Vor 10 Jahren wurde Süleyman (†6) von Hunden zerfleischt – Beissattacken nehmen trotz Massnahmen zu «Ich bin wütend und traurig»

Vor zehn Jahren töteten Kampfhunde den kleinen Süleyman († 6). Sein Vater kann nicht verstehen, warum heute – trotz aller Massnahmen nach der Tragödie – wieder mehr Bisse registriert werden.

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Braucht es härtere Strafen für Halter, die ihre Hunde nicht im Griff haben?

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Bekir Yildirim (40) möchte am liebsten gar nicht mehr an den 1. Dezember 2005 zurückdenken. «Was damals passiert ist, tut auch heute noch weh», sagt der Logistiker aus Olten SO.

An diesem «schrecklichen Tag», so Yildirim, war sein Sohn Süleyman auf dem Weg zum Kindergarten. Um 9 Uhr, als der Sechsjährige sein Ziel schon fast erreicht hatte, fielen drei unbeaufsichtigte Pitbull Terrier über ihn her. Sie zerfetzten das Kind.

Sein Blut auf der schneebedeckten Wiese bot einen grauenvollen Anblick. Süleymans Tod schockierte die Schweiz. Bundesrat Joseph Deiss (69) schrieb Yildirim, er sei «zutiefst betroffen». Und versprach eine Verschärfung der Gesetze. «Auch wenn diese Änderungen Ihren Sohn nicht mehr lebendig machen, wird es dazu beitragen, dass solche Fälle nicht mehr passieren.»

Mehrere Kantone führten Rassenverbote, Leinenzwang oder Maulkorbpflicht ein. BLICK sammelte 175'000 Unterschriften für eine Petition zum Verbot von Kampfhunden. 2006 führte der Bund die Meldepflicht für Angriffe ein, seit 2008 muss jeder Hundekäufer einen Halterkurs absolvieren.

Genützt hat all das offenbar nichts: Immer mehr Menschen werden von Hunden attackiert. Das zeigt die exklusive Auswertung aller gemeldeten Fälle in den Kantonen. In fünf Jahren nahm die Anzahl gebissener Menschen landesweit um 12,9 Prozent zu. Allein 2014 wurden 3294 Angriffe registriert.

Lediglich die beiden Appenzell, Baselland, Genf, Glarus, Graubünden und die Urkantone weisen rückläufige Zahlen aus. In allen anderen Kantonen nahmen die Fälle seit 2010 zu – zum Teil massiv. In Solothurn um 90 Prozent, in St. Gallen um fast 48, im Aargau um fast 36 Prozent. In absoluten Zahlen führt Zürich die Tabelle an, 583 Bisse wurden 2014 gemeldet. Auf die Anzahl Tiere heruntergerechnet sind die Vierbeiner im Glarus am aggressivsten. Von 1000 Hunden bissen 14 zu.

«Ich bin wütend und traurig, dass es immer mehr Hundebisse gibt», sagt Bekir Yildirim. In den zehn Jahren seit Süleymans Tod habe sich nichts verbessert. «Und das, obwohl wir Tausende Unterschriften gesammelt haben. Das ist eine grosse Enttäuschung!»

Die Kantonstierärzte reden das Problem klein. Viele sehen den Grund für den Anstieg allein darin, dass Bisse immer zuverlässiger gemeldet würden. Auch nehme die Anzahl der Hunde in der Schweiz kontinuierlich zu. Obwohl die Tierdatenbank ANIS zeigt, dass 2014 weniger Hunde registriert waren als noch 2010.

Was macht die Hunde so aggressiv? Erika Wunderlin (58), Kantonstierärztin im Aargau: «Wir leben immer enger aufeinander. Da ist es nur logisch, dass die Tiere öfter zubeissen.» Hunde seien nicht gewohnt, auf engem Raum mit so vielen Menschen zu leben. Dichtestress für die Vierbeiner also.  Wunderlin sagt: «Sie müssen sich an unsere immer schnelllebigere Zeit anpassen und sich zurechtfinden. Deshalb verwundert es mich nicht, dass ab und zu einer ausrastet.»

