Daniela Truffer (51) kam mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen zur Welt «Heute würde man mich zum Bub umschnipseln»

Das Leid von Kindern ohne klares Geschlecht soll aufgearbeitet werden. Doch Betroffene wie die Zürcherin Daniela Truffer fühlen sich übergangen.

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Als Daniela Truffer im Juni 1965 auf die Welt kam, war schnell klar: Dieses Kind ist anders. Sie hatte nicht die eindeutigen Geschlechtsmerkmale eines Jungen oder eines Mädchens. Die Ärzte identifizierten sie als Mädchen, im Alter von zehn Wochen entfernten sie die Hoden, später schnitten sie den Mikropenis zurück. «Meine Eltern wussten nicht, was die Ärzte machten», sagt die arbeitslose Büroangestellte aus Zürich. «Ich leide bis heute physisch und psychisch. Die Chirurgen haben mein Leben verpfuscht.»

Was sie den Eltern damals nicht sagten: Ihr Kind war intersexuell, früher nannte man es «Zwitter».

Ohne Absprache mit den Eltern

In der Schweiz kommen jedes Jahr etwa 100 Babys mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen zur Welt. In den 50er-Jahren begann man in Schweizer Spitälern, die betroffenen Kinder mit dem Skalpell zu «korrigieren», oft ohne Absprache mit den Eltern – und ohne dass die Kinder angehört wurden.

Wie ihr erging es Tausenden. Viele leiden ihr ganzes Leben lang, müssen Medikamente und Hormone nehmen wie Daniela Truffer: «Ich wurde als Kind verstümmelt.»

Mit ihrem Lebenspartner Markus Bauer (53) und der Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org kämpft sie nun dafür, dass die Geschichte der Zwangsoperierten aufgearbeitet wird. Mitte Oktober sprach der Schweizerische Nationalfonds eine halbe Million Franken für ein Projekt, in dem auch Ärzte des Zürcher Kinderspitals den Umgang mit Intersexuellen untersuchen sollen.

«Es braucht eine Wahrheitskommission»

Doch damit sind Daniela Truffer und ihre Mitstreiter nicht zufrieden. «Es braucht eine Wahrheitskommission», sagt sie. «Nicht Täterinstitutionen, die sich selbst aufarbeiten. Und dann auch entscheiden, was sie aufarbeiten wollen und was nicht.» Für Truffer ist klar: «Die Mehrheit der Studienverantwortlichen sind Ärzte, die am Kinderspital nach wie vor an derartigen Operationen beteiligt sind. Sie sind nicht objektiv.»

Die Projektverantwortlichen weisen die Vorwürfe zurück. Flurin Condrau (50), Professor für Medizingeschichte an der Universität Zürich, betont seine Unabhängigkeit als Wissenschaftler. «Die Zusammenarbeit mit dem Kinderspital Zürich ist sinnvoll.» Jürg C. Streuli (37), Kinderarzt und Ethiker: «Dank des Projekts können wir die zentrale Forderung der Betroffenen – eine historische Aufarbeitung – in den nächsten zwei Jahren erfüllen.»

«Wieder einmal hört man uns Betroffene kaum an»

Doch Daniela Truffer hat damit ein Problem: «Wieder einmal hört man uns Betroffene kaum an.» Und sie will weiter dafür kämpfen, dass Babys mit sogenannter Geschlechtervarianz so lange nicht operativ einem Geschlecht angeglichen werden dürfen, bis sie selber entscheiden können.

Juristisch scheint das klar. Die Zürcher Rechtsprofessorin Andrea Büchler (47) sagt: «Medizinisch nicht indizierte Operationen sind zu unterlassen, bis die betroffene Person selbst entscheiden kann. Das haben verschiedene internationale Gremien, aber auch die Nationale Ethikkommission im Bereich Humanmedizin festgehalten.»

Trotzdem führen viele Spitäler auch heute noch Operationen an betroffenen Babys durch. «Dabei ist es bei den meisten nicht lebensnotwendig, sondern hat schlicht psychosoziale Gründe», meint Truffer. Das Argument der Ärzte: Ein Kind, das mit einem eindeutigen Geschlecht aufwachsen kann, habe es leichter. Truffer sagt: «Das stimmt überhaupt nicht. Durch unnötige Operationen traumatisiert man die Kinder.»

«Die meisten Eltern wollen eine Operation»

In der Praxis ziehen heute die meisten Schweizer Kinderspitäler in solchen Fällen interdisziplinäre Teams zur Beratung bei. Am Kinderspital Zürich werden «geschlechtsvereindeutigende» Operationen nach wie vor auch bei Babys durchgeführt. Rita Gobet (60), Chefärztin Kinderurologie, bestätigt: «Die meisten Eltern wollen eine Operation. Wir machen dies aber nur nach individueller Be­urteilung des Kindeswohls.» 

