Vom Journalismus in die Classe politique Der Köppel

Seit einem Jahr sitzt Roger Köppel für die SVP im Nationalrat. In dieser Zeit entwickelte sich der «Weltwoche»-Verleger zum Vollblutpolitiker. Ohne intellektuelles Blutvergiessen geht das nicht. BLICK hat den naheliegenden Blocher-Nachfolger in den letzten Wochen begleitet.

SVP-Nationalrat Roger Köppel: Seine Arbit als «First Class politique» play
«Ich bin ich»: Roger Köppel will nicht trennen zwischen seinen Rollen als Journalist und Politiker. Daniel Kellenberger

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Am ersten Sessionstag im Dezember stossen die Nationalräte eifrig mit Weisswein an. Sie feiern bei einem Umtrunk im Erdgeschoss des Bundeshauses die Wahl von Jürg Stahl zu ihrem Präsidenten. Roger Köppel steht am Rand, ohne Weinglas, er schaut auf sein Handy. Er trinkt nicht mit, aber er macht mit. Er ist an einem dieser Apéros in Bern oben, als Politiker unter Politikern, die er in seiner «Weltwoche» gern und gnadenlos seziert. Er gehört jetzt dazu, je länger, je mehr. Zur Classe politique. 

Gestartet hat der 51-Jährige seine Karriere bei der «NZZ» und beim «Tages- Anzeiger» als ambitionierter, quer denkender Journalist. Es folgte im Eiltempo der Aufstieg an die Spitze des «Tages-Anzeiger»-Magazins, der «Weltwoche», der deutschen «Welt» und zurück zur «Weltwoche», nun als Chefredaktor, Herausgeber, Besitzer. Fast zeitgleich setzte die Verwandlung zum politischen Akteur ein. Bei seiner Wahl vor gut einem Jahr war Köppel ein Journalist, der sich auch politisch engagiert. Nun ist er mehr und mehr ein Politiker, der auch eine Zeitschrift herausgibt.

Köppel selbst will seine Rollen nicht trennen. «Ich bin eine wandelnde Multifunktionsmaschine», sagt er. Da sei kein Millimeter zwischen den verschiedenen Funktionen. «Ich bin einfach der Köppel.» Er sage in der Politik, was er als Journalist schreibe. «Ich gehöre nicht zu jenen, die an der Garderobe Hirn oder Rückgrat abgeben. Ich bin einfach ich.»

Wenige Stunden nach dem Apéro verlässt Köppel das Bundeshaus vorzeitig. Die letzten Feinheiten der Debatte über das Sparprogramm spart er sich. Die andere Rolle ruft. Er hastet auf den Zug Richtung Olten. Dort steht um 19.30 Uhr eine Rede an. Ein seiner zahlreichen Vorträge in der «Weltwoche»-Reihe «Trump, Brexit und die Folgen für die Schweiz».

Köppel kämpft sich durch die Menschenmassen am Berner Zibelemärit, sucht den schnellsten Weg zum Bahnhof. Der SVP-Star wird schnell erkannt und angesprochen. Als ihm ein junger Mann Konfetti nachwirft, lacht er und ruft: «Ich will aber nicht verantwortlich sein, wenn man den Regenwald abholzt!»

SVP-Nationalrat Roger Köppel: Seine Arbit als «First Class politique» play
Selbst in den Freizeit immer am Draht: Roger Köppel in den Weihnachtsferien in Klosters GR. Daniel Kellenberger

Auf dem Perron schaut er wieder auf sein Handy, sein wichtigstes Arbeitsgerät. Per SMS und Mail dirigiert er an solchen Tagen seine Redaktion in Zürich. Als er in den Zug einsteigen will, bittet ein adretter Herr um ein Selfie. Köppel hält inne, lächelt sein Lächeln, das immer auch schelmisches Grinsen ist. Zum Abschied klopft er dem Herrn komplizenhaft auf die Schulter. Der elitäre Journalist ist nun ganz SVP – ein Politiker zum Anfassen.