Hundetrainerin Karin Dziri (49) betont, dass die natürlichen Bedürfnisse der Hunde gewahrt werden müssen. «Viele Leute dressieren sie mit Tricks und Leckerli, statt sich ernsthaft mit ihrem Wesen als soziale Beutegreifer auseinanderzusetzen und die artgerechte Beschäftigung in die Erziehung mit einfliessen zu lassen.» Schon Welpen sollten lernen, dass ihnen der Mensch Grenzen setzt. Das falle aber vielen Haltern schwer. «Allzu oft wird ein Hund wegen seines niedlichen Aussehens massiv unterschätzt.»

Eine Erhebung aus dem Kanton Neuenburg liefert eine Statistik der aggressivsten Vierbeiner: Appenzeller und Berner Sennenhunde beissen am häufigsten zu, gefolgt von Schäferhunden. Kantonstierärztin Wunderlin: «Auch Terrier sind in der Statistik übervertreten.» Zu den gefährlichen Rassen gehören nicht nur Kampfhunde wie der Pitbull, sondern auch Jack Russell oder Yorkshire Terrier.

Auch kleine Hunde können grossen Schaden anrichten: 20 Prozent der Meldungen betreffen laut Wunderlin gröbere Verletzungen, die ein Arzt behandeln muss.  Besonders häufig attackieren Hunde Arme und Beine, in sechs Prozent der Fälle verbeissen sie sich in Kopf oder Hals des Opfers. Das zeigt eine Studie der Suva mit dem Titel «Unfälle mit Hunden – ein unterschätztes Problem».

Die Experten der Unfallversicherung gehen von jährlich 9500 behandlungsbedürftigen Verletzungen durch Hundebisse aus: «Drei- bis viermal mehr, als von den Kantonen gemeldet werden.» Es hapere bei der Meldepflicht. «Mit den offiziellen Zahlen wird das Problem deshalb massiv unterschätzt», schliesst die Studie.

Tausende Bisse – und keiner ist harmlos. «Eine einzige Attacke  kann eine ganze Familie zerstören», sagt Bekir Yildirim. Er will, dass die Politik handelt, «es braucht strengere Gesetze».

Seine Hoffnung, dass sie kommen, ist allerdings gering: «Wahrscheinlich muss es zuerst wieder zu einem Drama kommen, bis endlich etwas passiert.» Noch immer ist die Hundegesetzgebung eine Angelegenheit der Kantone. 2010 stimmte das Parlament zuletzt über ein nationales Reglement ab. Doch der Nationalrat lehnte ab.

«Ich bedauere das immer noch», sagt Kathy Riklin (62). Die CVP-Nationalrätin bemängelt, dass heute in jedem Kanton andere Regeln gelten. «Das ist unsinnig. Stattdessen braucht es ein nationales Gesetz mit klarem Bewilligungsverfahren und strengen Auflagen für gefährliche Hunde.»

Vor einem Jahr forderte Riklin erneut ein eidgenössisches Gesetz. Unterstützung fand sie nicht. «Es ist traurig. Aber leider fehlt der politische Wille dazu.» Tragisch sei die Zunahme der Bisse vor allem für die Opfer und die Angehörigen.

Das musste Bekir Yildirim selbst erfahren. Nach dem tragischen Tod seines Sohnes konnte er nicht mehr arbeiten, er litt an Depres­sionen. Seine Ehe ging in die Brüche. Die Mutter von Süleyman kehrte in die Türkei zurück.

Erst vor kurzem fand Bekir Yildirim sein neues Glück. Er hat erneut geheiratet. Im Februar ist er Vater eines Buben geworden. Der Kleine ist sein ganzer Stolz. «Ich habe ihn Süleyman getauft.»

