Nach Basejumper-Tod hagelt es Kritik Geht Red Bull über Leichen?

Für Red Bull riskierte Ueli Gegenschatz sein Leben. Immer und immer wieder. Das brachte dem Getränkemulti Publicity. Jetzt ist der Basejumper tot. Und Red Bull bleibt stumm. Dafür spricht der bekannte Werber Hermann Strittmatter Klartext.

  • Publiziert: 14.11.2009, Aktualisiert: 21.05 Uhr
  • Von Lorenz Honegger, Romina Lenzlinger und Philippe Pfister
play An der Absturzstelle beim Sunrise-Tower in Zürich Oerlikon liegen Grabkerzen und Blumen. (Michael Würtenberg)

Ueli Gegenschatz (38) blickt 88 Meter in die Tiefe. Er zögert. «Es hat offenbar im Moment ungünstigen Wind», kommentiert ein Sprecher vor dem Hochhaus in Zürich Oerlikon – eine Minute, bevor sich der Appenzeller vom Sunrise-Turm in die Tiefe stürzt. Im Hintergrund läuft Rockmusik. Es ist Mittwoch, kurz nach 12.30 Uhr. Der waghalsige Fallschirmsprung soll das Handyangebot «Red Bull Mobile» ins Gespräch bringen.

200 Zuschauer warten gespannt. Gegenschatz springt, der Fallschirm öffnet sich. Dann plötzlich: er gerät ins Trudeln, wohl wegen einer Böe. Gegenschatz verliert die Kontrolle über den Schirm, stürzt ab. Zwei Tage später stirbt der erfahrene Basejumper auf der Intensivstation des Zürcher Universitätsspitals.

Seit Jahren setzt Red Bull auf Werbung mit hohem Adrenalingehalt. Der Energy-Drink-Riese fördert extreme – und extrem gefährliche – Sportarten. Millionen pumpt das österreichische Unternehmen jedes Jahr in ausgefallene Risikodisziplinen wie Basejumping, Speed-Flying, Freestyle Motocross oder Cliff Diving. Spektakuläre Stürze, ja Knochenbrüche sind einkalkuliert – und jetzt sogar der Tod?

Für solchen Leichtsinn hat der Werber Hermann Strittmatter (72), Gründer der Agentur GGK Zürich, null Verständnis: «Der Unfall ist eine Folge der Perversionen des Event-Marketings», sagt er. Dieses Mal sei Red Bull zu weit gegangen. «Leute, die solche Events veranstalten, haben wohl eine Neigung zu einem asozialen Charakter. Kein Wunder, dass sie so verantwortungslos handeln», schimpft Strittmatter.

Gegenschatz ist schon der zweite Extremsportler, der bei Red Bull unter Vertrag stand und dieses Jahr auf Schweizer Boden ums Leben kam. Am 28. August, um 11.30 Uhr, sprang der 36-jährige Amerikaner Eli Thompson im Basejumper-Mekka Lauterbrunnen BE aus einem Helikopter.

Er sollte mit einem «Wingsuit» (Flügelanzug) an einer Felsscharte vorbeifliegen – und krachte in eine Felswand. Der Sprung war eine Szene des geplanten Red-Bull-Films «Human Flight 3D», an dem auch Ueli Gegenschatz beteiligt war. Das Filmteam unterbrach die Dreharbeiten – für gerade mal eine Woche.

Alt Nationalrat Paul Günter (SP, 66) wohnt wenige Kilometer von Lauterbrunnen BE entfernt. «Das hohe Risiko ist Teil der Attraktion», kritisiert Günter. Red Bull kommerzialisiere die «morbide Neigung» einer kleinen Gruppe.

Gegenschatz setzte sein Leben für Red Bull schon seit 1995 aufs Spiel. Dennoch sucht man auf der Webseite des Getränkemultis vergebens nach einer Würdigung seiner Verdienste. Stattdessen ging Red Bull auf Tauchstation. Geschäftsführer Schweiz Daniel Kallay (42) wollte nichts sagen – und verwies an den Pressesprecher Fabio Svaizer. Der verwies auf das Statement von Freitag: «Wir trauern mit seiner Familie und Freunden und sind mit unseren Gedanken bei ihnen.»

Keine Antwort auf die Frage, ob man das halsbrecherische Marketingkonzept überdenken wolle. Und auch keine Antwort auf die Frage, ob der Red-Bull-Film in die Kinos kommt, obwohl zwei der Hauptdarsteller gestorben sind.

Richtig geschmacklos wurde es am Freitag. Gegenschatz lag schon zwei Tage auf der Intensivstation. Gleichzeitig erschien in der Westschweizer Tageszeitung ein Inserat, auf dem er sich in die Tiefe stürzt.

