Beim TV-Experiment «Terror» entschieden die Zuschauer, wer stirbt 84 Prozent sagen: Nicht schuldig!

Darf man Hunderte töten, um Tausende zu retten? Diese Frage stellt der Film «Terror – Ihr Urteil». Schweizer sagen mit 84 Prozent deutlich Ja, Österreicher und Deutsche gar mit je 87 Prozent.

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Durfte der Kampfpilot Lars Koch ein Passagierflugzeug abschiessen, um zu verhindern, dass ein Terrorist dieses auf ein vollbesetztes Fussballstadion stürzen lässt? Darf man 164 Menschen töten, um 70 000 zu retten? Darum ging es gestern Abend auf SRF, ARD und ORF im Gerichts-Thriller «Terror – Ihr Urteil».

Der Film basiert auf dem Theaterstück «Terror» des deutschen Strafverteidigers und Dramatikers Ferdinand von Schirach (52). Es wirft die alte philosophische Frage auf: Darf man das Leben weniger Menschen opfern, um viele zu retten? Ein Airbus mit 164 Passagieren wird auf dem Flug von Berlin nach München gekapert. Der Entführer droht, die Maschine auf ein vollbesetztes Fussballstadion stürzen zu lassen. Kampfjets versuchen den Airbus zuerst abzudrängen. Doch als die Maschine nicht reagiert, entscheidet Pilot Lars Koch (Florian David Fitz) eigenmächtig, die Maschine abzuschiessen. Alle Passagiere sterben. Später kommt er wegen dieser Handlung vor Gericht.

SRF-Film «Terror - Ihr Urteil»: 84% stimmt für einen Flugzeug-Abschuss play

Florian David Fitz als Lars Koch.

SRF/ARD Degeto/Moovie GmbH/Julia Terjung

Gleich im Anschluss an den Film forderte der TV-Richter (Burghart Klaussner) die Zuschauer in allen drei Ländern  auf, ihr Urteil über den Piloten via Tele-Voting zu fällen. Und auch darüber, wie der Film ausgehen soll. Nach wenigen Minuten Unterbruch wurde das Urteil ausgestrahlt. Die beiden Versionen waren fertig produziert. Das Urteil war eindeutig: Die Schweizer Fernsehzuschauer folgten dem Plädoyer des Verteidigers des Kampfpiloten und sprachen ihn mit 84 gegen 16 Prozent frei. Mit 87 zu 13 Prozent stimmten die Deutschen und Österreicher noch deutlicher für den Piloten.

Das gilt in der Schweiz

Bei uns ist das Szenario in der Verordnung über die Wahrung der Lufthohheit geregelt. Waffeneinsatz ist bei «nicht eingeschränktem Luftverkehr» grundsätzlich verboten. Bei eingeschränktem Flugverkehr – also etwa bei Terrorverdacht – ist ein Abschuss als allerletztes Mittel erlaubt. Für den Abschussbefehl ist Verteidigungsminister Guy Parmelin verantwortlich. Allenfalls kann er den Entscheid an Luftwaffenchef Aldo Schellenberg delegieren. Eigenmächtig entscheiden darf ein Pilot nur im absoluten Notstand oder bei Notwehr. Künftig wird die Thematik im neuen Militärgesetz geregelt sein.

 

Jonas Projer (34) diskutierte in seiner anschliessenden Sendung «Arena Spezial» mit Gästen und Experten die Entscheidung (siehe unten). Inklusive Liveschaltungen zu ARD und ORF, wo der brisante Film ebenfalls kontrovers besprochen wurde.

Wie würde sich Jonas Projer entscheiden? «Das muss jeder für sich selber beantworten, nachdem er den ganzen Film gesehen hat. Wenn ich der Pilot wäre, würde ich mein Gewissen befragen – und wahrscheinlich ebenfalls schiessen», sagt er.

Ein Militärpilot schiesst ein entführtes Flugzeug mit 164 Menschen an Bord ab. Damit verhindert er, dass Terroristen die Maschine in eine mit 70'000 Menschen vollbesetzte Sportarena lenken. Ist er schuldig?

Abstimmen

 

Aber der Film stelle ja eine andere Frage: Soll der Pilot schuldig gesprochen werden oder nicht? «Da finde ich persönlich: Ja, er sollte schuldig gesprochen werden», so der Moderator. «Als Pilot würde ich also wahrscheinlich schiessen – und davon ausgehen, für diesen Entscheid verurteilt zu werden.» 

Publiziert am 17.10.2016 | Aktualisiert am 19.10.2016

Pro: Weil er Leben retten muss

Von Daniel Riedel, Co-Ressortleiter News

Könnte man Menschenleben gegeneinander aufrechnen, wäre das Ergebnis klar: 164 Passagiere geopfert, dafür 70'000 Leben im Stadion gerettet. Macht 69'836 gute Gründe, um ein entführtes Flugzeug vom Himmel zu holen. Doch so einfach ist es nicht. Terrorbedrohung ­legitimiert rein rechtlich keinen Abschuss. Vor Gericht würde aus dem Helden ein Massenmörder, der sich alleine für seine Entscheidung zu verantworten hätte. Berufen könnte er sich vor dem Richter maximal auf einen «übergesetzlichen Notstand». Ob ein gekapertes Flugzeug darunter fällt, ist schlichtweg nicht definiert. Also fällt der Pilot seine Entscheidung am Ende ganz ­allein. Innert Minuten. Ohne Absicherung und gesetzlichen Fallschirm. Deswegen braucht es Mut und gesunden Menschenverstand. Wir alle wissen, dass er es nicht darf. Wir alle wissen, dass er es trotzdem machen muss. Eben weil er 69'836 Leben rettet und als Pilot damit seinen Job erfüllt. Im Notfall auch in Eigenregie.

