Novum bei der Schweizerischen Post Sondermarke für Fürsorge-Opfer und Verdingkinder

BERN - In Gedenken an das erlittene Unrecht widmet die Schweizerische Post den Opfern von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen eine Sondermarke mit Zuschlag. Vertreter der Post haben das Wertzeichen heute Bundesrätin Simonetta Sommaruga sowie Vertreterinnen und Vertretern der Opfer übergeben. Die Zusatzeinnahmen aus dem Verkauf kommen vollumfänglich den Opfern zugute.

SCHWEIZ SONDERMARKE VERDINGKINDER play
Ursula Müller-Biondi, Opfer der Versorgungspraxis, Bundesrätin Simonetta Sommaruga, René Schüpbach, ehemaliger Verdingbub und Guido Fluri, Initiant der Volksinitiative «Wiedergutmachung für Verdingkinder» (von links) präsentieren die Sondermarke am Erstausgabetag im Bundeshaus. PETER SCHNEIDER

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Fürsorgerische Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981 sind ein düsteres Kapitel der Schweizer Sozialgeschichte. Vielen Heim-, Pflege- oder Verdingkindern wurde damals Leid und Unrecht angetan. Die Geschichte dieser Opfer wird nun politisch und wissenschaftlich aufgearbeitet. Verschiedene Gedenkanlässe, Veranstaltungen und Ausstellungen, Filme, Lebensberichte von Opfern sowie eine Volksinitiative (Wiedergutmachungsinitiative) und ein von Bundesrätin Simonetta Sommaruga eingesetzter Runder Tisch tragen entscheidend dazu bei.

Ein Novum und ein Zeichen

Die Schweizerische Post übergab heute Nachmittag Bundesrätin Sommaruga und Vertreterinnen und Vertretern der Opfer nun eine Sondermarke mit Zuschlag. Sie ist ab Donnerstag gültig und hat einen Verkehrswert von einem Franken, der Zuschlag beträgt 50 Rappen. Die Zusatzeinnahmen fliessen vollumfänglich in den Soforthilfefonds für die Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981.

Die Sondermarke für die Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen ist ein Novum. Denn bis anhin gab die Schweizerische Post einzig für die Stiftungen Pro Juventute und Pro Patria Sondermarken mit Zuschlag heraus. Der Runde Tisch für die Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen hatte 2014 bei der Post ein formelles Gesuch für die Herausgabe einer Sondermarke mit Zuschlag eingereicht. Die Post hiess das Gesuch gut, und erweiterte damit Horizonte, wie Konzernleitungsmitglied und Leiter Poststellen und Verkauf, Thomas Baur, sagte. Mit der neuen Marke setze die Post ein Zeichen: Sie stelle sich der Schweizer Geschichte und setze sich für die Opfer ein.

Gesetz rasch verabschieden

Bundesrätin Sommaruga sagte, mit der Sondermarke anerkenne die Schweiz ein weiteres Mal ganz offiziell das Unrecht, das begangen worden sei. «Eine Briefmarke ist ein staatliches Wertzeichen, und diese Sondermarke ist ein amtliches Zeichen der Wertschätzung gegenüber den Menschen, die unter fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen gelitten haben.» Die Sondermarke solle die Gesellschaft daran erinnern, die Schwächeren zu schützen und alles vorzukehren, damit sich das Geschehene nicht wiederholen könne. Sommaruga unterstrich in diesem Zusammenhang weiter, wie wichtig es ihr und dem Bundesrat sei, dass das Gesetz zur Aufarbeitung dieses Kapitels der Schweizer Geschichte rasch verabschiedet werde.

Das «Bundesgesetz über die Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981» wird derzeit von der Eidgenössischen Bundesversammlung beraten. Es handelt sich dabei um einen indirekten Gegenvorschlag zur Wiedergutmachungsinitiative. Der Bundesrat möchte, dass schätzungsweise 12'000 bis 15'000 noch lebende Opfer finanzielle Leistungen –sogenannte Solidaritätsbeiträge – von insgesamt 300 Mio. Franken erhalten. Diese sollen durch den Bund und durch freiwillige Zuwendungen der Kantone finanziert werden.

Weiter soll das neue Bundesgesetz das geschehene Unrecht gesetzlich anerkennen, die Akten sichern und die Akteneinsicht für die Betroffenen regeln. Zudem soll ein nationales Forschungsprogramm die umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung ermöglichen. Der Nationalrat hat dem Vorschlag des Bundesrats bereits zugestimmt. In der bevorstehenden Herbstsession ist nun der Ständerat am Zug. (hlm)

Publiziert am 08.09.2016 | Aktualisiert am 08.09.2016
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12 Kommentare
  • Abbas  Schumacher aus Basel
    09.09.2016
    Eine Frechheit diese Marke! Da versäumt der Staat jahrelang die Wiedergutmachung, hat anscheint immer noch keinen Batzen an die Betroffenen bezahlt und meint jetzt noch, mit Fr. 0.50 zahle der Schweizer noch ein für dieses Versäumnis. Klar, schön warten Frau Sommaruga, jeden Tag wird es vielleicht einer weniger dem man die Entschädigung zahlen muss?
    • Alfred  Gerber aus Goldingen
      09.09.2016
      Wo ist die KESB Marke? Wir wollen doch diesmal nicht so viel Zeit verlieren.
  • Urs  Calonder aus Hong Kong
    09.09.2016
    Wo ist die vierte Landessprache auf der Marke geblieben. Wenn schon mehrsprachig dann aber bitte kosequent ! Ist peinlich und sollte nicht so sein !
  • Urs  Hagen 09.09.2016
    Ich habe gedacht, nachdem das Thema vor x Jahren aufgerollt wurde, sei vom Tisch. Nun stellt sich heraus, da geht ja gar nichts, wann erwachen die Sieben-Schläfer und beenden das Trauerspiel dieser staatlich verortneten Ungerechtigkeit und Verstoss gegen die Menschenrechte. Mal 300 Mio. gesprochen und abwarten, es werden am Schluss 50 Mio. bezahlt weil es jeden Tag ein paar weniger ehemalige Verdingkinder hat.
  • Schwitter  Toni aus Zürich
    09.09.2016
    Ich kam 1,5 Jahre nach dem zweiten Weltkrieg auf die Welt, und war auch ein Verdingkind. Weil ich keine Eltern hatte, bekam ich einen Amtsvormund. Ich frage mich, was uns diese Briefmarke bringen soll. Einfach nur lächerlich. Meine Erinnerungen an meine Jugend kann eine Briefmarke auch nicht löschen. In meinen Augen eine Heuchlerei, und typisch schweizerisch.
    • Sabina  Wallner 09.09.2016
      Es tut mir leid, was Sie durchgemacht haben
      Ich glaube aber, dass es Opfer gibt, denen diese Sondermarke hilft, weil sie einen symbolischen Wert für sie hat und denen nun ganz klar signalisiert wird, dass die Schweiz dieses düstere Kapitel der Geschichte nicht länger unter den Teppich kehrt. Ich werde diese Marken jedenfalls kaufen und hoffe, dass es bald zu der finanziellen Entschädigung der insgesamt 300 Mio kommt, auch wenn das ein lächerlicher Preis ist für zerstörte Leben.
    • Thomas  Hager aus Luzern
      09.09.2016
      Da haben sie recht ausserdem war Pro Juventute an der ganzen Sache nicht unschuldig und die geben schon seit Jahrzehnten Briefmarken mit Sonderzuschlag heraus. Die sollten auch zahlen und der Bund sollte grosszügig sein auch wenn sie damit ihre Vergangenheit nicht ändern können.
  • Ernesto  Lippuner aus Bischofszell
    09.09.2016
    Danke Post !!!
    Du machst einen Grosen Schritt und dafür sind wir Verdingkinder Dir Dankbar !! Es ist ein Beispiel einer Grosen Tat obwohl die Post am wenigsten am geschehenen beteiligt war.

    Vielen Dank liebe Post