Wochenlang 40 Grad und kaum Regen: So schlimm war der Glutsommer von 1540

BERN - Ausgetrocknete Flüsse, schlimme Waldbrände, eine Stadt in Schutt und Asche und ein Pöbel, der die Sündenböcke hängen sehen will. Das sind die grausamen Folgen der Bruthitze von 1540. Und solche Dürre-Katastrophen könnten uns immer öfter drohen.

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Im historischen Mega-Rekordsommer 1540 konnte der Rhein teilweise zu Fuss durchschritten werden. Der Wasserstand sank auf nur gerade 10 Prozent der normalen Abflussmenge. Zum Vergleich: Im Hitzesommer 2003 führte er noch 63 Prozent seiner üblichen Wassermenge.

1540 regnete es elf Monate lang kaum. Der Bodensee trocknete soweit aus, dass die Menschen damals trockenen Fusses auf die Insel Lindau kamen. Die Felder verkümmerten und das Vieh starb. Der Juli sei gar «bis an sein Ende glühend und schrecklich» gewesen, hielt ein Elsässer Weinbauer damals fest.

Dass der Hitzesommer im Mittelalter wesentlich schlimmer war als «unser» Rekordjahr 2003, das haben die zwei Berner Klimaforscher Christian Pfister und Olivier Wetter nun bewiesen. Die beiden Forscher vom Oeschger-Zentrum für Klimaforschung (OCCR) der Uni Bern publizierten auf dem Online-Portal «Climatic Change» eine Studie mit internationaler Beteiligung 30 Co-Autoren aus ganz Europa. Bisher glaubte die Wissenschaft, der Hitzesommer 2003 sei der heisseste seit 1370 gewesen. «Wir wollten die beiden Jahre nicht gegeneinander ausspielen», sagt Olivier Wetter. «Erst nach und nach konnten wir fassen, wie extrem das Ereignis 1540 war.»

Wochenlang 40 Grad warm

Zwei bis drei Millionen Quadratkilometer Europas waren von einer elfmonatigen Megadürre heimgesucht. Es ist Europas grösste Naturkatastrophe seit Menschgedenken. So lange war es in Europa noch nie so trocken. Im Jahr 1540 hat es in den ersten drei Märztagen letztmals geschneit, danach fiel kaum mehr Regen oder Schnee – bis in den Dezember hinein.

Zudem war der Sommer 1540 extrem heiss. Allerdings war das Thermometer noch nicht erfunden. «Wir gehen aber davon aus, dass die Temperaturen an manchen Tagen die 40-Grad-Grenze erreicht haben», sagt Wetter. Sogar Oktober bis Dezember blieb es frühlingshaft warm. Der Dürrestress führte zu einem vorzeitigen Blattfall der Reben und die Beeren verschrumpelten. «Der Wein hatte soviel Zucker und Alkohol, dass er hoch konserviert war. Man konnte den Jahrgang bis ins 19. Jahrhundert noch trinken», sagt der Berner Forscher.

Sündenböcke mussten her

Auch Wald- und Siedlungsbrände suchten die geplagte Bevölkerung heim. Die Deutsche Stadt Einbeck ist sogar komplett abgebrannt. Leuten aus der Unterschicht lastete man an, dass sie die Brände extra gelegt hätten – im Auftrag von Staatsfeinden. Die «Mord-Brenner», wie man ihnen sagte, wurden gefoltert und hingerichtet. «Man hat einfach einen Sündenbock gesucht», so Olivier Wetter. «Einbeck war keine Brandstiftung. Bei diesen extrem trockenen Bedingungen reichte ein Funke aus, um einen verheerenden Brand auszulösen.»

Europa drohen weitere Rekord-Hitzesommer

Wer oder was verantwortlich war für die Superdürre, ist unklar. «Ein Azorenhoch könnte sich über Zentraleuropa ausgebreitet haben und dort geblieben sein», sagt Olivier Wetter. Es hätte sich vielleicht selber verstärkt durch die Trockenheit. «Aber der genauen Grund für die Dürre würden wir in einem nächsten Schritt gerne ermitteln, wenn wir noch genügend zuverlässige Daten aus dieser Zeit erhalten.»

