Karl Weber sass im Unglücks-Zug von Rafz ZH «Ich hätte sterben können»

RAFZ ZH - Beim Bahnhof Rafz ist es zu einer Zugskollision gekommen, sechs Personen wurden verletzt. In beiden Züge waren Lokführer-Aspiranten. Ein Ausbildungslokführer (49) wurde schwer verletzt. Der Passagier Karl Weber erlebte den Crash hautnah mit.

Passagier zum Zug-Crash: «Ich hätte tot sein können!»

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Heute um 06.43 Uhr sind beim Bahnhof Rafz zwei Personen-Züge kollidiert. Gemäss Kantonspolizei Zürich wurden sechs Personen verletzt, eine davon schwer. Sanität, Feuerwehr und Rega sind im Einsatz, die Strecke zwischen Bülach und Schaffhausen ist vermutlich noch bis Mitternacht unterbrochen.

Beim Schwerverletzten handelt es sich um den 49-jährigen Lokführer des verspäteten Interregio. Die Feuerwehr musste ihn aus dem Führerstand der Lokomotive herausschneiden. Der Schweizer wurde mit einem Rega-Helikopter ins Spital gebracht. Insgesamt wurden sechs Personen verletzt. Es handelt sich bei ihnen um einen 35-jährigen Italiener, eine 44 Jahre alte Türkin und eine 28-jährige Frau aus Afghanistan sowie zwei 25- und 46-jährige Schweizer. Wie viele Passagiere in den Zügen waren, ist gemäss SBB-Sprecher Daniele Pallecchi unklar.

Jetzt wurde auch bekannt, dass beide in den Zusammenstoss involvierten Züge durch je einen Ausbildungslokführer und einen Lokführer-Aspiranten geführt wurden.

Die «Flankenfahrt» der Züge wird untersucht

Auf dieser Strecke verkehren die S-Bahn-Linien 5 und 22 sowie die Schnellzüge Zürich-Schaffhausen. Die SBB bestätigen auf Anfrage von Blick.ch den Unfall. Bei der Ausfahrt aus dem Bahnhof Rafz Richtung Schaffhausen sei es zu einer seitlichen Kollision – einer sogenannten «Flankenfahrt» – mit einem Schnellzug gekommen, der ebenfalls nach Schaffhausen fuhr.

Warum es in Rafz zum Zusammenstoss kam, sei Gegenstand der laufenden Untersuchungen. Fest steht bisher, dass der Interregio mit Verspätung unterwegs war. Ob der Lokführer die Verspätung aufholen wollte, ist nicht klar. Auch die Schäden an den Anlagen seien noch nicht abschätzbar, schreiben die SBB in einer Mitteilung.

Wie die Chefin SBB-Personenverkehr Jeannine Pilloud zu Blick.ch sagt, seien auf der stark befahrenen Strecke die neuste Generation von Stellwerken montiert. Konkret: Signum und ZUB kombiniert. Ersteres warnt den Lokführer beim so genannten Vorsignal, wenn der Zug auf ein Haltesignal zusteuert. Hält der Lokführer nicht an, wird der Zug automatisch abgebremst. Das System «ZUB» wiederum überwacht die Geschwindigkeit des Zuges zwischen Vor- und Hauptsignal.

Experte Walter von Andrian, Chefredaktor Schweizer Eisenbahn-Revue, erklärt genauer: «Beim System «Signum» wird der Zug beim Überfahren des Rotlichts automatisch gebremst. Das Problem: Der Zug braucht einen langen Bremsweg, bis er vollständig zum Stillstand kommt. Das System «ZUB» (Zug-Beeinflussungssystem) bremst den Zug schon früher, vorausgesetzt, er fährt zu schnell auf ein Rot-Signal zu. Der Haken: Wenn der Zug – wie in diesem Fall möglich – unmittelbar zuvor gewendet wurde, reagiert das System noch nicht. Wenn der Zug von Zürich her gekommen wäre, im Bahnhof Rafz gehalten hätte und dann weiter Richtung Schaffhausen gefahren wäre, hätte das System reagiert. Da der Zug jedoch in Rafz gewendet hat, war das System noch nicht bereit. Es wäre erst ab dem nächsten Signal in Betrieb gewesen.»

Wie ein Blick-Leserreporter berichtet, sind mehrere Waggons entgleist und stehen schief auf einer Brücke. Auch der Strassenverkehr, der unter der Brücke durchführt, ist beeinträchtigt: Autofahrer werden grossräumig umgeleitet, da die Brücke zunächst einer statischen Prüfung unterzogen werden muss.

Lokführer soll «Signal verwechselt» haben

Einer Meldung auf Twitter zufolge soll der Lokführer der S-Bahn ein Signal verwechselt haben, worauf es bei der Bahnhofsausfahrt zur Entgleisung kam.

 

Gemäss SBB war der Interregio unterwegs nach Schaffhausen - ohne Halt in Rafz. Er fuhr auf dem Aussengleis durch den Bahnhof, als die S-Bahn die Fahrt in die gleiche Richtung aufnahm und den Interregio aus den Schienen kippte.

Bei der seitlichen Streifkollision entgleiste der Interregio. Die Lokomotive und mehrere Waggons des Interregio neigten sich zur Seite.

«Ich sass im Wartehäuschen, weil die S-Bahn nach Zürich Verspätung hatte», erzählt Leserreporter Lars Fehr (20) Blick.ch. «Plötzlich gab es einen lauten Knall.» Bei der Kollision seien mehrere Wagen entgleist.

