Stefan Ritler (56), Leiter der Invalidenversicherung, über die umstrittenen Praktiken der IV Wird die IV zu Recht kritisiert?

IV-Empfänger beklagen sich über menschenunwürdiges Verhalten von «Schreibtischtätern» der IV. Sie werden von Existenzängsten geplagt. Stefan Ritler, Leiter der Invalidenversicherung, nimmt Stellung

«Unsensibles Verhalten ist kein Programm», wehrt sich Stefan Ritler für IV-Rentner. play

«Unsensibles Verhalten ist kein Programm», wehrt sich Stefan Ritler für IV-Rentner.

Peter Gerber

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Blick: Stefan Ritler, läuft die Umsetzung der 6. IV-Revison nicht so effizient wie geplant?
Stefan Ritler: Die IV war viele Jahre zu grosszügig bei der Zusprache von Renten. 2009 sind wir von 12500 Renten ausgegangen, die wir einsparen können. Wir haben jedoch die Zahl der Renten unterschätzt, die wir hinaufsetzen müssen. Der Zustand eines IV-Bezügers kann sich ja immer auch verschlechtern, dann hat er Anspruch auf mehr Rente. Gleichzeitig haben wir die Anzahl der Renten überschätzt, die wir reduzieren oder streichen können.

Warum denn?
Die betroffenen Personen, die unter den nicht objektivierbaren Krankheiten leiden, haben meistens noch ein zweites Leiden, das sie einschränkt. Zum Beispiel Depressionen. Was aber die finanzielle Situation der IV betrifft, haben wir bei der Sanierung drei Jahre Vorsprung auf unsere Zielsetzung durch vorangegangenen Revisionen.

Haben Sie bei der 6. Revision medizinische Aspekte unterschätzt?
Nein, wir konnten nicht wissen, in wie vielen Fällen andere medizinische und relevante Befunde vorhanden waren.

«Wiedereingliederung vor Rente» ist das Motto der IV. Geringe Teilzeitpensen, wie sie IV-Bezüger oft nur bewältigen können, sind in der Wirtschaft rar.
Hier muss ein Umdenken stattfinden! Wer zum Beispiel zu 50 Prozent erwerbsfähig ist, braucht nicht einen Job für zweieinhalb Tage, sondern einen, bei dem 50 Prozent Leistung genügen. Die IV gleicht die fehlende Hälfte aus.

Viele IV-Rentner fühlen sich ausgeliefert, beklagen sich über den harschen Ton der Berater.
Ich bin im Kontakt mit den IV-Stellen und weiss, dass es das gibt, aber es sind Einzelfälle. Wer sich unwürdig behandelt fühlt, kann sich bei der Stellen-Leitung beschweren. Dazu rate ich. Unsensibles Verhalten gegenüber IV-Rentnern ist kein Programm!

Die Gutachterstellen sind in der Kritik. Die sogenannten Flugärzte aus dem Ausland, die eingesetzt werden, seien später nicht mehr greifbar. 
Die Zuweisung zu einer anerkannten Gutachterstelle erfolgt per Los. Alle Ärzte, die für die IV Gutachten erstellen, unterliegen den gleichen qualitativen Anforderungen.

Publiziert am 11.12.2014 | Aktualisiert am 11.12.2014
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7 Kommentare
  • Margi  Noser , via Facebook 12.12.2014
    Ich bin zusätzlich über 2 Jahre zu meinen Gebrechen durch die Hölle gegangen + innert 2 Stunden von einem korrupten Gutachter für eine Pauschale von 9.000./Fr. gesund geschrieben worden. Ritler schrieb mir, ich können ja den gerichtlichen Weg einschreiten, Berset: ich soll die Verbesserung meiner Gesundheit als Chance sehen. Nur dank meinem Kampf und neuem Gutachten wurde mir meine Rente nicht gestrichen. Inakzeptabel, was da abgeht, Blocher und der SVP zu verdanken.
  • Thomas  Schneider 12.12.2014
    Wie viele Einzelfälle braucht es, um nicht mehr von einem Einzelfall sprechen zu dürfen?
  • André  Brunner aus Sissach
    12.12.2014
    Stefan Ritler antwortet: "Wer zum Beispiel zu 50 Prozent erwerbsfähig ist, braucht nicht einen Job für zweieinhalb Tage, sondern einen, bei dem 50 Prozent Leistung genügen. Die IV gleicht die fehlende Hälfte aus." Wer bezahlt dem Arbeitgeber die Mehrkosten für den ganztags blockierten Arbeitsplatz bei nur 50 Prozent Leistung? Erst wenn dieses Problem gelöst ist, könnte die Wiedereingliederung gelingen.
  • William  Quispe aus Bellinzona
    11.12.2014
    Dann schmeisst alle ausländischen IV Bezüger raus, welche nicht eine minimale Anzahl Jahre einbezahlt haben. Oder teilweise auch gar nichts. Für Schmarotzer habt ihr Geld, aber für die eigenen Leute nicht.
  • Hansruedi  Latscha 11.12.2014
    Leider handelt es sich nicht um Einzelfälle. Sicher ist es richtig, die Berechtigung für eine Rente sauber abzuklären. Wenn aber ein erwiesenermassen unschuldiger Unfallbeteiligter nicht mehr arbeitsfähig ist und sich sämtliche Versicherungen weigern zu zahlen, stimmt etwas nicht! Komisch ist auch, dass Spitzensportler Schleudertraumen im Zusammenhang mit einem Autounfall erleiden können, diese "Verletzung" jedoch in der Schweiz aus dem Katalog gestrichen wurde! -Für was bezahlen wir Prämien?