In Olten ist es kalt. Zum Frösteln auch das Bild, das Köppel im Saal des Hotels Arte von der Schweiz und der Welt zeichnet. Er kündigte zwar an, ein Mutmacher zu sein. Doch erst mal macht er alles schlecht. Die EU, den Bundesrat, das Parlament, die Linken, die sogenannte Elite, die Medien. BLICK, NZZ und vor allem die SRG. Die Schweiz, eines der erfolgreichsten Länder der Welt, sieht er am Abgrund. Am Ende des Vortrags wird eine junge Frau vergebens fragen, warum er nicht Mut gemacht habe.

Köppel ist First Class politique

Der Saal ist gut gefüllt. Köppel startet mit einem Witz. Er sei froh, dass an der Türe zwei Sicherheitsleute stünden. «Wenn ich in Bern spreche, läuft ja die Hälfte raus, auch Bundesrätinnen.» Er hat noch immer Freude daran, dass er Simonetta Sommaruga mit einem ätzenden Votum aus dem Nationalratssaal vertrieben hat, obwohl der Eklat sieben Monate zurückliegt. Es folgt ein Redeschwall, von der Trump-Wahl zurück ins 16. Jahrhundert der Reformation, von der Nicht-Umsetzung der Masseneinwanderungs-Initiative zur Demontage jener Schweiz, wie er sie sieht.

Köppel hört sich gern reden. Genüsslich beschreibt er die bleichen Gesichter der SRF-Journalisten nach der Trump-Wahl. «Den einen SRF-Reporter musste man danach wohl künstlich beatmen», frotzelt er. Noch lieber beleidigt er Ratskollegen wie etwa FDP-Nationalrat Kurt Fluri, der es wagte, ihm zurückzugeben. Bei so dummen Fragen stelle er seine Ohren auf Durchzug, hatte Fluri ihm in einer Debatte beschieden. Damals fehlten Köppel die Worte für den Konter. Nun schlägt er umso härter zurück. «Der Fluri» sei ein physiognomisches Wunder, denn: «Wenn ich meine Ohren auf Durchzug stelle, dann ist da noch ein Hirn dazwischen.»

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Management per SMS: Das Handy ist das wichtigste Arbeitsgerät von «Weltwoche»-Chef Roger Köppel. PETER GERBER

Köppel mag es aggressiv, spitz und fulminant. Ein Meister der Provokation, der Differenziertheit nicht einmal als Kollateralschaden in Kauf nimmt. Inhaltlich wiederholt er sich gern, für Abwechslung sorgt die stilistische Brillanz. Etwa, wenn der «Star Wars»-Kenner das Wort «bilateral» als «das neuste Laser-Schwert des Establishments» bezeichnet. Seine adoptierte Polit-Heimat, die SVP, erwähnt er in den «Weltwoche»-Editorials kaum. Und doch ist klar: Nur sie – und seine «Weltwoche» – kann die Schweiz retten, diese «seit 700 Jahren erfolgreichste Selbsthilfeorganisation der Welt». Entscheidend seien die nächsten Wahlen.

Nach anderthalb Stunden rhetorischen Sperrfeuers leert sich der Saal zügig. Köppel steht noch für ein Selfie hin, hört sich die eine oder andere Klage an, schüttelt eifrig Hände. Seine Mitarbeiter bemühen sich, Probeabos zu verkaufen. Doch vielen Leuten knurrt der Magen. Sie hasten davon. Auch Köppel fährt mit PR-Beraterin Esther Friedli, der Partnerin von Toni Brunner, im Auto zurück nach Bern. Er nächtigt während der Session oft im Fünfsternehotel Bellevue, dem besten Haus am Platz. First Class politique.

Der Scharfrichter bleckt die Zähne

In solchen Wochen ist er selten zu Hause in Küsnacht ZH bei seiner Frau Tien, die mit vier Jahren als Asylsuchende aus Vietnam in die Schweiz kam, und den Kindern Karl, Viktor und Anna Magdalena. «Für das Familienleben ist die Doppelbelastung schon ein Problem», sagt er. Das viele Unterwegssein strapaziere die Familie. «Ich bin sehr dankbar, dass meine Frau das alles mitträgt.» Sie meidet die Öffentlichkeit. In Klosters GR, wo die Köppels die Altjahrswoche verbrachten, lässt er sich zwar von BLICK fotografieren. Bei Frau und Kindern aber legt er Wert auf Privatsphäre. Auch Fragen zu Hobbys, Sport, den Freuden des Lebens weicht er aus. Dass er körperlicher Fitness grossen Stellenwert beimisst, ist bekannt.