Immerhin: Die Superhitze war einmalig und damals wohl kaum menschgemacht. «Unsere Studie hat gezeigt, dass es solche Anomalien immer schon gab. Das ist allerdings kein Argument gegen die vom Menschen verursachten Klimaveränderungen», betont Oliver Wetter.

Ein Klimawandel kann abgelesen werden, wenn solche Extremereignisse in immer kürzeren Abständen auftreten. «Und die IPCC sagt mehr solche voraus», erklärt Olivier Wetter. Er glaubt: «Der Hitzesommer 1540 könnte ein Beispiel dafür sein, was uns in Zukunft erwarten dürfte.» (ct)

Publiziert am 03.07.2014 | Aktualisiert am 04.07.2014
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  • fritz peter  friedli aus utzenstorf
    05.07.2014
    Auswirkungen des Klimawandels treffen in einigen Jahren keineswegs auf dieselbe Erde wie heute: Die Zahl der Menschen steigt, die Megastädte wachsen vor allem an ihren unterversorgten Randgebieten, und der Mensch raubt nicht nur vielen anderen Arten Lebensraum, sondern beutet auch die Meere aus. "Es gibt nicht nur Klimasignale, sondern auch gesellschaftliche Risikofaktoren und gesellschaftliche Entwicklungen, die das Risiko erhöhen, negativ betroffen zu sein. Reports, Joern Birkmann UNI Bonn.
  • Christoph  Baumann 04.07.2014
    Seit Jahren höre ich, dass es bei uns wärmer wird und von Katastrophen. Bisher hatten wir nur schlechte Sommer und viel Regen. Wann kommen endlich diese tollen Sommer?
    • Wolf  Müller , via Facebook 04.07.2014
      Dass es wärmer wird, heisst nicht, dass es dauernd schönes Wetter ist. Durch die Erwärmung ist auch mehr Feuchtigkeit und Energie in der Luft und entsprechend regnet es mehr und heftiger...
    • fritz peter  friedli aus utzenstorf
      05.07.2014
      Herr Christoph Baumann lesen sie die Reports, Joern Birkmann von der UN-Universität in Bonn.
      Dann wird ihr Kommentar ganz anders ausfallen. So Einfach ist unsere Erde nicht gestrickt.
      Wünsche ihnen trotz allem einen schönen Sommer, vor allem ohne Katastrophen in irgendeiner Form.

  • Sonja  Keist aus Horgen
    04.07.2014
    Ja ja Hitzewelle bla bla bla. Vor 2 Tagen war bei uns die Höchsttemperatur um 13.00 14 Grad und dies im Hochsommer. Es vergeht kein Tag mit Regen und wenn es dann regnet hört es nicht mehr auf und die Temperaturen klettern in den Keller. Beispiel, am kommenden Dienstag haben wir wieder mal Temperaturen unter 20 Grad höchstens. Das alles zum Thema Hitze, Klimawechsel etc. In der Schweiz trifft dies definitiv nicht zu. Sommer in der Schweiz wooooo
  • Bernd  Matzgen 04.07.2014
    Nanu, wusste gar nicht, dass es 1540 auch schon Autos und CO2 Ausstoss gab!?!?! Denn von dort kommt doch die Hitze und Klimaerwärmung!
  • Rolf  Hess aus Münchenbuchsee
    04.07.2014
    Kaum ist es mal wärmer, als sonst, wird schon wieder der Teufel an die Wand gemalt.
    Wahrsager sehen bereits im Voraus, dass es so werden könnte, wie vor 500 Jahren.
    Das alles geschah in nur einem einzigen Jahr. Es geht nämlich darum, mit dieser geschürten Angst, dem Volk wieder Geld zu entlocken, das dann wieder für unnütze Projekte verdummt wird.
    Dass wir uns aber in einer, mehrere hundert Jahre dauernden Aufwärmphase einer Eiszeit befinden, wissen anscheinend nur Wissenschaftler, mit Beweis.
    • Kurt  Tanner , via Facebook 04.07.2014
      Genau. Wie wollen die Forscher genauere Daten von 1540 erhalten, wenn es damals nicht einmal ein Thermometer gab? Wieder eine Studie mehr, mit: würde, hätte, könnte usw.