Weltraumforscher Willy Benz (60) ist Planetenjäger «Da draussen gibt es einen Zoo bizarrer Sachen»

BERN - Der Astrophysiker Willy Benz leitet als erster Schweizer eine Weltraummission. Im Interview spricht er über das Ausmessen weit entfernter Planeten, ausseridisches Leben und seinen Glauben an Gott.

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Herr Benz, das Universum ist unvorstellbar gross, wir sind unendlich klein. Wie kommen Sie klar mit der eigenen Bedeutungslosigkeit?
Willy Benz: Darüber mache ich mir nicht jeden Tag Sorgen. Ich bin mir diese Dimen­sionen gewohnt. Es ist doch fantastisch: Mit Physik können wir diese unglaubliche Grösse des Universums verstehen.

Wie dreht man trotzdem nicht durch?
Es gibt zwar noch sehr viel, was wir nicht verstehen. Aber die Astrophysik macht seit 20 Jahren enorme Fortschritte. Wir tappten lange im Dunkeln, dann sahen wir da und dort erste unscharfe Bilder in den Weiten des Alls. Die sind nun deutlicher. Wir sehen mit unseren Weltraumteleskopen fast durch das ganze Universum. Wir haben bereits 2000 Planeten entdeckt. Und stehen doch erst am Anfang.

Wie gross ist das Universum?
Beobachtbar sind etwa 14 Milliarden Lichtjahre. Das ist die Distanz, die Licht in 14 Milliarden Jahren zurücklegt. Für die rund 150 Millionen Kilometer zwischen Sonne und Erde braucht ein Lichtstrahl acht Minuten.

Was empfinden Sie, wenn Sie in den Sternenhimmel blicken?
Ich finde ihn immer noch sehr ästhetisch. Nur weil ich Astronom bin, heisst das nicht, dass ich diesen Anblick nicht mehr schön oder gar romantisch finde.

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«Ich bewege mich an der Grenze der Erkenntnis»: Willy Benz mit den Planeten Sonne, Jupiter, Erde und Saturn (von links). Philippe Rossier

Wurden Sie deshalb Weltraumforscher?
Nein, eher wegen der ersten Mondlandung. Die habe ich als Bub die ganze Nacht über im Fernsehen verfolgt. Die Mission war die perfekte Mischung: Astronomie, Himmelskörper und Raketen. Toll!

Sie untersuchen, wie und warum Planeten entstehen. Das sind existenzielle Fragen. Was treibt Sie an?
In der Planetenforschung entdecken wir ­völlig Unbekanntes. Und nicht bloss die 15. Kommastelle bei irgendeiner Gleichung. Ob es anderes Leben gibt im Universum, ist eine fundamentale Frage. Die stellt sich der Mensch, seit er denken kann. Wir wissen es immer noch nicht. Dass ich mich an der Grenze der Erkenntnis bewege, ist spannend.

Wie erklären Sie Ihren Kindern die Entstehung des Universums?
Das ist natürlich schwierig. Die Physik hört kurz vor dem Urknall auf. Wir haben keine Gleichungen, um ihn zu beschreiben. Wir wissen nicht, woher er kam und wieso. Aber den ganzen Rest versuchen wir mit den ­Gesetzen der Physik zu beschreiben. Und das ist so spannend wie Science-Fiction.

Es macht Sie offensichtlich glücklich.
Es gibt da draussen Phänomene, die sind so extraordinär, so komisch und überraschend. Es gibt Sterne, sogenannte Pulsare, die sind massiver als unsere Sonne, doch sie drehen sich in einer Millisekunde um ihre eigene Achse. In einer Millisekunde! Es gibt einen ganzen Zoo an bizarren Sachen da draussen. Ich fühle mich manchmal wieim Märchen. Ich liebe dieses Ungewöhn­liche.

