Sir Jackie Stewart im Weihnachts-Interview «Die grösste Herausforderung ist die Demenz meiner Frau»

Seit 2001 darf sich der dreifache Champion John Young Jackie Stewart (77) Sir nennen. Der Schotte verzaubert noch heute das Fahrerlager mit seinen Auftritten. Als Legastheniker reist er mit seinem eigenen Sekretär um die Welt. Stewart ist der grösste Botschafter im globalen Sport-Business. Das exklusive Gespräch.

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Formel 1

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Herr Stewart, was macht Sie so populär?
Sir Jackie Stewart:
(lacht) Ich versuche, der Formel 1 das zurückzugeben, was sie mir früher geschenkt hat. Erfolg, Ruhm und Geld.

Tönt relativ einfach…
Ich habe seit 48 Jahren einen Vertrag mit Rolex, seit 47 Jahren mit Moët & Chandon, seit 40 Jahren mit Ford. Früher war ich je 18 Jahre mit der Reifenfirma Goodyear und als TV-Mann bei ABC Sport.

Dann tragen Sie also goldene ­Uhren, trinken Champagner und fahren einen Ford.
Ich habe zwölf Rolex-Uhren und ich trage sie alle. Die wertvollsten sind eine Uhr von John Coombs, die schon mein Vater trug. Und eine Stanley Steel Daytona für meine Pole-Position 1971 in Monte Carlo. Ja, ich trinke sehr gerne Champagner – und selbst einen Ford fahre ich noch.

Wie kommt man zu Rolex?
Im April 1968 habe ich den ersten Vertrag abgeschlossen. Der Golfer Arnold Palmer, der Skifahrer Jean-Claude Killy und ich wurden damals von Rolex als weltweit bekannte Sportler ausgesucht. Keine Ahnung, warum.

Und jetzt ist Rolex einer der Hauptsponsoren der Formel 1.
Als Teamchef hatte ich vergeblich angefragt. Sie wollten auf kein Auto. Vor fünf Jahren habe ich sie wieder gefragt, ob sie nicht die ganze Serie unterstützen wollen. Bei einem Lunch kam die perfekte Hochzeit zustande.

Sie waren auch beim Heineken-Deal mit 250 Millionen Dollar für fünf Jahre involviert, oder?
Richtig.

Wieviele Formel-1-Stars verdienen mehr als Sie im Jahr?
(lacht und streckt vier Finger in die Höhe).
Die beiden Fahrer von Mercedes und Ferrari.

Haben Sie da nicht den Alonso vergessen?
Ja, dann sind es eben fünf – ich brauche also weiter nur eine Hand zum Zählen!

Mit Politik haben Sie kaum etwas am Hut. Was halten Sie vom Brexit? Und haben Sie im September 2014 als Schotte für die Unabhängigkeit ihres Landes gestimmt?
Nein. Als junger Sportler habe ich mir geschworen, dass ich nie Geld für eine politische Kampagne überweisen werde. Und deshalb wähle ich auch nicht.

Schottland…
Grossbritannien ist zu klein, um auseinanderzubrechen. Schottland, Wales und Nordirland haben ihr eigens Parlament. Aber wir sind alle noch in der UK – und so sollte es bleiben. Schon im Hinblick auf den Ölpreis und die Industrie sollte Schottland nie einen Alleingang wagen. Und wie es mit dem Brexit wirklich wird, weiss noch niemand.

Waren Sie mit der WM Ausgabe 2016 zufrieden?
Es geht. Die WM wurde vom Auftauchen des Max Verstappen überstrahlt, sonst war sie nicht sehr interessant. Der Holländer erinnert mich an die ersten Rennen von Mario Andretti, Jochen Rindt oder François Cevert. Sie alle mischten damals das Geschäft auf.