Zurück nach Bern: Grosskampftag! Im Saal werden das Budget und die Bankgeheimnis-Initiative von Parteikollege Thomas Matter beraten. Doch dafür hat der bestgewählte Nationalrat der Schweiz keine Zeit. Köppel muss noch die «Weltwoche» druckfertig machen. Also sitzt er in der Wandelhalle neben dem ehemaligen Bundesratszimmer und hackt auf seinen Laptop ein. «Wie ein Manischer», bemerkt eine Nationalrätin. Den Schreibplatz reserviert er morgens mit seiner Aktentasche wie ein Deutscher die Sonnenliege auf Mallorca.

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Die letzte Stunde der Debatte schenkt er sich: Köppel eilt aus dem Bundeshaus an einen Vortrag in Olten. PETER GERBER

Während des Schreibens bewegt Köppel die Lippen. Gefällt ihm eine Formulierung, blitzt ein Lächeln in sein Gesicht. Dieses Blecken der Zähne! Seine Politiker-Kollegen fürchten es wie die SVP die EU. Wen wird der publizistische Scharfrichter diese Woche zum Schafott führen? Die Hoffnung, dass sich Köppel durch sein politisches Mandat weichspülen lässt und nachsichtiger umgeht mit der politischen Elite, hat sich als frommer Wunsch erwiesen. Auch in der eigenen Fraktion. «Einen SVP-Skandal zuerst im BLICK oder im ‹Tages-Anzeiger› zu lesen, wäre ein Riesenproblem für mich», sagt er. Dann würden sich seine Leser zu Recht fragen, ob er blind geworden sei. «Ich kann mich nicht dem Parteifrieden zuliebe verstecken, ich bin zur Ehrlichkeit verdammt.»

So erfahren die SVP-Parlamentarier aus der «Weltwoche», dass sie zur «Weisswein-Fraktion» gehören. Kurz nachdem Köppel selbst ins Parlament eingezogen ist. Er verteidigt bis heute den «hervorragenden» Artikel, der für viel böses Blut gesorgt hat. «Es ging ja nicht darum, irgendwen blosszustellen, sondern um ein Sittengemälde über Alkohol als Schmiermittel der Konkordanz.» Blossgestellt fühlten sich seine Fraktionskollegen dennoch.

Trotz seiner glanzvollen Wahl hatte Köppel in der SVP-Fraktion einen unterkühlten Empfang. Viele misstrauten dem Überflieger. Mittlerweile ist der Neue in der Mitte der Partei angekommen und besonders als Redner begehrt. Er werde von der Basis viel häufiger als Stargast gewünscht als Christoph Blocher, sagen mehrere Fraktionskollegen anerkennend.

«Er müsste für die SVP-Basis eigentlich die totale Abschreckung sein», sagt der Nidwaldner SVP-Ratskollege und «Weltwoche»-Autor Peter Keller. Auch er habe gestaunt, wie gut Köppel mit seinem Profil – Zürcher, Akademiker, Intellektueller – bei der Basis ankomme. Er sei der Einzige, der Säle fülle. «Nicht mal Christoph Blocher schafft das in dieser Breite.»

Bei der SVP-Basis ist Köppel der Star. In der Fraktion hingegen bringen sich andere Neulinge mehr ein, etwa Blochers Tochter Magdalena Martullo. Während Köppel in den Sitzungen oft rausgehe und mit seiner «Weltwoche» beschäftigt sei, widerspreche Martullo auch schon mal dem Vater und knie sich in komplexe Dossiers.