Die Cheops-Mission will mit einem Weltraumteleskop in 100 bis 200 Lichtjahre entfernten Sonnensystemen Planeten untersuchen, sogenannte Exoplaneten. Was hoffen Sie zu entdecken?
Wir entdecken keine neuen Planeten. Wir unternehmen eine Folgeexpedition zu bereits bekannten Planeten. Deren Grösse messen wir so genau wie möglich. Beieinigen kennen wir bereits die Masse, bei anderen lässt sie sich anschliessend bestimmen. (Anmerkung der Redaktion: Wie das funk­tioniert, steht am Ende des Interviews.)

Warum ist das wichtig?
Masse und Grösse geben Auskunft darüber, ob ein Planet gasförmig ist oder steinig. Wir wollen herausfinden, welche dieser Planeten eine kleine, dichte Atmosphäre haben wie unsere Erde. Und ob ein Planet eine bestimmte Grösse haben muss, damit es auf seiner Oberfläche Wasser hat. Ob also wie bei uns ähnliche Voraussetzungen da sind, damit Leben entstehen kann.

Kann das Cheops-Teleskop ausserirdisches Leben entdecken?
Nein, aber es schafft die Grundlage für spätere Missionen mit diesem Ziel. Nach unseren Messungen werden andere Teleskope die von uns vorsortierten Planeten noch genauer ­untersuchen. Um Zeichen ausserirdischen Lebens zu finden.

Hoffen Sie trotzdem insgeheim darauf, Ausserirdische zu entdecken?
Es ist der Traum eines jeden Astronomen. ­Leben zu finden, heisst aber nicht gleich, dass dieses Leben intelligent ist. Es wäre trotzdem die grösste Entdeckung aller Zeiten.

Welche Voraussetzung muss ein Planethaben, damit Leben möglich ist?
Was ist Leben? Es gibt keine gute Definition dafür. Niemand weiss, wie Leben entstanden ist. Wir wissen nicht, ob automatisch Leben entsteht, wenn man zwei Mal die gleichen Bedingungen vorfindet. Man vermutet aber, dass es dafür mindestens flüssiges Wasser braucht.

Wie wahrscheinlich ist es, dass es nur auf der Erde intelligentes Leben gibt?
Etwa jede zweite Sonne im Universum hat mindestens einen Planeten. Sie sind überall. Es gibt 100 Milliarden Sonnen allein in unserer Galaxie. Und es gibt Hunderte Milliarden von Galaxien – nur mal nebenbei. Rein statistisch gibt es Planeten wie die Erde also sehr häufig.

Gibt es darauf Leben?
Das ist die grosse Frage. Deshalb sucht man ja einen zweiten Ort mit Leben. Sobald man den gefunden hat, weiss man, dass es Leben überall gibt. Wenn wir die Einzigen wären in diesem riesigen Universum – was wäre das für eine Platzverschwendung!

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In der grössten Vakuumkammer der Schweiz simulieren die Forscher die Bedingungen im All, um das Cheops-Teleskop zu testen. Philippe Rossier

Wo aber sind all die Aliens?
Meine Theorie ist nicht besser als all die anderen. Aber uns als überlegene Spezies mit hoch entwickelter Technologie gibt es erst seit etwa 100 Jahren. In der 14 Milliarden Jahre alten Geschichte des Universums ist das nichts. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr klein, dass wir eine andere Zivilisation finden, die den gleichen Entwicklungsstand hat wie wir. Entweder ist sie noch nicht so weit oder schon viel weiter. Und nun überlegen Sie mal, wie oft Sie einen Wurm verstehen. Wenn der Unterschied zu gross ist, wird Kommunikation unmöglich. Sind die anderen weiter entwickelt, haben sie vielleicht kein Interesse an uns. Denn dann sind wir die Würmer.

Frustriert Sie das? Zu wissen, dass eswahrscheinlich Aliens gibt, wir sie aber weder erreichen noch verstehen werden?Noch nicht. Vielleicht eines Tages, wenn ich älter bin.

Sie sind Astrophysiker und glauben an Gott. Wie lässt sich beides vereinen?
Es gibt Platz für etwas anderes als die Physik. Gott hat das Universum nicht in sechs Tagen erschaffen. Das kann man mit Physik beweisen. Aber wenn man ein wenig abstrahiert, dann gibt es nichts, was verhindert, dass man an einen Gott glaubt. Oder eben nicht. Gott macht keine Physik. Physik kümmert sich darum, wie etwas entstanden ist. Die Religion um das Warum.

