle zu überqueren. Die Ukrainer, so berichtet der belarussische Militärkanal «Military Summary», seien davon ausgegangen, dass ihnen der Fluss die Russen vom Hals halten würde. Deshalb seien die ukrainischen Verteidigungsanlagen in dieser Gegend relativ dünn gesät – was sich jetzt räche. Die Ukraine habe bereits eine erste Reserve-Brigade von weiter südlich abgezogen und in die Region geschickt.

Streubomben könnten Durchbruch bringen

Während sich die Russen im Nordosten neu formieren, warten die westlichen Unterstützer der Ukraine weiter auf einen entscheidenden Durchbruch von Wolodimir Selenskis Truppen. Vor allem die russischen Minenfelder würden dem ukrainischen Vorstoss aber stark zu schaffen machen, schreibt der britische Munitionsexperte Steve Brown in der «Kyiv Post».

Lieferung aus den USA: Streumunition in der Ukraine angekommen(01:47)

Mit der eben erhaltenen amerikanischen Streubomben-Munition könnte die Ukraine solche Minenfelder relativ effizient räumen. Ein einziges Streubomben-Geschoss setzt kurz vor dem Aufprall Hunderte Handgranaten-grosse Mini-Bomben frei, die über eine bestimmte Fläche verteilt einschlagen und Minen zum Explodieren bringen.

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Gelingt der Ukraine eine solche gezielte Räumung und ein anschliessender Vorstoss, könnte der erhoffte Durchbruch rasch kommen, sagt Mike Martin, britischer Kriegsexperte vom Kriegsforschungsinstitut am Londoner King’s College, zur «Deutschen Welle». «Die Ukrainer müssen die russischen Stellungen an nur einer Stelle durchbrechen, dann könnten die ganzen russischen Streitkräfte in dieser Region kollabieren.» Die verhältnismässige Ruhe der vergangenen Monate sage nichts über den zukünftigen Verlauf des Krieges aus.

Wagner-Revolte zeigt Putins Reservisten-Problem

Erfolgversprechend wäre ein solcher Durchbruch durch die russische Front auch deshalb, weil die Russen hinter ihren bislang stabilen Verteidigungsanlagen offenbar nur wenige Reservisten haben. Das zumindest behauptete vergangene Woche der britische Verteidigungsminister Ben Wallace (53) bei einem Auftritt am Rande des Nato-Gipfels in Vilnius.

Der problemlose Durchmarsch der Wagner-Truppen in Richtung Moskau habe gezeigt, dass Putin kaum aktive Reserve-Bestände auf seiner Seite habe. Wallace zeigte sich überzeugt, dass die ukrainische Gegenoffensive letztlich erfolgreich sein werde: «Wir haben die Ukraine vom ersten Tag dieses Krieges an unterschätzt. Und wir tun es bis heute.»

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