Interview mit Kinderarzt Cyril Lüdin Ist Langzeit-Stillen nicht egoistisch, Herr Doktor?

  • Publiziert: 04.07.2012, Aktualisiert: 05.07.2012
  • Interview von Nadine Chaignat
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Kinderarzt Cyril Lüdin (59).

(ZVG)

Das Stillen generell war vor 50 Jahren peinlich, weiss Kinderarzt Cyril Lüdin.

BLICK: Warum wirkt ein Kleinkind an der Brust so befremdend?
Dr. Cyril Lüdin:
Vor fünfzig Jahren galt es als peinlich, überhaupt zu stillen. Wir müssen uns erst wieder dran gewöhnen, dass eine Mutter ihre Bluse öffnet. Wir sind gerne dabei, Brüste in Heftli anzuschauen, aber ansonsten sehr prüde.

Trotzdem: Ein älteres Kind, das an der Brust trinkt, ist doch komisch.
Weil wir eine bestimmte Vorstellung haben, wie es sein sollte! Ein Kleinkind noch zu stillen, ist nicht mehr das Übliche für uns, entspricht nicht der Norm. Das machen zwei von 100 Müttern.

War das früher anders?
Im Mittelalter war die Stilldauer pro Kind drei, vier Jahre. Mit der Industrialisierung hat sich das gewandelt. Mitte des letzten Jahrhunderts kam künstliche Babymilch auf den Markt. Vor allem in den 60er-Jahren war Stillen peinlich. Trotz Gegenbewegung gibt es heute wenig Mütter, die länger als vier Monate voll stillen.

Was ist denn offiziell normal?
Die WHO empfiehlt, sechs Monate ausschliesslich zu stillen, mit Beikost bis zwei Jahre und mehr, die amerikanische Akademie der Kinderärzte eine mindestens einjährige Stillzeit. Demgegenüber steht die Nahrungsmittelindustrie, ein grosser Markt weltweit.

Warum ist Langzeitstillen nicht mehr verbreitet?
Es ist schwierig, diese Verfügbarkeit und Verlässlichkeit aufrecht zu erhalten, ein krasser Widerspruch zur gesellschaftlichen Norm und schlecht vereinbar mit dem Arbeitsprozess.

Hat Langzeitstillen Vorteile?
Langzeitstillmütter haben eine sehr gute Bindung zum Kind. Eine Mutter im Stress wird ihr Kind kaum so lang stillen. Durch das stabile Bindungsmuster und die stillbedingten Ruhephasen ist das Kind sicher, hat weniger Angst, schreit weniger. Sein Gehirn reift besser aus. Es ent­wickelt im Säuglingsalter weniger Ess- und Schlafstörungen.

Haben Dreijährige, die an der Brust hängen, nicht Ablöseprobleme?
Ich mache die Erfahrung, dass Langzeitstillmütter normalerweise eine lockere Beziehung zum Kind haben. Ungesund wäre, wenn die Mutter nicht loslässt. Mit neun Monaten muss das Kind neue Aussenkontakte schliessen dürfen. Wenn es gesellschaftlich  selbständig wird, ist das Stillen kein Thema mehr.

Alle Kommentare (2)

  • Andrea  Mordasini , Bern
    Ich bin selber Mutter zweier Kinder 5 und 3.5 und habe sie "nur" jeweils 3 Monate lang gestillt - es ging leider nicht länger. Ich hätte sie sehr gerne länger gestillt, doch ich hätte mir nie vorstellen können, sie noch im jetzigen Alter stillen zu wollen, Ob es dabei eher die Mütter sind, die nicht loslassen können oder umgekehrt, ich weiss es nicht. Es ist grundsätzlich egal ist, ob und wielange Babies und Kleinkinder gestillt werden, Hauptsache sie erfahren in erster Linie viel Liebe und werden mit viel Liebe, Nähe, Wärme, Geborgenheit und Sicherheit durchs Leben hindurch begleitet - und nicht nur während der ersten paar Lebensjahre :. Mütter, die möglichst jahrelang stillen möchten, sollen dies ohne Anfeindungen tun dürfen - andere, die Langzeitstillen bis ins Kindergartenalter eher befremdlich finden wie ich zum Beispiel, lassen es ganz einfach sein. Mit etwas mehr Leben und leben lassen würde die Welt sowieso etwas friedlicher ;.
    • 06.07.2012
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  • Cyril  Lüdin , Muttenz
    Eine kleine Frundrube an Infromationen zum Stillbeginn und Weiteres für werdende Eltern, mit einer Seite "Speziell für Väter" finden Sie auf www.eltern-kind-bindung.net Lassen Sie sich von Ihrem Kind vewöhnen in der Berührung Haut-auf-Haut, auch wenn Sie nicht stillen können und den Schoppen geben. C.Lüdin
    • 06.07.2012
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