Ist es einfacher, sich mit dem Wie zu beschäftigen als mit dem Warum?
Für einen Wissenschaftler sicher. Für das Wie haben wir Gleichungen. Wir können rechnen und das Resultat verstehen. Der Rest ist Glauben. Und glauben kann jeder, was er will. Darin ist niemand Experte.

An Gott zu glauben, hilft also, dass wir nicht an der Frage nach dem Warum verzweifeln?
Wenn wir etwas nicht verstehen, muss dies nicht gleich Gottes Werk sein. Das ist in der Vergangenheit allzu oft passiert. Stellen Sie sich vor, ein Mensch aus dem Mittelalter sähe einen Fernseher, ein Handy oder ein Flugzeug – es käme ihm einem Wunder gleich.

Wie sieht Ihr Gott aus?
Sie stellen schwierige Fragen. Ich hätte lieber wissenschaftliche Fragen (lacht). Ich habe kein Bild von Gott. Diese Aufgabe überlasse ich anderen.

Was erzählen Sie Menschen, die glauben, das Universum sei erst 6000 Jahre alt, so wie in der Bibel beschrieben?
Ich würde ihnen den Unterschied zwischen Glauben und Wissenschaft erklären. Darum wurde ich Forscher. Die Wissenschaft erlaubt, etwas zu beweisen. Für Jahrhunderte war die Frage, ob es im Universum anderes Leben gibt, eine philosophische. Heute istdas eine wissenschaftliche Frage. Zum ersten Mal überhaupt haben wir die Technologie, um dem nachzugehen. Ich bin überzeugt, dass es ausserirdisches Leben gibt. Ich kann es nur nicht beweisen – zumindest im Moment noch nicht.

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Lichtjahre entfernte Planeten sind für Teleskope unsichtbar, weil sie im Licht ihrer Sonnen verschwinden. Wie entdeckt man sie trotzdem? Cheops vermisst sie indirekt per sogenannter Transit-Photometrie. Dabei misst das Teleskop die Helligkeit eines Sterns. Zieht ein Planet vorbei, ändert sich dessen Helligkeit plötzlich. Je stärker sich der Stern verdunkelt, desto grösser muss der Planet sein. Willy Benz vergleicht dies mit der Messung der Windstärke: «Wind sieht man nicht. Wer ein Segelboot auf dem See beobachtet, weiss aber, wie stark der Wind weht.» Philippe Rossier

Zur Person

Willy Benz (60) stammt aus Neuenburg und ist Professor für Astrophysik an der Universität Bern. Dort ist er Direktor des Physikalischen Instituts. Sein Spezialgebiet ist die Entstehung von Planeten­systemen. Benz leitet die Cheops-Mission, die erste europäische Weltraummission unter Schweizer Führung. Cheops («Characterising ExoplanetsSatellite») ist ein Weltraumteleskop, das ab Ende 2017 in fremden Sonnensystemen Planeten untersuchen und charakterisieren wird. Das Ziel: erdähnliche Planeten zu finden, auf denen Leben möglich ist.

Publiziert am 04.02.2016 | Aktualisiert am 10.02.2016
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2 Kommentare
  • Lou  Morace 10.02.2016
    Wie kann ein Wissenschaftler, an Gott glaube?
  • Peter  Aebi , via Facebook 10.02.2016
    Wir sind zwar nicht mal ein Staubkorn, im Verhältnis zum Universum. Aber das wir leben und erkennen ist ein grosses Privileg. Ich muss keine Bedeutung haben, denn das Leben ist viel besser als Grösse. Es ist besser, wir lernen Ehrfurcht zu haben, als nach Grösse nachzueifern. Denn Grösse macht uns nicht besser, aber durch Güte erreichen wir das bessere! Und... Wenn wir Gott nicht begreifen können, ist das kein Zeichen dafür, dass es ihn nicht gibt.