Für Köppel ist das Parlament eher Bühne denn Wirkungsort. So auch an diesem Dienstag, da er ein Votum abgeben muss. Er legt sein messerscharfes Manuskript aufs Pult, stützt sich mit beiden Händen ab, kneift die Augen hinter der Brille leicht zusammen, lugt rüber in die linke Ratshälfte. Und legt los.

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In Gedanken schon beim nächsten Termin: Köppel hastet über den Berner Zibelemärit. PETER GERBER

Die folgenden fünf Minuten nutzt er nicht fürs eigentliche Thema, um für die Bankgeheimnis-Initiative zu werben, sondern um den Linken eine Lektion zu erteilen. Er beginnt 1918, beim Generalstreik, und endet beim SP-Papier zur Wirtschaftsdemokratie. Nach wenigen Sätzen schaut Finanzminister Ueli Maurer von seinen Akten auf. Auch der SVP-Bundesrat blickt über seine Lesebrille in die linke Saalhälfte und grinst auf den Stockzähnen. Wenn Köppel am Pult steht, geht was.

Blocher schwärmt: «Hervorragend!»

Das harte Brot der Legislative hingegen, in Kleinstarbeit Gesetze zu formulieren, ist nichts für den Mann von der Goldküste. Er mache keine Beschäftigungstherapie für die Verwaltung, sagt Köppel selbst. Sein Job sei es, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. «Die grösste Schwierigkeit in der Politik ist, am Wesentlichen festzuhalten in diesem unübersichtlichen Lavastrom.» Zu solchen Prioritäten gehört auch, zum 100. Geburtstag von Hollywood-Legende Kirk Douglas nach Los Angeles zu fliegen, statt über Handyantennen abzustimmen.

Da ist er ganz nah bei Christoph Blocher: «Roger Köppels Stärke ist nicht das Paragrafen-Büscheln. Er ist einer der wenigen Grundsatzpolitiker in der Schweiz, die die grossen Linien im Auge behalten.» Der Übervater der SVP ist voll des Lobes für den Shooting-Star: Der mache das «hervorragend», lobt Blocher. Obwohl an ihn viel höhere Erwartungen gestellt würden als an «gewöhnliche Parlamentarier». Und Köppels internationale Bekanntheit, begründet vorab in Auftritten in deutschen TV-Talkshows, sei ein grosser Glücksfall für die SVP: «Hier ist endlich jemand, der auch im Ausland für die Schweiz einsteht.»

Blocher stört sich nicht daran, sagt er, dass ihm Köppel bei der Basis den Rang abläuft. Es sei im Gegenteil «eine grosse Erleichterung», dass dieser viel Zeit für Reden verwende. «Das entlastet mich natürlich.»

SVP-Nationalrat Roger Köppel: Seine Arbit als «First Class politique» play
Notizen statt Weisswein: Köppel ist ein Workaholic und arbeitet immer, auch im Zug nach Olten. PETER GERBER

Köppel gibt die Blumen zurück und nennt Blocher einen «Elder Statesman», der eine wichtige Rolle ausübe. «Er ist die grösste Herausforderung für jeden Journalisten und Intellektuellen in diesem Land. Ich warte immer noch auf einen, der ihm argumentativ das Wasser reichen kann», sagt Köppel.

Noch inniger ist die Beziehung zu Toni Brunner, der Köppel der Legende nach in die Politik geholt hat. Brunner, «das Wunder», wie Köppel ihn nennt. «Der sagt nie einen falschen Satz, der sieht glasklar.» Die Verbindung ist so eng, dass Brunners Lebensgefährtin Esther Friedli Köppels Wahlkampf managte.

Schuld daran, dass er im Nationalrat sitzt, ist aber Simonetta Sommaruga. Ihr Auftritt an der Albisgüetli-Tagung 2015, als sie der SVP sagte, es dürfe kein Wanken beim Folterverbot geben, hat Köppel richtig hässig gemacht. Er sagte sich: Du kannst nicht mehr nur hinter dem Bildschirm hocken. Sommaruga habe der SVP mit ihrer Rede unterstellt, sie wolle das zwingende Völkerrecht ausser Kraft setzen – was völlig absurd sei. «Das war eine Ungeheuerlichkeit, ein Missbrauch des Amtes. Da fiel mein Entscheid: Dagegen musst du dich engagieren.»

