Für Red Bull riskierte Ueli Gegenschatz sein Leben. Immer und immer wieder. Das brachte dem Getränkemulti Publicity. Jetzt ist der Basejumper tot. Und Red Bull bleibt stumm. Dafür spricht der bekannte Werber Hermann Strittmatter Klartext.
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An der Absturzstelle beim Sunrise-Tower in Zürich Oerlikon liegen Grabkerzen und Blumen. (Michael Würtenberg)
Ueli Gegenschatz (38) blickt 88 Meter in die Tiefe. Er zögert. «Es hat offenbar im Moment ungünstigen Wind», kommentiert ein Sprecher vor dem Hochhaus in Zürich Oerlikon – eine Minute, bevor sich der Appenzeller vom Sunrise-Turm in die Tiefe stürzt. Im Hintergrund läuft Rockmusik. Es ist Mittwoch, kurz nach 12.30 Uhr. Der waghalsige Fallschirmsprung soll das Handyangebot «Red Bull Mobile» ins Gespräch bringen.
200 Zuschauer warten gespannt. Gegenschatz springt, der Fallschirm öffnet sich. Dann plötzlich: er gerät ins Trudeln, wohl wegen einer Böe. Gegenschatz verliert die Kontrolle über den Schirm, stürzt ab. Zwei Tage später stirbt der erfahrene Basejumper auf der Intensivstation des Zürcher Universitätsspitals.
Seit Jahren setzt Red Bull auf Werbung mit hohem Adrenalingehalt. Der Energy-Drink-Riese fördert extreme – und extrem gefährliche – Sportarten. Millionen pumpt das österreichische Unternehmen jedes Jahr in ausgefallene Risikodisziplinen wie Basejumping, Speed-Flying, Freestyle Motocross oder Cliff Diving. Spektakuläre Stürze, ja Knochenbrüche sind einkalkuliert – und jetzt sogar der Tod?
Für solchen Leichtsinn hat der Werber Hermann Strittmatter (72), Gründer der Agentur GGK Zürich, null Verständnis: «Der Unfall ist eine Folge der Perversionen des Event-Marketings», sagt er. Dieses Mal sei Red Bull zu weit gegangen. «Leute, die solche Events veranstalten, haben wohl eine Neigung zu einem asozialen Charakter. Kein Wunder, dass sie so verantwortungslos handeln», schimpft Strittmatter.
Gegenschatz ist schon der zweite Extremsportler, der bei Red Bull unter Vertrag stand und dieses Jahr auf Schweizer Boden ums Leben kam. Am 28. August, um 11.30 Uhr, sprang der 36-jährige Amerikaner Eli Thompson im Basejumper-Mekka Lauterbrunnen BE aus einem Helikopter.
Er sollte mit einem «Wingsuit» (Flügelanzug) an einer Felsscharte vorbeifliegen – und krachte in eine Felswand. Der Sprung war eine Szene des geplanten Red-Bull-Films «Human Flight 3D», an dem auch Ueli Gegenschatz beteiligt war. Das Filmteam unterbrach die Dreharbeiten – für gerade mal eine Woche.
Alt Nationalrat Paul Günter (SP, 66) wohnt wenige Kilometer von Lauterbrunnen BE entfernt. «Das hohe Risiko ist Teil der Attraktion», kritisiert Günter. Red Bull kommerzialisiere die «morbide Neigung» einer kleinen Gruppe.
Gegenschatz setzte sein Leben für Red Bull schon seit 1995 aufs Spiel. Dennoch sucht man auf der Webseite des Getränkemultis vergebens nach einer Würdigung seiner Verdienste. Stattdessen ging Red Bull auf Tauchstation. Geschäftsführer Schweiz Daniel Kallay (42) wollte nichts sagen – und verwies an den Pressesprecher Fabio Svaizer. Der verwies auf das Statement von Freitag: «Wir trauern mit seiner Familie und Freunden und sind mit unseren Gedanken bei ihnen.»
Keine Antwort auf die Frage, ob man das halsbrecherische Marketingkonzept überdenken wolle. Und auch keine Antwort auf die Frage, ob der Red-Bull-Film in die Kinos kommt, obwohl zwei der Hauptdarsteller gestorben sind.
Richtig geschmacklos wurde es am Freitag. Gegenschatz lag schon zwei Tage auf der Intensivstation. Gleichzeitig erschien in der Westschweizer Tageszeitung ein Inserat, auf dem er sich in die Tiefe stürzt.
«Willkommen in meiner Welt, der Welt von Red Bull», heisst es in der Annonce.
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