Nareen Shammo (30) befreit Sex-Sklavinnen «4000 Mädchen sind immer noch in den Fängen des IS»

ZÜRICH - Nareen Shammo (30) engagiert sich seit der Invasion des «Islamischen Staates» für die Befreiung der versklavten Jesidinnen. So konnte sie bereits Hundert Frauen aus der Gefangenschaft retten. Wie sie das macht, bleibt geheim. BLICK sprach mit Shammo über die Schicksale der jungen Frauen und was der Westen tun kann.

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Frau Shammo, Sie kündigten 2014 Ihren Job als Fernsehjournalistin, um sich für die Befreiung jesidischer Sklavinnen zu engagieren. Wie kamen Sie dazu?

Alles erfolgte automatisch. Ich erhielt im August 2014 Anrufe von verzweifelten Jesiden aus dem Sinjar. Ihre Dörfer wurden zuvor vom IS überfallen, Männer getötet, unzählige Mädchen verschleppt. Tausende wurden auf den Berg vertrieben und dort umzingelt - in der Hitze und ohne Wasser oder Nahrung. Es befanden sich viele Säuglinge, Kinder und Greise darunter. Als gutvernetzte Jesidin musste ich handeln. Es war also keine geplante Entscheidung, sondern eine natürliche Pflicht. Ich kontaktierte mit anderen Helfern sofort die NGOs und bat um Hilfe. Die umzingelten Jesiden auf dem Berg brauchten wenigstens Wasserflaschen, um zu überleben. Diese wurden aus den Helikoptern geworfen. Es war und ist eine menschliche Katastrophe, die meinem Volk widerfährt. Weitere ungeheuerliche Nachrichten erreichten zu jener Zeit auch die westlichen Medien: Tausende von Mädchen und Frauen wurden als Sexsklavinnen verschleppt, hauptsächlich Jesidinnen.

Wieso hat es der IS besonders auf die Jesiden abgesehen?

Zu jener Zeit kam die zweite Ausgabe des offiziellen IS-Magazins namens «Dābiq» heraus, in dem der Grund aufgeführt wurde: Die Jesiden seien als «Götzendiener» die schlimmsten «Ungläubigen» und eine Schande für den Islam in der Region. Weiter hiess es, man solle als IS-Soldat stolz darauf sein, eine Säuberung in Form von Tötungen, Zwangskonvertierungen und Vergewaltigungen machen zu dürfen. Es sei also eine «Ehre» für ihre Form von Islam, das jesidische Volk zu vernichten.

Was passiert den Leuten, die vom IS gefangengenommen werden?

Bei allen führt man am ersten Tag eine Zwangskonvertierung durch, auch mit den jesidischen Männern. Viele, so erzählte man mir, haben die «Shahada», das islamische Glaubensbekenntnis, pro forma aufgesagt. Nicht von Herzen, sondern um zu überleben. Das bringt aber meistens nichts. Die männlichen Jesiden wurden dann, wenn sie nicht sofort umgebracht wurden, als Arbeitssklaven gehalten, bis man sie am Ende tötete. Die kleinen Kinder wurden in arabische Familien gebracht, wo sie assimiliert wurden. Mädchen und Frauen als Sexsklavinnen gehalten und weiterverkauft. Sie sind im Kindes- bis Seniorenalter.

Sie hören sicherlich schreckliche Geschichten von den befreiten Jesidinnen.

Erst kürzlich erzählte ein 9-jähriges Mädchen, das zuvor auch als Sexsklavin gehalten wurde, wie sich ihr «Besitzer» eine weitere Jesidin besorgte, die 19 ist. Diese wurde schwanger. Er boxte in ihren Bauch, bis sie eine Fehlgeburt erlitt. Das kleine Mädchen erinnert sich an das Blut, das aus der jungen Frau strömte und die Worte des Mannes: «Ich will keine ungläubige Brut auf diese Welt setzen.» Es sind schreckliche Geschichten, die kaum aktives Gehör finden in der westlichen Weltgemeinschaft.

Im Nahen Osten gibt es etliche verfolgte Minderheiten, wie die Jesiden, Assyrer-Aramäer oder Druzen. Finden Sie, dass solche zu wenig internationale Aufmerksamkeit erhalten?

Ja, viel zu wenig. Das Absurde daran ist, dass diese religiös-ethnischen Minderheiten die einheimischen Völker des Nahen Ostens sind, aber kaum einer hier kennt sie. Auch europäische Geschichtsbücher lehren viel zu wenig über diese Region. Alles als Arabisch, Kurdisch oder Türkisch zu klassifizieren, ist halt einfacher für einen Aussenstehenden - aber eben gefährlich für uns. Ich glaube, dass die westliche Politik zu beschäftigt ist, um sich mit dem Leid der Minderheiten herumzuschlagen. Bis wir irgendwann vergessen werden.

Kürzlich sagten sie, der Westen sei für das Schicksal der Jesiden mitverantwortlich. Wie meinen Sie das?

Viele IS-Terroristen kommen aus Europa. Unter anderem mehrere Hundert aus Deutschland und aus der Schweiz mehrere Dutzend. Sie sind hier geboren und zur Schule gegangen. Auch das sind die Männer, die unsere Mädchen versklaven. Es ist also nicht nur ein nahöstliches, sondern ein globales Problem, das uns alle angeht. Anstatt Angst vor Flüchtlingen zu haben, sollte man sich fragen, wie diese jungen Deutsche, Schweizer oder Engländer radikalisiert wurden und was wir dagegen tun sollten.

Wie kann der Westen helfen?

Die Mädchen und Frauen sind stark traumatisiert und gerade in den überfüllten Flüchtlingscamps wird kaum Rücksicht auf ihre Situation genommen. Sie haben dort keine Privatsphäre, nicht einmal in den sanitären Anlagen. Unsere Organisation, das Yazda Center, kümmert sich um psychologische Hilfe. Aber wir brauchen mehr Unterstützung. Ich wünsche mir auch, dass die asylsuchenden Jesiden per einfacherem Verfahren als Spezialfall aufgenommen und auf keinen Fall zurückgeschickt werden sollten. Von meinen Bekannten in deutschen Asylheimen höre ich zudem von einigen Mobbingvorfällen, weil sie Nichtmuslime sind. Ich möchte, dass auch dort etwas unternommen wird.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich wünsche mir, dass jeder sich über die Jesiden informiert und das Schicksal meines Volkes weiterverbeitet. Schliesslich sagte man auch beim jüdischen Holocaust: «Nie wieder» - und doch passiert es immer wieder. Wir dürfen nicht wegschauen. Nur so haben wir noch eine Hoffnung auf die Befreiung der restlichen 4000 Mädchen, die immer noch in den Händen des IS sind.

Publiziert am 23.09.2016 | