Beratung für IV-Bezüger Jeder zweite Behinderte ist unzufrieden

BERN - Ob bei der Wohnungssuche oder bei der Rechtsberatung: IV-Bezüger fühlen sich zu wenig gut unterstützt. Der Dachverband der Behindertenorganisationen fordert jetzt mehr Geld.

Ein Ordner mit Unterlagen zur Invalidenversicherung (Archiv) play
Ein Ordner mit Unterlagen der IV in der Wohnung der Fibromyalgie-Patientin Frau S. am 11. Mai 2007 in Winterthur. Da chronische Schmerzen es ihr verunmöglichen, einer Arbeit nachzugehen, bezieht sie eine Invalidenrente. (KEYSTONE/Martin Ruetschi) MARTIN RUETSCHI

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Wer eine IV-Rente bekommt, hat Anspruch auf Beratungs- und Betreuungsleistungen. Das können Kurse zum Erlernen der Gebärdensprache, eine Sozialberatung oder Hilfe bei der Suche nach einer rollstuhlgängigen Wohnung sein. 2015 boten insgesamt 527 Institutionen solche Dienstleistungen an. Kostenpunkt für die IV: 157 Millionen Franken.

Wie ein Bericht des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV) zeigt, ist das nicht ausreichend. 42 Prozent der IV-Bezüger gaben darin an, dass sie mehr Hilfe bräuchten als sie bekommen. Besonders gross ist der Bedarf in der Romandie und dem Tessin. Hier fühlen sich über 50 Prozent der Menschen mit Behinderung ungenügend betreut.

«Wir müssen Leute wegschicken»

Ein Eindruck, den Julien Neruda, Geschäftsleiter des Dachverbands Inclusion Handicap, bestätigt. «Viele Beratungsstellen müssen Hilfesuchende abweisen. Wir selbst bieten Rechtsberatung an und sind immer wieder gezwungen, die Leute wegzuschicken, weil wir einfach keine Kapazitäten haben.»

Diese Leute würden mit ihren Problemen einfach allein gelassen. Etwa, wenn ihre IV-Rente gekürzt oder gestrichen wird – was jährlich bis zu 12’000-mal passiert. «Einen Anwalt können sich die wenigsten leisten, denn sie leben von der IV oder der Sozialhilfe», so Neruda.

Mehr Geld wird es nicht geben

Neruda fordert daher eine Aufstockung der Bundesmittel. Eine konkrete Summe will er nicht nennen, aber: «Die 150 Millionen, die die Behindertenorganisationen für die Angebote pro Jahr  bekommen, reichen einfach nicht. Es braucht mehr Mittel.» Eine Forderung, die es schwer haben wird, denn nicht nur das aktuelle Budget sieht Einsparungen vor. In den kommenden Jahren wird noch mehr gespart werden müssen.

Das sehen auch die Studienautoren so. Sie empfehlen dem BSV daher, etwa den Bekanntheitsgrad der Angebote zu erhöhen, beispielsweise mit einer Online-Plattform, die alle Angebote aufzeigt.

Nicht noch mehr Nachfrage schaffen

Für Julien Neruda ist das der falsche Ansatz. «Wir haben heute schon zu wenig Kapazitäten. Wird Werbung für die Angebote gemacht, müssen wir noch mehr Leute abweisen. Eine Informationskampagne setzt voraus, dass auch die Beratungsstellen mehr Geld für ihre Angebote bekommen.»

