Unterwegs auf Spitzbergen Im Reich der Eisbären

Nirgends lässt sich die Arktis bequemer erleben als auf der norwegischen Inselgruppe Spitzbergen. Der Anblick wuchtiger Gletscher, magischer Polarlichter und majestätischer Eisbären lässt garantiert niemanden kalt.

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Das letzte Anzeichen von Zivilisation ist ein Warnschild mit Eisbär. Die Aussage ist eindeutig: Wer sich in die eisigen Weiten Spitzbergens hinauswagt, darf damit rechnen, dem gefährlichsten Raubtier der Welt zu begegnen. Auf der Arktis-Insel leben mehr Bären als Menschen. 3500 Exemplare sollen es sein – bei etwa 2600 Einwohnern. Klar, dass jeder der jährlich rund 80'000 Touristen den König der Arktis vor die Kamera bekommen möchte. Mir geht es nicht anders: Ich träume vom perfekten Eisbären-Schnappschuss, den ich metergross an meine Wohnzimmerwand pinnen kann.

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Das Insel-Archipel Spitzbergen, das etwa eineinhalbmal grösser ist als die Schweiz, ist das nördlichste Gebiet der Welt, das noch bewohnt ist. Von hier sind es nur noch 1000 Kilometer bis zum Nordpol. Die Inselhauptstadt Longyearbyen liegt auf dem 78. Breitengrad – auf gleicher Höhe findet man andernorts auf der Erde nur Eis und Ödnis. Hier gibt es Hotels, Kneipen, eine Brauerei, eine Einkaufsstrasse, ja sogar eine Universität. Die Ortschaft mit rund 1800 Einwohnern ist verzettelt, hat aber eine verblüffend gute Infrastruktur. So bequem wie hier kommt man sonst nirgends ins Nordpolargebiet.

Grund dafür ist der Kohlebergbau. Schon seit etwa hundert Jahren wird das Schwarze Gold dem Permafrostboden abgerungen. Wirtschaftlich ist das Unsinn, hier geht es um Politik. Norwegen und Russland markieren damit ihre Präsenz im Nordpolarmeer, wo grosse Vorkommen an Gas und Öl vermutet werden. Spitzbergen ist ein politisches Unikum. Dass Norwegen und Russland hier gleichzeitig Kohle fördern, liegt an dem Spitzbergenvertrag von 1920. Offiziell wird die Inselkette von Norwegen verwaltet, doch alle 41 unterzeichnenden Nationen dürften hier Rohstoffe abbauen und ohne bürokratische Hürden Geschäfte treiben.

Das nutzt auch der Schweizer Marcel Schütz, der hier seit fünf Jahren Touren anbietet. Mit ihm mache ich mich von Longyearbyen auf den Weg ins russische Bergarbeiternest Barentsburg. Doch wer erwartet, dass er die 50 Kilometer lange Strecke bequem mit dem Auto zurücklegen kann, irrt. Nach Barentsburg führt kein Landweg. Alle Dorfpisten eingerechnet, gibt es auf der Insel insgesamt nur 60 Kilometer Strassen, die meisten für Kohlelastwagen geschaffen. Sobald man die drei bewohnten Siedlungen verlässt, ist man auf Boote, Schnee-Scooter oder Hundeschlitten angewiesen. Selbst kurze Strecken fühlen sich an wie kleine Nordpolar-Expeditionen, so auch unsere Bootsfahrt über den Isfjorden.

 

Trotz eisiger Temperaturen stehe ich an Deck und berausche mich an einer Landschaft, die sich mit nichts vergleichen lässt, was man aus der Heimat kennt. Wie Dinosaurierzähne erheben sich rostbraune Berge aus einem Meer, das blau wie Frostschutzmittel schimmert. Auf der gegenüberliegenden Seite erhebt sich wie eine wuchtige Wand der Esmark-Gletscher. Treffender könnte der norwegische Name für die Insel nicht sein: «Svalbard», kühle Küste.

Gletscher sowie Eisbären, Robben, Walrosse, Wale und Rentiere sind hier die grossen Touristenmagnete. Aber auch das russische Barentsburg gehört dazu. Das 400-Seelen-Nest «riecht» nach schwerer Arbeit und Einsamkeit – trotz der bunten Plattenbauten, die nicht so recht hierher passen wollen. Kyrillische Lettern preisen den Sozialismus, eine Lenin-Büste erinnert an vergangene Grösse. Wüsste man es nicht besser, man wähnte sich noch im Kalten Krieg.

