Höllisch auf Abwegen Pfarrer mit 3 Kilo Kokain erwischt

Der Gottesmann wollte Drogen nach Basel bringen. Am Flughafen Zürich klickten die Handschellen. War der reformierte Pfarrer zu gutgläubig?

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Es ist ein Montag, zehn Tage vor Weihnachten. In der Ankunftshalle des Zürcher Flughafens wartet Pfarrer A. W.*  (44). Er hat den Auftrag, einen Mann abzuholen, der mit Flug LX 93 aus São Paulo in Brasilien kommt – mit heikler Fracht: Im Gepäck hat er 2935 Gramm Kokaingemisch.

Der reformierte Gottesmann soll M. C.* im Auto nach Basel bringen. Dort wollen die beiden einen weiteren Mann mit dem Decknamen «Mofi» treffen – und diesem das Kokain übergeben. Doch dazu kommt es nicht. Um 11.15 Uhr klicken die Handschellen. Die Polizei verhaftet den Drogenkurier und den Pfarrer.

Die Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland hat jetzt Anklage gegen den Geistlichen erhoben. Ihm werden unter anderem Verbrechen gegen das Betäubungsmittelgesetz vorgeworfen. Er habe «Anstalten getroffen zur unbefugten Beförderung von Betäubungsmitteln», heisst es in der Anklageschrift, die SonntagsBlick vorliegt.

Zwei Tage nach der Verhaftung des Pfarrers sitzt der Präsident der Kirchgemeinde am PC. Um 20.17 Uhr verschickt er ein E-Mail: «Wichtige Information», lautet die Überzeile. «In unserer Gemeinde ist ein Ereignis am Laufen, das für die Presse inte­ressant werden könnte.» Er bittet alle Adressaten, Anfragen an ihn weiterzuleiten und erwähnt, dass eine Taskforce einberufen worden sei.

Seitdem ist der fehlbare Hirte  Dorfgespräch. Der 45-jährige Deutsche, der seit 1995 in der Schweiz wohnt, galt als ewiger Junggeselle. Erst im September 2014 hat er eine Marokkanerin geheiratet. Die Gerüchteküche brodelt: Seine Frau habe den Pfarrer in Drogengeschäfte hineingezogen, heisst es im Dorf.

Doch aus der Anklageschrift geht hervor: Es ist nicht die Pfarrersfrau, die den Pfarrer zu den wenig christlichen Taten trieb. Eine wichtige Rolle in dem kirchlichen Krimi spielt eine andere Frau namens I. M.*.

Vor drei Jahren gewährte ihr der Pfarrer ein Darlehen von 10 000 Franken. Die Hälfte zahlte sie zurück. In Basel, so versprach sie, sollte der Pfarrer die ausstehenden 5000 Franken erhalten – aus dem Drogendeal mit «Mofi».

Wie aus der Anklageschrift hervorgeht, wusste der Pfarrer, dass I. M. «mit Drogengeschäften zu tun hatte». Weiter sei ihm bekannt gewesen, «dass sich die Abnehmer in Basel befinden». Warum liess er sich dennoch auf den Deal ein?

Fast zwei Monate behielt die Staatsanwaltschaft den Pfarrer in Untersuchungshaft. Am 13. Februar durfte er das Gefängnis verlassen. Die Gemeinde hat ihn inzwischen freigestellt. Trotzdem darf er weiterhin im Pfarrhaus wohnen. Am 23. Februar stand erneut die Polizei vor der Tür: Beamte durchsuchten das Pfarrhaus und beschlagnahmten unter anderem ein iPhone 4S, das sie später vernichteten.

Auch letzte Woche weiss man im Dorf noch immer nicht, was vorgefallen ist. Im «Kreuz» sitzen die beiden Kellner des altehrwürdigen Restaurants vor ihren Mittagstellern. Sie kennen den Pfarrer gut, man ist per Du. «Er kam einmal im Monat mit der Seniorengruppe hier essen.» Ein älteres Ehepaar sagt, der Pfarrer sei ein «Tscholi», einer, der nicht Nein sagen könne. «Er ist ein todlieber Kerl. Er hat sich sicher über den Tisch ziehen lassen.»

Das herrschaftliche Pfarrhaus im Stil der Jahrhundertwende thront auf einem kleinen Hügel. Ein Gärtner mäht den Rasen, Kies liegt akkurat gerecht im Vorhof. Die Klingel für die Privatgemächer des Pfarrers findet sich an der Seitentüre des Hauses. Wenig später öffnet er die Tür.

Am Besprechungstisch im Salon, mit herrlichem Blick auf den Jura, erklärt W. freundlich, dass er zu den Vorwürfen nichts sagen wolle, bis die Kirchgemeinde definitiv über sein Schicksal entschieden habe.

An seiner Stelle spricht sein Anwalt: Sein Mandant bereue «die ihm vorgeworfenen Handlungen zutiefst».

Die Staatsanwaltschaft will den Pfarrer zu einer bedingten Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilen. Beide Parteien haben sich in einem abgekürzten Verfahren darauf geeinigt. Jetzt fehlt nur noch die Zustimmung des Bezirksgerichts Bülach zu diesem Deal. Wann die Hauptverhandlung stattfindet und die  Richter ihr Urteil fällen, ist noch offen.

Die Kirchgemeinde will nächste Woche über das weitere Vorgehen beraten. Es solle besprochen werden, «wie es mit unserem Pfarrer weitergeht», sagt der Präsident zu SonntagsBlick.

«Zu einem späteren Zeitpunkt wird der Kirchgemeinderat über die weitere Zusammenarbeit entscheiden.»

* Namen der Redaktion bekannt

Publiziert am 09.05.2015 | Aktualisiert am 10.05.2015
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12 Kommentare
  • Willi  Schlumpf 10.05.2015
    Eher kann ein Kamel durch ein Nadeloehr gehen als das
    ein Reicher in den Himmel kommt.
    Mattaeus 12, Vers 40
    Was sind das nur fuer Geistliche, die lieber dem Geld
    nachrennen als Seelen retten.
  • Bruno  Meier aus Urdorf
    10.05.2015
    Wird ein nicht süchtiger Dealer mit 18 Gramm Kokain erwischt, droht ihm eine Mindeststrafe von einem Jahr Gefängnis, bei drei Kilogramm sind es für Ersttäter meist drei bis vier Jahre.... und der Paffe aus Deutschland soll mit einer bedingten Scheinstrafe von zwei Jahren davonkommen...? Sollte sich das Gericht in Bülach auf so einen Deal einlassen, kann es gleich alle Drogenkuriere aus Afrika und Südamerika laufen lassen.... alles andere wäre "Klassenjustiz".
  • Martina  Emmenbrücke aus Emmenbrücke
    10.05.2015
    Ein sehr "moderner" Pfarrer muss man schon sagen. Wird mit kuscheljustitz und prima Wohnung für sein Handeln belohnt. Hoffentlich ließt Carlos diesen Artikel, der auch ihm den heiligen Weg der Zukunft aufzeigen könnte....
  • richard  keith 10.05.2015
    Sind die Löhne der Pfaffen, welche dem Staats-Bürger direkt von der Steuer abgezogen werden so tief, dass der "Gottesmann" mit Drogen dealen muss ? Amen !
  • Hans  Plüss 10.05.2015
    Ein weiterer "Scheinheiliger"! Es soll Leute geben, die ihn anbeten!