Publiziert am 21.12.2016 | Aktualisiert am 15.01.2017
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  • tamara  spielhofer aus buochs
    21.12.2016
    Ich habe ein Kind geboren welches nicht ganz gesund ist. Seither haben wir auch mit der Iv zutun. Und ja, man wird allein gelassen. Im Spital stehen all die Monopol Orthopäden schon parat natürlich nur die teuersten! Aerzte sagen was zu machen ist oder nicht. Die Iv zahlts ja. Ich habe mit der Zeit gelernt auch mal NEIN zu sagen! Die Doktoren meinten zwar sie seien entzetzt über mein verhalten, aber im nachhinein wars doch gut. Ich fühle mich oft allein gelassen!
  • Thomas  Schneider 21.12.2016
    Zumindest die IV-Stelle Bern lässt Behinderte hängen. Es gibt keinerlei Informationen, worauf man allenfalls noch Anspruch hat. Wer nicht zufällig selbst herausfindet, dass es z.B. Betreuungsgutschriften, Pauschalabzug bei den Steuern, Erlass der Strassenverkehrsgebühr, SBB-Begleiterkarte etc. gibt, hat Pech gehabt. So versucht der Kanton, Geld zu sparen.
  • Daniel  Leuenberger aus Chisinau
    21.12.2016
    Gemaess IV, bin ich 42 Prozent Invalid. Durch die Abstufungen der IV, erhalte ich eine Viertelrente, das sind 25 Prozent einer Basisrente. Monatlich sind das 175 CHF worueber ich sehr dankbar bin. Aber das genuegt nicht mal die eigene Krankenversicherung zu zahlen. Am schlimmsten war aber, dass es ueber 4 Jahre gedauert hat. Ein Arbeitsplatz konnte ich vergessen, bin also selbstaendig - aber nirgendwo weit und breit eine Stelle die mich konstruktiv unterstuetzte. Das ist (leider) die Realitaet.
  • Andreas  Walter 21.12.2016
    Es gibt genügend Länder, in denen die Invaliden überhaupt keine Unterstützung kriegen, schon gar nicht finanziell. Auch wenn es nicht sehr viel ist, sollte man trotzdem dankbar und zufrieden sein, dass man in einem sozialen Land leben darf, wo man nicht gleich unter der Brücke oder gar auf dem Friedhof landet. Solidarität und ein funktionierendes Sozialsystem scheinen oft zur Gewohnheit und Selbstverständlichkeit geworden zu sein!
  • Andreas  Walter 21.12.2016
    Es gibt genügend Länder, in denen die Invaliden überhaupt keine Unterstützung kriegen, schon gar nicht finanziell. Auch wenn es nicht sehr viel ist, sollte man trotzdem dankbar und zufrieden sein, dass man in einem sozialen Land leben darf, wo man nicht gleich unter der Brücke oder gar auf dem Friedhof landet. Solidarität und ein funktionierendes Sozialsystem scheinen oft zur Gewohnheit und Selbstverständlichkeit geworden zu sein!
    • Jürg  Brechbühl aus Eggiwil
      21.12.2016
      @Andreas Walter, Erstens ist der Behindertenrechtsdienst für alle da, die zwar Ansprüche haben,diese aber gegen die renitenten Behörden und Versicherungen nicht durchsetzen können. Das geht weit über die IV-Rentenansprüche hinaus. Ich zum Beispiel brauchte Rechtsberatung von égalité handicap, um an der Uni Bern die Behindertengleichstellung durchzusetzen. Ich wurde dort systematisch diskriminiert, bis die Rekurskommission der Uni Bern das abgestellt hat.
    • Jürg  Brechbühl aus Eggiwil
      21.12.2016
      @Andreas Walter, Zweitens ist die Invalidenrente keine "Unterstützung" sondern eine Versicherungsleistung. Das IV-Gesetz versichert den Lohn, den sie als gesunder verdienen. Sie zahlen jedes Jahr eine Versicherungsprämie. Das ist die Theorie. Die Wahrheit ist, dass die Renten nicht einmal ansatzweise den Lohn decken, den der Rentner ohne den Schaden hatte. Dies gilt nicht einmal für jemanden, der eine Maximalrente bezieht, verheiratet ist und Kinder hat und somit das Maximum bekommt.
    • Jürg  Brechbühl aus Eggiwil
      21.12.2016
      Uitsch, und was sollen die Daumen nach unten? Dass die Uni Bern nicht systematisch Behinderte benachteiligt? Dass ich nicht als ganz allererster überhaupt erzwang, dass die Uni Bern das Behindertengleichstellungsgesetz anwenden muss? Dass nicht ich es war, der vor Rekurskommission ein wegweisendes Präzedenurteil erstritt? Dass ich das alles problemlos ohne die Rechtsberatung von égalité handicap geschafft hätte? Diese Rechtsberatung leistete vollen Einsatz für einen symbolischen Kostenbeitrag!