Publiziert am 30.08.2015 | Aktualisiert am 30.08.2015
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Der Fall

Es geschieht am 1. Dezember 2005 an der Dickloostrasse in Oberglatt ZH: Süleyman († 6) ist mit einer Begleiterin und einem weiteren Bub nur noch 100 Meter vom Kindergarten entfernt, als ihn drei ausgewachsene Pitbull Terrier attackieren. Sie verbeissen sich in den Kopf, zerfleischen das Kind bis zur Unkenntlichkeit. Augenzeugen und Ermittler sprechen von unfassbar grausamen Bildern. Süleyman hat keine Chance, bleibt tot im Schnee liegen. Der Halter, ein damals 41-jähriger Italiener, hatte die Hunde 200 Meter vom Tatort entfernt in einem selbs gebastelten Verschlag gehalten. An diesem Morgen waren sie unbemerkt durch das Fenster entwischt. Der Mann erhielt eine Haftstrafe von zweieinhalb Jahren sowie ein Einreiseverbot von fünf Jahren.

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113 Kommentare
  • A.  Huber aus Basel
    30.08.2015
    Das aktuelle Hundegesetz ist untauglich, und dass jeder Kanton, ja z.T. auch Gemeinden, eigene weitere Einschränkungen in Kraft gesetzt haben, verwirrt noch viel mehr. Macht es wirklich Sinn, dass jede Grossmutter mit ihrem Schosshündchen den SKN absolvieren muss? Meines Erachtens sollten vor allem die Halter besser unter die Lupe genommen werden; vor allem diejenigen, die Kampfhunde zur Aufbesserung ihres Egos halten. Da sollte man ansetzen, aber nicht bei Haltern, die freiwillig etwas tun!
    • Daniel  Schmid 30.08.2015
      Ich glaube eher, ein grosses Problem in der Hundehaltung ist, dass die Grossmutter ihr Schosshündchen, das eigentlich ein Jagdhund ist, unterschätzt, oder schlimmer, gar nicht einschätzen kann. Diese Hunde sind nicht sozialisiert, haben keine Schulung, sind nicht abrufbar, jagen alles was sich bewegt, hören auf kein Kommando, sind oftmals zum Kläffer erzogen
  • Daniel  Schmid 30.08.2015
    Man kann diesen Beitrag im Sonntags Blick natürlich auch anders sehen.
    Verhandlungen zum Nationalen Hundegesetz stehen bevor, oder man will solche forcieren.
    Jedenfalls, um hier etwas Druck zu machen, graben wir doch eine alte Geschichte aus. Auch wenn seither sich die Welt weitergedreht hat, egal. Wichtig ist, dass man den Volkszorn anstacheln kann.

    Ich würde im Gegenteil dazu aufrufen, gut erzogene und gut gezüchtete Hunde zu ermöglichen, durch sachgemässe und sachliche Regulierungen.
  • heinz  erich 30.08.2015
    Früher fuhren Radfahrer auf der Strasse oder dem Radweg, Sportler Trainierten auf dem Sportplatz, Rollerblades, Mountainbike etc. gab es nicht. Heutzutage fahren alle auf dem Wanderweg, der eigentlich für Wanderer und Hundehaltern gedacht war.
  • Daniel  Schmid 30.08.2015
    Ich denke, wenn ich das so lese, dass es ein Problem gibt. Wäre es denkbar, dass die bisherigen Regelungen versagen, weil sie rein populistisch sind, und wenig den Hund berücksichtigen? Aber eigentlich ginge es ja um den Hund.
    Zum Beispiel, die Leinenpflicht könnte ja total kontraproduktiv sein. Denn immer angeleint kann man den Hund nicht trainieren. Mann nimmt also dem Hundebesitzer die Möglichkeit einen sicheren Hund zu haben.
    Sollte man also nicht etwas Vernunft walten lassen?
  • Hans-Jorg  Merz , via Facebook 30.08.2015
    Das Problem sind nicht die Hunde sondern die Halter. Ich hatte selber leider durch einen Virus gestorben selber einen Pitbull, einen Fila Brasileira, einen Rottweiler und einen deutschen Schäfer. Alle überhaupt nicht agressiv. Die Halter züchten die Hunde auf dass sie agressiv werden.