Anders das Ostschweizer Kinderspital: «Wir operieren grundsätzlich nur bei medizinischer Notwendigkeit zur Erhaltung von Körperfunktionen», sagt Thomas Krebs, Leiter der dortigen Kinderchirurgie. «Psychosoziale Indikationen werden am Ostschweizer Kinderspital nicht gestellt.»

Die Operation von Daniela Truffer bezeichneten Ärzte in den Krankenakten später sogar selbst als Fehler – Daniela sei doch eher ein Bub. Doch da man sie zum Mädchen operiert habe, müsse man diesen Weg weitergehen. Truffer sagt: «Heute würden sie mich zum Bub umschnipseln. Aber das wäre genauso falsch.»

Publiziert am 23.10.2016 | Aktualisiert am 23.10.2016

Was Intersexualität von Transsexualität unterscheidet

Intersexuelle Babys haben kein eindeutiges biologisches Geschlecht. Ihre Genitalien sind weder klar männlich noch klar weiblich ausgeprägt. So lässt sich etwa schwer bestimmen, ob sie einen Mikropenis oder eine vergrösserte Klitoris haben. Eine Studie geht bei 1000 Geburten von ein bis zwei Fällen aus. Intersexualität ist nicht mit Transsexualität gleichzusetzen. Bei der ist zwar das biologische Geschlecht klar, es stimmt aber nicht mit der gefühlten Geschlechtsidentität der oder des Betroffenen überein.

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8 Kommentare
  • Jürg  Brechbühl aus Eggiwil
    23.10.2016
    Wenn es keine medizinische, lebensrettende Notwendigkeit für solche Operationen gibt, dann gehören sie von Gesetzes wegen unter Strafe gestellt, wie jede andere schwere Körperverletzung auch. Die Wünsche der Eltern haben hier nichts zu suchen. Ein Baby kann man nicht fragen, wie es empfindet. Ich setze voraus, dass ein heranwachsendes Zwitter-Kind später im Leben selber erklären kann, wie es fühlt, wie es sich anziehen, zu wem es sich hingezogen fühlt und ob man etwas ändern solle.
  • Felix  Saxer aus Ruswil
    23.10.2016
    Früher taten die Ärzte nach ihrem Wissensstandpunkt das Beste, wie Heute auch. Nur in der Zwischenzeit ist man zu neuen Erkenntnisse und Wissen gelangt. Auch die Gesellschaft ist Heute offener, da sie informiert ist. Früher wurde man viel zu wenig informiert und hatte daher verständlicherweise keine Ahnung von einem zweigeschlechtlichen Wesen. Z.B. wurden Buben die sich als Mädchen anzogen, ausgelacht. Jetzt den Ärzten oder Eltern von damals Vorwürfe zu machen ist grundlegend falsch.
  • Wolfgang  Benfattoum , via Facebook 23.10.2016
    Viele Eltern kommen oft gar nicht klar mit einer solchen Diagnose ihres Neugebohrenen. Eltern wissen anfangs auch nicht wie sie den jetzt ihr Kind aufziehen sollen. Fuer Aerzte und Eltern ist natuerlich operieren die einfachste Loesung. Denkt aber doch, hier geht es um ein Leben. Nicht eures, sondern dass eures Kindes. Irgendwann wird das Kind Fragen stellen. Selbstbestimmung ist da schon richtig. Da muessen halt Eltern in dieser Situation sich zusammennehmen und das Richtige fuer ihr Kind tun.
    • Morgan  Schwab aus Bülach
      23.10.2016
      Und das heisst : erst mal nicht operieren, sondern warten, bis das Kind sich auch äussern kann, und sagen kann, was es denn möchte. Das heisst eben auch bis zum Erwachsen werden damit warten !
    • Krill  Bill 23.10.2016
      @Morgan
      Klar, sind genauso tolle Aussichten für das Kind wie Schnipseln! In Kindergarten und Schule gehänselt werden, nie die richtige Umkleidekabine oder die dem Geschlecht gerecht werdende Toilette finden etc.! Sie oder er wäre in diesem Fall heute in exakt demselben Masse psychisch und physisch traumatisiert! Was immer Eltern oder Aerzte vor 50 Jahre entschieden hätten: Daniel(a) hätte heute allen Grund zum Klagen....
    • Thomas  Maeder 24.10.2016
      Das sind Probleme, die man künstlich konstruieren kann. Gegen Mobber und andere Störenfriede, die permanent auf schwächere losgehen, sollten die Kindergärten und Schulen einfach durchgreifen. Es sind meistens nicht viele, die das aktiv machen, und schlimm ist es nur, weil man sie gewähren lässt, so dass der Eindruck entsteht, es sei normal und sie entsprechend Nachahmer und Mitläufer finden.
  • Michael  Berger aus St. Gallen
    23.10.2016
    Ich würde nicht an meinem Kind rumschnipseln lassen und dem Kind beibringen bei Hänseleien richtig zu reagieren.
  • Margrit  Kappeler 23.10.2016
    Frau Truffer Sie sehen so interessant und gut aus, was solls! und wenn Sie dazu noch gesund sind - super.