Am nächsten Tag brechen wir zu einer Wanderung auf. Marcel Schütz ist schwer bewaffnet. An seinem Gürtel hängt eine Signalpistole, über seiner Schulter baumelt eine Pumpgun. Beide sind geladen. Wer die Siedlungen verlässt, muss als Schutz vor Eisbären bewaffnet sein, so will es das Gesetz – und der gesunde Menschenverstand. Ein Auto hält neben uns. Der Dorfvorsteher informiert, dass in der Nähe frische Eisbärspuren gefunden wurden. Eine Ausnahme auf der Westseite der Insel. Ich bin elektrisiert und schöpfe Hoffnung auf ein Selfie mit Bär. Schütz dämpft meine Freude: «Zu Fuss möchte ich keinem Eisbären begegnen. Das wäre nicht gut für das Tier.» In letzter Notwehr müssten wir den Bären erschiessen. Denn zu Fuss hätten wir keine Chance. Die weissen Kolosse sind erstaunlich schnell für ihre Grösse.

Kaum lassen wir «Little Russia» hinter uns, herrscht absolute Stille. Auf den Hügeln liegt Mitte Oktober schon der erste Schnee. Eis und Fels – mehr gibt es hier nicht: In den drei Sommermonaten, in denen das Thermometer auf knapp über 0 Grad Celsius klettert, wächst hier kaum Gras. Nebel zieht auf, die Konturen verschwimmen. «Jetzt haben wir keine Chance mehr, den Fluffy zu sehen», sagt Schütz. Fluffy, so nennen die Menschen hier ihre Eisbären liebevoll.

Der Nebel wird so dicht, dass wir umkehren müssen. Das Risiko wäre zu gross, vom Eisbären überrascht zu werden. Ich bin enttäuscht. Aber im frostigen Norden richtet sich das Leben nach dem Wetter. 

Zurück in Longyearbyen reisst mich mitten in der Nacht das Telefon aus dem Schlaf. Bärenalarm? Besser: Die Hotelrezeption meldet Nordlichter. Aufgeregt stürme ich nach draussen. Und werde nicht enttäuscht: Ein grüner Vorhang aus Licht schwebt über dem schwarzen Fjord. Das ist Magie. Und das beste Trostpflaster für verpasste Eisbärenbegegnungen.

Marcel Schütz lebt seit fünf Jahren auf Spitzbergen. Der gebürtige Schweizer bietet verschiedenen Touren an. Christian Bauer

«Wir sind hier nur zu Gast»

Marcel Schütz, woher kommt Ihre Faszination für Spitzbergen und die Arktis?
Als Jugendlicher habe ich das Buch «Die Entdeckung der Langsamkeit» gelesen, das in der Arktis spielt. Da wusste ich: Ich möchte mal ins ewige Eis.

Und dann sind Sie gleich hierher gezogen?
Nein, nicht sofort. 2008 habe ich meinen ersten Trip unternommen, 2009 einen zweiten. Nach meiner Ausbildung zum Restaurationsfachmann bin ich nach Spitzbergen, um einen Job zu suchen. Allerdings ohne grosse Hoffnungen, da ich kaum Englisch und kein Norwegisch konnte. In einer Bar habe ich dann den Restaurantchef des Hotels Radisson getroffen, der zufällig einen Kellner suchte. Nebenbei habe ich angefangen, Touren zu führen. So ist meine eigene Firma entstanden.

Was bieten Sie an?
Mein Angebot reicht von Trekking, Schiffstouren, Schneescooter-Ausflügen bis zu Kajak-Trips. Meine Spezialität sind mehrtägige Touren mit Kleingruppen, bei denen man alle Aktivitäten miteinander kombiniert.

Eine Attraktion auf Spitzbergen sind die Eisbären. Haben Sie schon gefährliche Situationen erlebt?
Auf einer Segelboot-Tour gingen wir an Land, um Robben zu beobachten. Plötzlich kam ein Eisbär aus dem Wasser. Wir befanden uns direkt zwischen ihm und den Robben, seiner Nahrung.

Hatten Sie Angst?
Nein, ich habe mich voll auf die Situation konzentriert. Wichtig ist aber, dass man nie vergisst: Wir Menschen sind hier nur zu Gast.

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Publiziert am 12.12.2015 | Aktualisiert am 29.01.2016
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