Nach dem Einkaufstourismus setzt der Onlinehandel den Läden zu Leiser die Kassen nie klingeln

ZÜRICH - Volle Einkaufszonen, leere Kassen: Der ­Detailhandel steckt in der Krise. Die Jahresumsätze sinken zum zweiten Mal in ­Folge.

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Weihnachtsdeko, Kunstschnee und Lichterketten in den Einkaufsstrassen vermitteln ein Gefühl von Geschäftigkeit. Doch hinter den Schaufenstern ist zu wenig los. Viele Läden kämpfen sogar ums Überleben.

Am Freitag wurde bekannt, dass Coop die Aperto-Gruppe schluckt. Ob der Name bleibt, ist unklar. Definitiv verschwinden wird nächstes Jahr Charles Vögele. Nach 60-jährigem Bestehen geht das Modehaus in italienische Hände über – der Modekonzern OVS wird nach und nach in die 163 Filialen einziehen. Totalpleiten und Filialschliessungen gab es auch bei Switcher, Bata, Blackout und American Apparel.

Für den gesamten Detailhandel war 2016 ein Krisenjahr – das zweite in Folge. Schon 2015 schrumpften die nominalen Umsätze durchschnittlich um 2,2 Prozent. Nun sanken sie in den ersten zehn Monaten abermals um zwei Prozent, wie Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BFS) zeigen. Gegen die Misere dürfte auch die lange vor Weihnachten eingeläutete Rabattschlacht nicht mehr helfen.

«Detailhändler müssen immer früher auf Rabatte zurückgreifen», sagt Fredy Hasenmaile (50), Detailhandels-Experte bei der Credit Suisse. «Das zeigt, dass sich die Branche unter Stress befindet und Ertragseinbussen in Kauf nimmt.» Auf Anfrage von SonntagsBlick geben sich Coop, Migros, Manor, Globus, Loeb und PKZ, was das Weihnachtsgeschäft betrifft, zwar noch optimistisch. Doch eine Befragung durch die Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH zeigt: Die Stimmung der Detailhändler ist im Keller – und zwar schon seit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses Anfang 2015 (siehe Grafik). Besonders düster sieht es im Segment Bekleidung und Schuhe aus. Laut Hasenmaile stehen die Händler dieses Jahr vor Umsatzeinbussen von 7,9 Prozent: «Ein katastrophales Ergebnis.»

Hauptgrund sei jedoch nicht mehr der Einkaufstourismus: «Da ist bei den Kunden eine gewisse Ermüdung erkennbar.» Unter verstärkten Druck geraten die Läden wegen der Konkurrenz durch den Onlinehandel. Der erreicht im Bereich Non-Food laut Daten der GfK-Forscher einen Marktanteil von 15, bei Heimelektronik sogar 26 Prozent, Tendenz steigend.

Vergangene Woche verkündete etwa Brack.ch eine Umsatzzunahme im Weihnachtsgeschäft von 30 Prozent innert eines Jahres. Bei anderen Onlinehändlern dürfte es ähnlich aussehen, sagt E-Business-Experte Thomas Lang (48). «Sta­tionäre Geschäfte haben die Digitalisierung lange nicht ernst genommen. Sie wollten nach wie vor, dass die Kunden in die Läden kommen. Das rächt sich nun.»
Erst wuchs der Onlinehandel auf Kosten der Bestellkataloge, jetzt zulasten der Läden. Lang weiter: «Die Detailhändler müssen ihr Geschäftsmodell radikal hinterfragen und dem Kunden wieder einen Grund geben, in den Laden zu kommen.»

In der Krise stecken vor allem Einkaufszentren. 2015 brachen ihre Umsätze um drei Prozent ein, in diesem Jahr dürfte es ähnlich sein. Rageth Clavadetscher (45), Geschäftsführer des Glattzentrums bei Zürich, weiss, was zu tun ist: «Einkaufscenter müssen stärker zum Marktplatz werden und verschiedene Bedürfnisse abdecken.» Erfolgreich seien Events und Angebote wie Gastronomie, Coiffeur- und Schönheitssalons.Im Februar ziehen neu ein Ärztezentrum und ein digitaler Autohändler ins grösste Shoppingcenter der Schweiz ein. l

Publiziert am 25.12.2016 | Aktualisiert am 11.01.2017
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17 Kommentare
  • Daniel  Leuenberger aus Chisinau
    26.12.2016
    Die Schweiz hat es sehr lange verschlafen, in vieler Hinsicht. Ladenoeffnungszeiten, Autofahrerfreundlichkeit (ueberall Parkgebuehren, auch bei Einkaufszentren), oft miserabler oder unfreundlicher Service. Die Schweiz lebt zwar im Digitalalter - aber nur seitens der Kunden. Die Betreiber und Anbieter sind steckengeblieben, leider. Jetzt kommt der Ueberlebenskampf.
  • Daniel  Roth 25.12.2016
    Solange wir immer mehr Menschen aus dem Arbeitsmarkt werfen oder zu Dumpinglöhnen beschäftigen, müssen wir uns nicht verwundern, dass in gewissen Märkten die Umsätze sinken. Jeder sechste Einwohner der Schweiz hat nur ein kleines oder sogar ungenügendes Einkommen. Solche Leute holen ihre Schuhe und Kleidung in der Brockenstube und nicht im Kleiderladen. Bringen Sie mal mit Chf 2600.- im Monat eine 3-köpfige Familie durch!
  • Dieter  Neth aus Trimbach
    25.12.2016
    Immer wird wegen der Krise in Kleiderläden und Schuhgeschäften gleich eine Detailhandelskrise herbeigeschwafelt. Von wegen faktenbasierter Journalismus! Den Grossen im Detailhandel geht es nämlich gar nicht so schlecht. Kleider gibt es halt fast nur noch in schlechter Qualität. Dafür mehr zu bezahlen lohnt sich nicht. Formate wie Zara scheinen wenig von der Krise zu merken, Vögele mit seinen altbackenen Kollektionen und hohen Preisen halt schon.
  • Ruedi  Voser 25.12.2016
    Da die Innenstädte immer autofeindlicher werden meide ich diese wenn immer ich kann. Danke an die verantwortlichen Parteien. Ich fahre, fliege locker ins Ausland. Gratis Parkplätze, freundliche Bedienung, riesen Auswahl auch in meiner Grösse. Vom Preise gar nicht zu sprechen. Und auch viel Onlinekäufe.
  • Urs  Meier 25.12.2016
    Liebe Grossverteiler und Detailhändler. Der legendäre Satz: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben", hat schon seine Richtigkeit. Ich frage mich nur, warum die hochbezahlten Strategen der Grossverteiler nicht schon lange agierten statt heute zu klönen. Vielleicht leben die eher nach dem Motto: „nach mir die Sintflut“. Die Boni sind ja im trockenen.