Alles Verräter, Lügner, Saboteure?

Die Beziehung zu Sommaruga ist belastet geblieben. An keinem anderen Mitglied der Regierung arbeitet sich Köppel so hartnäckig ab – sei es in der «Weltwoche», sei es im Parlament. Höhepunkt war der Eklat in der Frühlingssession, als Köppel Sommaruga in die Flucht trieb – und mit ihr das halbe Parlament. Ein Angriff, für den er nicht nur Lob erhielt. Selbst Bürgerliche ärgerte diese Provokation um der Show willen.

Heute versucht Köppel, den irrlichternden Auftritt schönzureden. «Eine harte Auseinandersetzung ist ein Ausdruck von Respekt», sagt er. «Wenn dann jemand rausläuft – empört! Majestästsbeleidigung! – dann sieht man, dass diese Leute an einer direkten Auseinandersetzung nicht interessiert sind.» Dass seine Wortwahl allenfalls zu viel des Herabsetzenden war, mag er nicht hören. Niemand habe ihn zur Ordnung gerufen, «weil es nichts zu beanstanden gab». Dabei habe er Sommaruga früher sogar gut gefunden, «eine der grossen Hoffnungsträgerinnen der Sozialdemokratie». «Wenn man jetzt sieht, wie sie im dauerbeleidigten Modus vom ganz hohen Ross herab belehrt, dann hat das eine neue Dimension erreicht: Politiker greifen nach der ganzen Macht.»

Da geht es natürlich um die Umsetzung der Masseneinwanderungs-Initiative. Oder die Nicht-Umsetzung, aus Köppels Sicht. Das empört ihn, da holt er das schwere Geschütz hervor. Man könne auch über Papua-Neuguinea reden – Köppel lande immer bei der Masseneinwanderung, sagt ein Aussenpolitiker. Bei diesem Thema empört er sich porentief: «Die politische Elite will ganz gezielt ihren Willen durchsetzen und schreckt selbst nicht davor zurück, explizite Lügen aufzutischen.» Zur lügenhaften Elite zählt er sich selbstredend nicht, eher zur Avantgarde des wahrhaftig rechten Bürgertums.

SVP-Nationalrat Roger Köppel: Seine Arbit als «First Class politique» play
Aggressiv, spitz, fulminant: Als Redner ist der SVP-Nationalrat gefragter als Christoph Blocher. PETER GERBER

 

Doch wie arbeitet einer mit Leuten zusammen, die er als Verräter, Saboteure, Lügner bezeichnet? Köppel sagt, diese Frage stelle sich ihm nicht. Er sei nicht in Bern oben, um sein Netzwerk auszubauen. «Wer mit dieser Einstellung nach Bern kommt, muss gleich wieder heim. Der ist fehl am Platz, weil das hier oben kein Kuschelklub ist, in dem sich alle gernhaben und man ein bisschen Theater aufführt.»

Ob Köppel seine verschiedenen Rollen künftig mit gleicher Durchsetzungskraft pflegen kann, ist fraglich. Leiden wird wohl seine Zeitschrift. Ökonomisch kann die «Weltwoche» auch als Parteiblatt der SVP überleben, er führt sie straff und kostenbewusst. Doch publizistisch drohen Probleme. Er sei zwar einer der besten Chefs, die er je gehabt habe, sagt Politikredaktor Markus Schär. Trotzdem kam es während der letzten Session zum offenen Streit.

Der langjährige Mitarbeiter störte sich unter anderem an einem Video aus der Wandelhalle, in dem der Chef das neue Heft ankündigt. «Da spricht er minutenlang als Politiker und nicht mehr als Journalist», kritisiert Schär. Köppel solle die «Weltwoche» vorstellen und nicht als Politiker die Welt erklären. 

