Notendruck, Terminstress, Reizüberflutung – schon Primarschüler leiden an Burnout: Wenn Kinder einfach nicht mehr können

Wenn Kinder am Anschlag sind: Ein Schock-Report zeigt, dass jetzt bereits Primarschüler an Burnout erkranken. Grund dafür sind ehrgeizige Eltern, Notendruck oder Terminstress.

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Er ist erst zehn, doch sein Terminkalender ist so prall gefüllt wie der eines Managers: Nico* aus Zürich geht zur Schule und drei Mal pro Woche in den Tennisunterricht. «Er hat so viel Potenzial», sagen seine Eltern. Nico bekommt Nachhilfe in Französisch. Und – um ihn musisch zu fördern – auch noch Schlagzeugstunden.

Seine Eltern waren überzeugt: Sie tun ihrem Sohn etwas Gutes. Sie wollten ihn optimal unterstützen, damit er in zwei Jahren den Übertritt ins Gymnasium schafft – und danach studieren kann. Doch dann kam alles anders: Nico mochte nicht mehr Tennis spielen, ass kaum noch, seine Noten wurden immer schlechter.

«Wir wussten nicht, was los ist», sagt seine Mutter. Die Eltern wollen anonym bleiben. Zu gross ist die Angst, dass Nico in der Schule ausgelacht wird. Die Mutter: «Den Stempel Burnout bringt man so schnell nicht wieder weg.»

Denn der Schulpsychiater stellte fest: Nico leidet an einer Erschöpfungsdepression, besser bekannt unter dem Begriff Burnout. Das Managerleiden ist in der Primarschule angekommen.

«Seit zwei Jahren erkranken immer mehr Grundschüler», sagt der deutsche Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort (58) im Interview (rechts). Er schätzt, dass eines von 60 Kindern an Burnout leidet.

Bei einer Befragung im Auftrag der WHO gab jeder dritte Schweizer Schüler an, an Stresssymptomen zu leiden. Sie klagten über Bauchschmerzen oder Schlafstörungen. Die Folgen zeigt ein bisher unveröffentlichter Bericht des Bundes zur psychischen Gesundheit: 4,4 Prozent aller Kinder und Jugendlichen leiden an einer depressiven Störung.

Andreas Diethelm (52) arbeitet in Zürich als Burnout-Coach. Auch seine Patienten werden immer jünger. «Die Gesellschaft hat an kleine Kinder eine grosse Erwartungshaltung», sagt Diethelm. Sie lernten sehr früh, sich auf ihre Zukunft zu fokussieren – und setzen sich selber unter Druck. «Deshalb fördern die Eltern sie in Fächern, die sie in der Schule noch gar nicht haben.»

Übereifrige Eltern, überforderte Kinder: Lehrer stehen vor immer grösseren Herausforderungen. Jürg Brühlmann, der im Lehrerverband LCH die Pädagogische Arbeitsstelle leitet: «Private Nachhilfe und der Druck auf Lehrpersonen wegen Schulnoten hat deutlich zugenommen.» Brühlmann rät Lehrern, Auffälligkeiten früh mit den Eltern zu besprechen. «Zu viel Leistungsdruck kann sich auch in Unruhe oder Unaufmerksamkeit äussern.»

Nico ist heute in Behandlung bei einem Psychologen. Der hilft ihm und der Familie, nach den Ursachen für seine Erschöpfungs­depression zu suchen – und einen Gang herunterzuschalten. «Mittlerweile ist es für uns auch in Ordnung, wenn er die Sek A besucht», sagt die Mutter. Die Französisch-Nachhilfe ist gestrichen, ebenso der Tennisunterricht. Nico soll nur tun, was ihm wirklich Spass macht.

Dazu der Burnout-Coach Andreas Diethelm: «Qualität statt Quantität – das gilt auch bei Hobbys.»

*Name geändert

Publiziert am 08.02.2015 | Aktualisiert am 08.02.2015
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64 Kommentare
  • Ferenc  Kovacs aus Minusio
    08.02.2015
    Wie mein Direktor zu sagen pflegte: "Das Beste oder das Optimum ist der grösste Feind des Guten."
  • Andrea  Mordasini aus Bern
    08.02.2015
    Druck und Stress gabs auch zu meiner Zeit als Schulkind, mussten wir sogar an 6 Tagen, also sogar samstags zur Schule, und der ganze Sek-Übertrittsstress begann gar in der 3./4. Klasse schon, da wir damals in der Stadt Bern bereits ab der 5. Klasse in die Sek/Primar wechselten. Also einfacher war die Schule bestimmt nicht, im Gegenteil denke ich! Dafür war unsere Terminagenda nicht mit x Kursen und Vereinen vollgepfercht, wofür ich sehr dankbar bin. Man liess uns in der Freizei noch Kinder sein.
  • Andrea  Mordasini aus Bern
    08.02.2015
    Mir tun all diese "frühgeförderten" Kinder leid, die der Eltern wegen X Kurse und Vereine besuchen müssen, nur weil es den Eltern damals nicht möglich war. Liebe Eltern, hört bitte auf Eure Kinder, lasst sie Kinder sein, nehmt sie und ihre Bedürfnisse, Anliegen, Ängste und Sorgen ernst, ohne unnötigen Druck und Zwang. Sie sollen Dinge wie Sport und Musik ausüben dürfen, weil und solange sie es wollen und nicht weil sie müssen. Alles andere ist kontraproduktiv und kann zu Problemen führen.
  • Franziska  Widmer 08.02.2015
    Als Eltern dreier Jungs zwischen 14 und 19 haben wir viel zu lange zugeschaut,bis wir dann endlich vor 6 Jahren den Antrag für "Privatunterricht" gestellt haben und seitdem die Kids zu Hause in der eigenen SCHULSTUBE lernen liessen. Der älteste Sohn ist nun gelernter Landschaftsgärtner 2 J. Homeschool, der 2. ist in einer Schreinerlehre 3 J. HS, der 3. lernt seit der 3. Kl. glücklich zu Hause. Am Nachmittag nimmt er Musikstunden, spielt Unihockey, geht ins Freizythuus und "werkelt". :-
  • Michael  Meienhofer aus Ostermundigen
    08.02.2015
    Notendruck ? ich würde einfach sagen : Handydruck - oder sieht man hie und da Kinder ohne dieses schlappmachende Instrument ? Geistige Verblödung fäng ganz einfach an.......