«Willkommen in meiner Welt, der Welt von Red Bull», heisst es in der Annonce.

Uelis Mutter: «Er hätte Nein sagen können»

Ursula Gegenschatz wirkt gefasst, als sie mit SonntagsBlick über ihren toten Sohn spricht: «Ueli war so ein guter Mensch», sagt sie. «Er hat sich immer seriös und solid vorbereitet – er war nie kopflos.» Bei Uelis Einsätzen sei immer viel Lebensfreude dabei gewesen.

Ursula Gegenschatz macht Red Bull keine Vorwürfe. «Von dort kam kein Druck. Es ist nicht die Schuld von Red Bull. Ueli hätte Nein sagen können. Es ist einfach Schicksal.» Den Ärzten und dem Pflegepersonal dankt
sie: «Alle waren sehr einfühlsam.»

«Es hat ungünstigen Wind»

Die Video-Aufnahmen zeigen: Es war höchstwahrscheinlich eine Windböe, die Ueli Gegenschatz zum Verhängnis wurde. Wurde das Risiko unterschätzt?

Tonaufnahmen, die SonntagsBlick vorliegen, legen dies nahe. Geplant war, dass Gegenschatz am Mittwoch, um punkt 12.30 Uhr springt. Um 12.34 Uhr sagt ein Mitglied des Red-Bull-Teams via Lautsprecher: «Okay, Ueli, du musst nach wie vor den Wind beobachten. Es hat offenbar im Moment ungünstigen Wind, aber wir warten auf den Moment.»

Weniger als zwei Minuten später liegt Gegenschatz schwer verletzt am Boden. Als er zu Bewusstsein kommt, hören ihn Schaulustige sagen: «Schaltet die Kamera ab!» Gemeint war die Kamera, die er beim Sprung auf sich trug. Die Aufnahmen sind jetzt bei der Polizei.
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Alle Kommentare (55)

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    Es war eine Werbeaktion von Red Bull.Ob da jemand freiwillig springt oder weil er per Sponsorenvertrag dazu verpflichtet ist,spielt dabei doch keine Rolle!
    Ohne den Auftrag durch die Firma Red Bull währe es nicht zu diesem Sprung gekommen.Also egal wer dafür gestorben ist, er starb weil er den Sprung für eine Werbekampagne ausgeführt hat und nicht aus reiner Eigeniniziative.Der Druck war sicherlich da,den Sprung an dem Tag zu machen.
    • 15.11.2009
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    Ich finde es höchst bedenklich, wie gewisse Leute hier Red Bull oder sunrise die Verantwortung zuschieben wollen oder gar Verbote fordern. Schon mal etwas von Eigenverantwortung gehört? Weshalb immer gleich nach dem Staat schreien? Sind wir nicht mehr fähig selbständig zu denken und zu handeln? Muss unser ganzes Leben durchreglementiert werden? Sehr wohltuend ist da der Kommentar von Uelis Mutter, der ich bei dieser Gelegenheit herzlich kondolieren möchte.
    • 15.11.2009
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    Ein kleineres Gebäude vor dem Hochhaus,ist wohl nicht das übliche BaseJumping Senario.Hier ging es in erster Line um spektakulärer Werbung und nicht um den Sport.
    Ein Risiko gibt es auch bei anderen Sportarten und im Beruf.Man kann Unfälle nicht vermeiden, aber Massnahmen zur Vermeidung einplanen.Hier wurde einfach kopflos los gesprungen.Es hätte sicherlich geeignetere Objekte gegeben.
    • 15.11.2009
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    Zuerst möchte ich der Familie und Freunden von Ueli Gegenschatz kondolieren! Er war in meinen Augen eine sehr bemerkenswerte Person und er wusste ganz sicher was er tat. Das man sich als Ausnahmeathlet von einer Gewinnorientierten Firma wie R.B. sponsern lässt finde ich nichts als normal.
    Ein grosses PFUI an R.B. auf keiner Web-Site ist auch nur ein Wort der trauer des bedauerns oder sonst einer Anteilnahme zu finden. Mir fehlen dafür die Worte!
    • 15.11.2009
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    was bitte schön kann redbull dafür? Es hat ihn niemand gezwungen da runter zu springen. es war ganz alleine seine entscheidung ob er springt oder nicht, somit ist er auch wenns traurig ist, selbst verantwortlich für seinen tod. Dank Redbull konnte er den Beruf ausüben der Ihm Spass machte. Also ich wäre dankbar mir würde jemand mein Hobby finazieren. Verstehe nicht was Blick hier wider aus einer Mücke einen Elefanten macht.
    • 15.11.2009
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