Eltern der ermordeten Adeline (†34) entsetzt über Prozess-Abbruch «Für uns ist es eine Tortur»

GENF - Der Prozess gegen den Mörder ihrer Tochter Adeline († 34) sollte Esther (66) und Jean-Claude Morel (73) eine Art Abschluss ermöglichen. Stattdessen gerät die Verhandlung für sie zum Drama.

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Um 9.15 Uhr verkündet Gerichtspräsidentin Anne-Isabelle Jeandin Potenza, der Prozess gegen Fabrice Anthamatten (42) werde abgebrochen. Die Richter wollen ein drittes Gutachten über ihn einholen.

«Einer der beiden französischen Gutachter erhielt die Unterlagen erst am Tag, an dem er Anthamatten traf», begründet Jeandin Potenza. «Das Gericht bekam bei ihrer Befragung den Eindruck, sie hätten nicht alle Beweismittel studiert oder nicht über sämtliches Material verfügt.»

Adelines Eltern sind schockiert. Die Mutter, Esther Morel, sagt zu BLICK: «Für uns ist das eine moralische Tortur. Wir möchten gern abschliessen und endlich mit der Trauerarbeit anfangen. Jetzt dauert es Monate, bis es weitergeht.»

Die Experten aus Frankreich, Pierre Lamothe und Daniel Zagury, sind auf Serienmörder spezialisiert. Am Mittwoch attestierten sie Anthamatten ein sehr hohes Rückfallrisiko. Ihre Aussagen blieben aber oberflächlich: «Er ist wie ein Kaleidoskop. In seinem Kopf hat es alles und das Gegenteil davon.»

Für die Richter reicht das nicht. Sie wollen eine dritte Meinung. Generalstaatsanwalt Olivier Jornot ist entsetzt: «Auch wenn mich die langen Ausführungen der französischen Gutachter manchmal nervten, so sind ihre Schlussfolgerungen klar gewesen. Sie haben gesagt, dass es keine Behandlung gibt.»

Dass ein so wichtiger Prozess nach vier Tagen abgebrochen wird, kam in der Schweiz noch nie vor. Schon beim Auftakt kam es wegen der leisen Stimme der Gerichtspräsidentin zu einem Eklat. Adelines Eltern reklamierten, weil sie deren Worten nicht folgen konnten. Widerwillig liess sich Jeandin Potenza ein Mikrofon anstecken. Am zweiten Tag mussten die Schweizer Gutachter stehen. Das müssen sonst nur Angeklagte. Nach der Pause durften sich die Experten setzen.

Gestern gipfelte die Serie der peinlichen Pannen im Abbruch des Prozesses, der auf zwei Wochen angesetzt war. Die Suche nach einem Verantwortlichen ist kompliziert. Generalstaatsanwalt Jornot war es, der die französischen Gutachter beauftragt hatte. Dass einer der beiden die Akten erst am Tag des Treffens mit dem Täter bekam, störte ihn bis gestern nicht. Doch auch die Gutachter haben eine Sorgfaltspflicht. «Sie hätten sagen müssen, dass sie mehr Zeit für die Vorbereitung der Gespräche mit dem Täter brauchen oder selber einen späteren Gesprächs­termin festlegen müssen», sagt der Rechtswissenschaftler und Zürcher SVP-Nationalrat Hans-Ueli Vogt (46).

Man müsse sich aber bewusst sein, dass sich das französische Rechtssystem vom schweizerischen unterscheide. Für Vogt stellt sich deshalb die Frage: «Waren sich die französischen Gutachter bewusst, wie wichtig ihr Gutachten in einem Prozess ist, in dem es um eine lebenslange Verwahrung geht?»

Ob ein Gutachten Substanz hat, stellt sich erst während des Verfahrens heraus. «Natürlich lesen die Richter die Gutachten vor der Verhandlung. Fragen dazu können sie aber erst am Prozess stellen», sagt Vogt.

«Es ist furchtbar», sagt die Mutter. «Wir haben uns auf diesen Tag vorbereitet und konnten nicht schlafen.» Sie und Adelines Lebenspartner hätten gestern als Zeugen auftreten sollen. Nach der überraschenden Ankündigung verzichteten sie – und hoffen, dass das dritte Gutachten zum Schluss kommt, dass Anthamatten verwahrt werden muss. Bis es vorliegt, dauert es aber noch Monate.