Am Ende stöhnten die Fahrer über die zu lange Saison?
Da muss ich lachen. 1971, als ich zum zweiten Mal Weltmeister wurde, habe ich den Atlantik 86 Mal überflogen. Also 43 Trips nach Amerika und zurück. Für die Can-Am-Serie, das ABC Fernsehen und als Ford-Repräsentant. Ich fuhr auch in der Formel 2 sowie mit Sportwagen und Tourenwagen herum.

Was fehlt der Formel 1?
Spannung, Defekte, Fehler und Unfälle. Das darf man nicht falsch verstehen. Keiner will Tote sehen, aber Nervenkitzel erleben. Zu meinen Zeiten war das so, aber leider haben viele meiner Rivalen auch den höchsten Preis bezahlen müssen.
2017 wird alles neu und breiter.

Wird es auch interessanter?
Die Formel 1 ist nie ausgeglichen. Jedes Jahr hat ein Team einen gewissen Vorteil. Schon während meiner Zeit von 1965 bis 1973, als ich mit etwas Glück und ohne Magenkrankheit sechsmal Champion in Serie hätte werden können. Da hat Ferrari nie einen Titel gewonnen. Damals sind sie am Supermotor von Ford-Cosworth gescheitert. Alle andern fuhren diesen Motor. Ford war das beste Beispiel für eine tolle Formel 1.

Warum sind Sie eigentlich nie für Ferrari gefahren?
Enzo Ferrari war einfach nicht ehrlich zu mir – und zu einigen andern Fahrern auch nicht. Für mich ist ein Handschlag ein Vertrag!

Die Formel 1 braucht jetzt viele Helden, oder?
Die hatten wir auch früher. Jetzt ist Hamilton so eine Art moderner Held auf allen digitalen Kanälen. Vettel ist ein eher ruhiger Held. Und Räikkönen ist wahrscheinlich populärer als die beiden, weil er kaum was sagt – oder gerade deswegen.

Max Verstappen wird schon mit Senna und Schumi verglichen.
Eine interessante Frage. Ich stelle Alain Prost immer vor Ayrton Senna. Für mich war der Brasilianer der aufregendste Fahrer seiner Zeit. Doch am Ende gewann der Franzose mehr Rennen. Alain schaute nie so aus, als ob er seine Limiten überfahre. Das tat aber Ayrton – das ist meine Kritik.

Und andere Kriterien?
Wenn man sich die Inboard-Kameras anschaut, dann fällt sofort auf, dass Senna dreimal mehr am Lenkrad arbeitete als Prost. Senna war superschnell, doch Prost hatte den saubereren Fahrstil. Auch heute versuchen es noch viele Fahrer mit der Brechstange – das macht sie langsamer.

Und Michael Schumacher?
Seine grosse Stärke war, dass er stets die richtigen Leute um sich scharte. Egal, ob Ross Brawn oder andere Ingenieure, die er von Benetton zu Ferrari mitnahm. Was er wollte, bekam er von Ferrari. Ich glaube, er war als Strippenzieher fast noch besser, als er es als Rennfahrer war! So sass er meist im besten Auto und holte die meisten GP-Siege. Das bringt ihn aber nicht vor Juan-Manuel Fangio!

Der Argentinier ist also für Sie der beste Fahrer aller Zeiten?
Ja, wenn man die WM seit 1950 anschaut. Er suchte sich immer das beste Auto. Als er im Mercedes sass, spürte er schon, dass er wieder zu Maserati wechseln musste. So wurde er fünfmal Champion.

Und wer kommt nach Fangio?
Mein Landsmann Jim Clark, der ja immer für Lotus fuhr.

Die Nummer drei?
Weiss nicht. Doch, Prost.

Schumi brauchte fünf Jahre, um mit Ferrari Weltmeister zu werden. Vettel geht dort in seine dritte
Saison. Schafft er es früher?
Schumi war mehr fokussiert, engagierter und egoistischer, um das Gesamtpaket zu schnüren. Nur Fangio schaute noch so in eine Richtung.