Joël Widmer, Co-Leitung Ressort Politik

Contra: Weil wir nicht richten dürfen

Von Joël Widmer, Co-Ressortleiter Politik

Eigentlich ist die Rechnung einfach. Wenn man 70'000 Menschenleben retten kann, schiesst man besser ein gekapertes Flugzeug mit 164 unschuldigen Insassen ab. Man wählt das sogenannt kleinere Übel. Doch so einfach ist die Sache nicht. In der Bundesverfassung steht zum Glück in Artikel sieben: «Die Würde des Menschen ist zu achten und zu schützen.» Und in Artikel zehn: «Jeder Mensch hat das Recht auf Leben.» Diese Rechte gelten für alle Betroffenen uneingeschränkt, für die 70'000 im Stadion wie die 164 im Flugzeug. Und es macht keinen Unterschied, ob die 164 dem Tod eh schon nahe stehen könnten. Die Würde des Menschen gilt ohne Wenn und Aber bis zum Todeszeitpunkt. Und kann ich als Jet-Pilot oder Kommandeur wirklich sicher sein, dass es sich der Terrorist nicht im allerletzten Moment anders überlegt? Und soll ich für den Terroristen wirklich die Tötung Unschuldiger übernehmen? Ich täte es nicht.

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SRF-Film «Terror - Ihr Urteil»: 84% stimmt für einen Flugzeug-Abschuss play

Schuldig oder nicht schuldig?: Lars Eidinger als Verteidiger, Martina Gedeck als Staatsanwältin, Florian David Fitz als Lars Koch, Burghart Klaussner als Richter (v.l.n.r.).

SRF/ARD Degeto/Moovie GmbH/Julia Terjung

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93 Kommentare
  • Walter  Müller aus Rohrbach
    18.10.2016
    Stellen Sie sich vor, der Pilot hat das Flugzeug im Visier, er könnte es abschiessen und die Katastrophe verhindern. In höchster Not schreit er ins Micro und fordert die Erlaubnis für den Abschuss, aber die kommt nicht ... er sieht, ich könnte das Flugzeug abschiessen ... die Zeit verrinnt und der Abschussbefehl kommt um Sekunden zu spät. Der Absturz fordert 25000 Tote und 20000 Verrletzte ... der Pilot muss nun damit Leben, diese Tragödie nicht verhindert zu haben, obwohl er es gekonnt hätte.
  • Schubi  Rösch 18.10.2016
    Ich finde die Frag ziemlich dämlich. Die Leute im Flugzeug sterben sowieso, auch wenn sie auf das Fussballstadion abstürzen. Es ist also keine entweder/oder-Entscheidung sondern man entscheidet nur darüber, ob man die Menschen im Stadion schützt. Diese Entscheidung ist also nicht soooo schwierig. Daher würde ich auch sagen "nicht schuldig".
    • Walter  Müller aus Rohrbach
      18.10.2016
      Finde ich auch, das ganze wirkt sehr hypothetisch. Man kann da noch weiter fabulieren: was wäre, wenn das abgeschossene Flugzeug in bewohntes Gebiet z.B. in einen Wolkenkratzer gestürzt wäre. Ich fand die ganze Sendung fragwürdig, insbesondere die in vielen teilen komisch geführte Gerichtverhandlung. Wenn sich das tatsächlich so abspielen würde, wäre mein Vertrauen in die Gerichte nachhaltig erschüttert. Auch der Verteidiger vom Piloten war eine einzige Katastrophe. Völlig überflüssige Sendung.
    • Marion  Jost aus Schönenwerd
      19.10.2016
      Herr Müller; die Szenerie ist durchaus möglich, 9/11 war nahe daran, dort haben die Passagiere des einen Flugs den Einschlag in ein Gebäude verhindert, stürzten jedoch dann ab und starben. Hätten die den Terroristen nicht überwältigen können, wäre ein Abschuss durchaus ein Thema geworden!
  • Christian  Beutler , via Facebook 18.10.2016
    Was ist mit Flug 93 am 11.September? Nur noch 160 km von Washington entfernt. Das CIA Hauptquartier in Langley und das weisse Haus in einer Linie im Anflug. Das Kapitol als Ausweichziel.
    Wie weit hätte die AIR FORCE dieses Flugzeug noch kommen lassen?
    Twin Tower Einschschläge bestätigt, 45 Personen an Bord. Damals keine Fiktion sonder Real Terrorismus. Wären die Passagiere nicht so mutig gewesen und damit schneller als die Jets, der Abschuss wäre unvermeidlich erfolt. /// oder er ist es !
  • Regula  Heinzelmann 18.10.2016
    Die wahren Schuldigen, die Entführer des Flugzeuges, waren kaum ein Thema. In einer solchen Sendung sollte zur Sprache kommen, wie man solche Situationen verhindern kann. Solche Ereignisse führen zu einem Notstand, was strafrechtlich grundsätzlich ein Milderungsgrund ist. Man kann nicht riskieren, dass sehr viele Menschen getötet oder verletzt werden – und zwar auf menschenunwürdige Art.
  • Andreas  Kaufmann 18.10.2016
    "Die Würde des Menschen ist unantastbar und Leben können nicht gegeneinander abgewogen werden."
    Das hört sich erst zwar richtig an, würde aber in letzter Konsequenz bedeuten, dass man die Kampfjets gar nicht mehr bewaffenen dürfte. Auch unsere Polizisten dürften keine potenziell tödlichen Waffen mehr tragen. Ein Polizist könnte sonst in einer Notwehrsituation sein Leben gegen das eines Kriminellen abwägen...
    Ein "Ja" zum Grundgesetz, aber ohne es ad absurdum zu führen!