Publiziert am 07.10.2016 | Aktualisiert am 13.01.2017
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28 Kommentare
  • marc  klauser aus schmitten
    07.10.2016
    Wie fein und ausgeklügelt doch unsere Politik und Justiz sich erbärmlich und unmenschlich verhaltet erinnert an jedes menschliche Versagen in Sachen Gerechtigkeit. In einer Form von Kaltblütig und Egoismus wie die ganze Menschheit die von Recht und Unrecht keinen Unterschied mehr machen. So wie unsere Justiz die es noch schlimmer macht.
  • Mathias  Börsch aus Mainz
    07.10.2016
    Wie es scheint, war die Vorsitzende Richterin dieses Verfahren keine Idealbesetzung.Gleichwohl müssen, auch wenn vielen Menschen das schwer fällt zu verstehen, in einem Strafprozess auch die Rechte des Angeklagten gebührend gewürdigt u. beachtet werden.Ein Rechtsstaat zeichnet sich gerade dadurch aus, dass er auch schlimmste Verbrechen sachlich u. emotionsarm aufklärt und aburteilt. Es liegt auf derHand, dass die Eltern des Opfers diese für Juristen sehr typische Handlungsweise nicht goutieren !
    • Kurt  Stauffer aus George
      07.10.2016
      Muss er solange begutachtet werden bis ein Gutachter herausfindet, dass er nicht lebenslang verwahrt werden muss?Was braucht es noch sind nicht Beweise genug vorhanden, die zeigen was für ein krankhafter und kaltblütiger Täter er ist??Es ist immer das Gleiche,es wird kaum Rücksicht genommen auf die Opfer oder deren Hinterbliebenen warum hat die Richterin die Akten nicht vor dem Prozess eingesehen?Dann hätte sie diese Lücke gesehen!
  • Roger  Hausherr 07.10.2016
    Selbst für mich als aussenstehender Beobachter ohne Akteneinsicht ist eines klar. Das Gericht kann nur eine lebenslängliche Verwahrung aussprechen. Und solche Aussagen von Gutachtern, es sei nicht ausgeschlossen, dass eine Therapie zum Erfolg führen würde ist doch Mumpitz. Nach dem was passiert ist, nach den eigenen Äusserungen des Täters sollte jedem klar sein, hier hat man es mit einem Unberechenbaren Täter zu tun, der selbst in Haft gefährlich ist gegenüber dem Personal. Schwache Richter/in.
    • Andreas  Ruuska 07.10.2016
      Wow wenn sie so gutes Rechtsverständnis haben sollten wir sie in den Stand des Richters erheben. Ich denke die Schweiz wär in zwei Wochen rigoros in Mittelalterlicher Manie aufgeräumt. Sie bräuchten ja nur kurz die Story hören und gleich verurteilen. Rechtsstaat braucht es da nicht mehr.
  • Luz  Erner 07.10.2016
    Tragisch dass sich die Psychiater hinter der Frage, ob ein Täter in 20 Jahren therapierbar sein könnte, verstecken dürfen. Ein Frage die unmöglich beantwortet werden kann und absolut unsinnig ist. Hier gibt es nur eine richtige Lösung: Im Zweifelsfall für die Bevölkerung! Den Täter muss man anhand seines jetzigen Krankheitsbild und Tat messen und dementsprechend verurteilen. Die Richter drücken sich nur darum und täubelen, weil man mit der Verwahrungsiniative ihre Entscheidungskraft beschneidet.
  • Erich  Winter , via Facebook 07.10.2016
    Da müssten die Eltern ein anderes Gericht verlangen können. Als sich mit einer mörderischen Unterstützung, sich quälen zulassen.Unglaublich für solche Bestien noch weitere Gutachten zu verlangen. Als Beweise noch nicht genügen.Weiss nicht was die Richter machen würden, wenn man das mit ihnen machen würde.
    • R.  M. aus Schweiz
      07.10.2016
      Sie haben das vollkommen falsch verstanden,wenn ein Gutachter ausschweifend ueber die Kaleidoskop-Theorie stolpert,dann ist es ein Zeichen,dass sich da noch viele Theorien anbahnen um seine Unvorbereitetheit zu ueberdecken.Dann braucht es einen guten vorbereiteten Gutachter der nicht um den heissen Brei herum spricht.Sicher versucht man solche Unmenschen zu heilen wie den Angeklagten,doch dies geht nur bis zu einem gewissen Grad moeglich und dann ist Schluss..