Bleiben wir bei Schumi und seinem Unfall am 29. Dezember 2013. Ist Skifahren gefährlicher als Formel 1?
Ja! Man muss nur anschauen, welche Körperteile beim Skifahren geschützt sind. In der Formel 1 hatten wir
gigantische Unfälle, wie Alonso 2016 in Australien. Der ist praktisch ohne Blessuren vom Unfallort davongelaufen. Die Sicherheit ist jetzt alles. Zu meinen Zeiten wussten wir am Morgen nie, ob wir am Abend noch ins Hotel zurückkehren.

Denken Sie auch mal an Michael Schumacher: Wissen Sie, wie es ihm geht?
Nie etwas gehört. Leider.

Wie geht es eigentlich Ihrer Frau Helen?
Nicht sehr gut. Ihre Demenz-Krankheit ist jetzt meine grösste Herausforderung im Leben. Im Moment gibt es einfach noch keine heilbringende Medizin. Deshalb habe ich vor Jahren auch meine Stiftung «Broken D» ins Leben gerufen.

Da kamen sicher schon Millionen zusammen?
Ja, aber es braucht immer mehr Geld. Es braucht viele Ärzte, Professoren. In den letzten 25 Jahren sind viele Milliarden in die Demenz-Forschung gesteckt worden. Ohne Erfolg. Wir brauchen einen Adrian Newey der Medizin oder der Pharmaindustrie (Adrian Newey ist der Aerodynamik-Gott bei Red Bull, d. Red.).

Können Sie mit Helen reden?
Ja. Nur ihr Kurzzeitgedächtnis ist nicht gut. Doch sie kann sich an alles aus meiner Karriere erinnern – und sicher auch an Sie und unser erstes Interview 1971 in Begnins.

Wo wohnen Sie jetzt?
Wieder in der Schweiz! Wir sind in Genolier, wo ich drei Appartements gekauft habe. Ich liess für Helen drei Lifts einbauen. Die Privatklinik ist im Notfall nur 300 Meter entfernt. Drei Personen kümmern sich den ganzen Tag um Helen.

Also kämpft dort Ihre Frau keine fünf Kilometer neben Schumi in Gland um ihr Leben.
Das ist leider die traurige Situation.

Sind die Festtage deshalb noch wichtiger als sonst?
So ist es. Wir müssen sogar zweimal Weihnachten feiern. Paul ist mit seiner Familie in der Karibik. An Heiligabend kommt die Familie von Mark. Ich habe übrigens von meinen zwei Söhnen neun Enkel, acht Buben und ein Mädchen. Da kann es nie langweilig werden. Wir sind eine fantastische Familie.

Und die Formel 1 bekommt mit dem US-Unterhaltungsgiganten Liberty Media ein neues Gesicht, auch wenn Bernie Ecclestone mit 86 weiter das Sagen hat …
Es wird nie, nie einen andern Bernie Ecclestone geben. Er ist einzigartig – in der gesamten Welt des Sports. Nie hat ein Mann so viel Geld gemacht. Für sich und das grosse Umfeld.

Also gibt es keinen Nachfolger für Ecclestone?
Nein, Liberty Media muss da noch eine Lösung finden. Als in der NFL die grosse Figur Pete Rozell 1996 mit 70 Jahren starb, dachten alle, das ist das Ende der National Football League. Doch sie wurde noch besser, grösser. Weil neue Leute eine andere Kultur einbrachten und neue Wege gingen.

Sind Sie optimistisch?
Wir müssen es sein. Die Amerikaner müssen alles synchronisieren, wie ein Getriebe. Doch im Moment gibt es nicht viele Dinge, die man ohne Bernie machen kann. Wenn er mit den neuen Besitzern kooperiert, ist das super. Für alle, also auch für die Fans, die endlich wieder in den Vordergrund rücken müssen

Publiziert am 25.12.2016 | Aktualisiert am 09.01.2017
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