Köppel habe der Redaktion vor einem Jahr versprochen, er werde Politik und Journalismus trennen. «So aber degradiert er die ‹Weltwoche› zum Parteiorgan der SVP.» Die Parteipolitik tropft nun auch in die Redaktion. In den letzten Jahren hätten seine Klima-Geschichten nicht immer den Platz erhalten, den er sich wünschte, klagt Schär. Aber: «Mit dem Referendum der SVP gegen das Energiegesetz könnte ich nun eine Titelstory haben.»

SVP-Nationalrat Roger Köppel: Seine Arbit als «First Class politique» play
Beliebter Selfie-Partner: Der elitäre Journalist als volksnaher Politiker. Ganz SVP eben. PETER GERBER

Köppel nimmt die Kritik seines Lohnempfängers gelassen: Das zeige, dass die «Weltwoche» eine intakte Diskussions- und Streitkultur habe. Ob es ihn wirklich so kalt lässt? Natürlich spricht Schär einen wunden Punkt an: Köppel ist nun als Vollblutpolitiker ein Akteur und nicht länger der kritische Beobachter und streitfreudige Analytiker.

Seine Weltsicht hat sich verengt, die Provokationen werden plumper. Anfang 2016 verharmloste Köppel in einem Editorial Reichsfeldmarschall Hermann Göring, die Nummer 2 in Nazi-Deutschland. Er zitierte leicht bewundernd aus einer 40 Jahre alten Biografie, ohne Görings Befehle zur «Endlösung der Judenfrage» zu erwähnen. Diese Huldigung war kein «Soufflieren des intelligenten Tischgesprächs», wie er den Anspruch der «Weltwoche» gern anpreist. Seine Abneigung gegenüber dem sogenannten «Mainstream» führte da den einstigen Studenten der Politischen Philosophie in die Sackgasse der Geschichtsvergessenheit. 

Esther Girsberger, die Köppel 1997 beim «Tages-Anzeiger» zum Magazin-Chefredaktor ernannte, liest die politischen Artikel der «Weltwoche» nicht mehr. «Ich weiss schon vorher, was drinsteht», sagt sie. Dennoch habe das Heft bei unpolitischen Themen noch immer lesenswerte Beiträge von ansprechender Qualität. «Aber die Unberechenbarkeit, die Köppel früher auszeichnete, ist weg.» Jetzt habe er eine politische Mission.

Der «Aktivdienst» hat erst begonnen

In der SVP wird sein Aufstieg zweifellos weitergehen. Noch spielt er in den Parteigremien keine dominierende Rolle. Noch ist Christoph Blocher der ämterbefreite Dominator der SVP. Noch wird Blocher in zwei Wochen an der Albisgüetli-Tagung die Hauptrede halten. Keinen konnte man sich bis vor kurzem vorstellen, der ihn eines Tages ersetzen könnte. Nun ist klar: Köppel wird es sein. Zumindest wenn es nach Blocher geht: «Roger Köppel wäre ein guter Nachfolger – aber das muss die Zürcher Sektion entscheiden.» Die nächste Albisgüetli-Rede werde seine 29. sein, fügt Blocher bedeutungsvoll an. «Natürlich will ich das nicht ewig machen.»

Köppel macht sich bereit, um bereitzustehen. Auch wenn er selber Karrierepläne verneint. «Ich bin nicht zur Selbstverwirklichung da oben in Bern», sagt er. «Ich bin eingestiegen in den politischen Aktivdienst, weil ich die eigene innere Notwendigkeit gespürt habe.» Wie Blocher sieht sich Köppel zudem von einer unsichtbaren Hand gesteuert: «Ich muss mich zur Verfügung stellen.»

Würde der Journalist Köppel von einst über den Politiker Köppel von heute ein Porträt schreiben – er könnte es sich nicht verkneifen, den Begriff des «politischen Aktivdienstes» an sein Ende zu formulieren: Auf dem Schlachtfeld der Ideologien werden auch die klugen Köpfe zu Soldaten. Roger Köppel war der verheissungsvollste von ihnen.