«Beide Züge fuhren in die gleiche Richtung. Der Schnellzug fährt hinter der S-Bahn durch, weiter vorne kommen sie wieder zusammen», erklärt der Leserreporter die Situation. Dort seien sie seitlich ineinander gekracht.

Nach der Kollision rief eine Frau die Polizei an, einige Personen gingen zum entgleisten Zug. «Der Lokführer der S-Bahn stieg aus, zog eine Signalweste an und brachte die Passagiere aus dem Zug», so Fehr.

Die SBB haben für die Betreuung der Betroffenen ein Care-Team vor Ort. In Rafz, Bülach, Jestetten und Schaffhausen stehen zudem Kundenbetreuer im Einsatz.

Folgende Zugverbindungen sind gemäss SBB vom Zwischenfall betroffen:

Die Züge IC 18x/28x Zürich HB - Stuttgart Hbf werden umgeleitet über Winterthur. Die Gesamtreisezeit verlängert sich um 15 Minuten.

Die Züge IR 28xx Zürich HB - Schaffhausen fallen aus.

Die Züge RE 49xx Zürich HB - Bülach - Schaffhausen fallen zwischen Bülach und Schaffhausen aus.

Die Züge S5 Pfäffikon SZ - Rafz fallen zwischen Hüntwangen-Wil und Rafz aus

Die Züge S22 Zürich HB - Schaffhausen - (Singen) fallen zwischen Hüntwangen-Wil und Jestetten (D) aus.

Reisende von Zürich HB nach Schaffhausen reisen via Winterthur.

Auf dem betroffenen Streckenabschnitt sind zudem Ersatzbusse unterwegs. Es muss jedoch mit längerer Reisezeit gerechnet werden.

(cat/lex/SDA)

Publiziert am 20.02.2015 | Aktualisiert am 14.10.2015
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Bahnfahren 15 Mal sicherer als Autofahren

Zugunfälle mit Personenschaden lösen immer wieder Betroffenheit und ein Lamento über Sicherheitsmängel aus, obwohl oder gerade weil sie so selten sind.

Dabei ist das Risiko, mit der Bahn tödlich zu verunglücken, bei gleicher Distanz 15 Mal geringer als mit dem Auto. Im Vergleich zum Motorrad ist der Zug sogar um das 300-fache sicherer, wie das Bundesamt für Statistik errechnet hat.

Seit 1990 hat sich die Zahl der bei Bahnunfällen getöteten Personen mehr als halbiert, obwohl die Verkehrsleistung auf der Schiene um über 50 Prozent zugenommen hat.

Im Mittel der Jahre 2010 bis 2013 - Zahlen für 2014 liegen noch nicht vor - verloren in der Schweiz pro Jahr rund 20 Menschen bei Unfällen mit der Eisenbahn das Leben, 55 weitere wurden verletzt.

Zum Vergleich: Im Strassenverkehr gab es in dieser Periode im Jahresdurchschnitt über 300 Tote und fast 22'800 Verletzte, obwohl auch hier das Unfallrisiko in den vergangenen Jahrzehnten stark zurückgegangen ist.

Kommt dazu, dass es sich bei den meisten Opfern von Zugunfällen um Bahnangestellte sowie um Drittpersonen handelt, also um unaufmerksame Passanten oder Automobilisten.

Im ganzen Zeitraum von 2010 bis 2013 wurden nur zwei tote Reisende gezählt. Bei den Verletzten war das Verhältnis zwischen Passagieren und Dritten in etwa ausgeglichen. (bau/SDA)

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60 Kommentare
  • Max  Meier aus Lausanne
    20.02.2015
    Ich fass es nicht, "neuste Generation von Stellwerken",
    ein "modernstes Zugssicherungssystem", welches ein Wenden des Zuges nicht abdeckt, wo ist da die Kompetenz der Aufsichtsbehörde?
  • wurscht  hans 20.02.2015
    Also ich sehe das wie der Charly aus Belp. die Akademiker sind schuld und zwar nicht nur am Zug. Der Zug sollte wieder von Leuten aus dem Volk geführt werden, danke.
  • Thomas  Jauslin aus Niederglatt ZH
    20.02.2015
    Wenn die SBB meist nur noch Lokführer auf den Zügen haben, können sie keine Angaben über die Anzahl Passagiere machen. Im betroffenen IR sollte aber mind. 1 Angestellter des Zugpersonal anwesend gewesen sein. Dieser hätte die Anzahl Passagiere sicher einschätzen können.
  • Peter  Stierli aus Geroldswil
    20.02.2015
    Solche Unfälle wird es immer wieder geben so lange Menschen im Spiel sind. Wahrscheinlich ist auch das allgemeine Fachwissen bei den SBB Verantwortlichen einfach nicht gut genug.
  • Hanspeter  Steinmann aus Mattstetten
    20.02.2015
    Mich verwundert dieser Unfall nicht. Der Bund ist verpflichtet ab einer Grenze von ca. 130 Millionen eine WTO Ausschreibung zu machen. Derjenige der das günstigste Preisangebot macht, ob ausländische oder schweizer Firmen mit oder nötiges Now How spielt keine Rolle der günstigste bekommt den Auftrag. Das ist die Konsequenz! Ich hoffe, dass alle Verletzten bald wieder gesund der Arbeit nachgehen können.