Publiziert am 05.01.2017 | Aktualisiert am 14.01.2017
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10 Kommentare
  • kurt  oberle aus Havelsee
    05.01.2017
    Roger Köppels brillanter Schreibstil und seine Auftritte in vielen Talkshows haben auch mich jahrelang gefesselt. Er ist humorvoll, angriffig und wirkt aufs Publikum sypmathisch-spitzbübisch. Heute sehe ich es ähnlich wie Frau Girsberger, Köppels Fähigkeiten lassen sowohl Zuhörer wie auch Leser vergessen, dass der politsche Inhalt andere Sichtweisen kaum zulässt und er immer und immer wieder in dieselbe Kerbe haut. Es ist wie beim Kabarettisten mit immer gleichem Inhalt. Es wird langweilig.
    • Peter  Jodel 05.01.2017
      Wenn Langeweile für Sie das Problem ist, sollten Sie sich eventuell mal vor Augen halten, dass Unterhaltung nun wirklich nicht die Aufgabe eines Politikers ist. Bleiben Sie doch beim Kabarett.
    • kurt  oberle aus Havelsee
      05.01.2017
      Herr Jodel, ich schreibe ja auch nicht über den Politiker Roger Köppel, das steht mir als im Ausland lebender Schweizer nicht zu. Ich schreibe über den Polit-Journalisten und TV-"Entertainer", den ich seit Jahren gelesen bzw. in TV-Talkshows im In- und Ausland gesehen habe. In diesen Artikeln und TV-Auftritten reitet Herr Köppel seit Jahren auf denselben politisch nicht durchsetzbaren Themen herum, ohne viel zu bewirken. Vorgefasste Meinungen immer wieder aufgewärmt sind langweilig.
  • Marion  Jost aus Schönenwerd
    05.01.2017
    Ja ja, wenn ein intelligenter Mensch zum Polemiker und Populisten mutieren muss um die Leute zu erreichen ist es doch eine sehr tragische Entwicklung!! Bildung und Konsens sind der Weg zu einem besseren Leben und nicht Beleidigung!
  • Rolf  Gurtner aus Münsingen
    05.01.2017
    Wenn es Majestätsbeleidigung ist, gewisse Themen im Parlament anzusprechen, wenn man Sachen bewusst einfach ausklammert, obwohl sie den Bürger beschäftigen, wenn man rausrennt, um sich der Diskussion zu verweigern, ja dann wünsche ich mir noch viele Köppels nach Bern! Es kann mit dieser Regierung nur noch besser werden, da der Tiefpunkt letzthin bereits erreicht wurde.
  • Dracomir  Pires aus Bern
    05.01.2017
    Seit der Abschaffung der direkten Demokratie durch Mitte-Links (mit der Nichtumsetzung von zwei Volksbeschlüssen) ist es nötiger denn je, dass in Bundesbern solche ehrlichen und patriotischen Politiker Einsitz nehmen. Der Wahlbürger hat es selbst in der Hand.
  • Peter  Stocker , via Facebook 05.01.2017
    Richard Nixon hatte bei seinem Politik-Start genau das Gleiche gemacht! Seine politischen Gegner verunglimpft! Das hat seine Strategie und viele Leute erfreuen sich daran - ist allerdings wenig konstruktiv! Mit seinen offensichtlichen Absenzen und wenig Interessen am gemeinsamen Erarbeiten von Strategien kann man ihm durchaus unterstellen, dass er vor allem für die Weltwoche arbeitet! Von Trennung von Politik und Journalismus ist bis anhin nichts vorhanden...!
    • Peter  Aufdermaur aus St.Gallen
      05.01.2017
      ...ist einfach zum Lachen, wie sich diese Vorwürfe kopflos dauernd wiederholen...
      Ich weiss nicht, wie oft ich schon "Verunglimpfungen" von mittelinks registriert habe. Aber im Unterschied zu Ihnen registriere ich das auf beiden Seiten und nicht nur mit dem linken Auge, Herr Stocker.
      Es wäre wirklich langsam Zeit, aus diesem Opferverhalten auszubrechen und aufzuhören, diese P.C. als Ersatzargument zu verwenden. Oder erachten Sie das Verhalten von mittelinks bei 121a z.B. als "konstruktiv"?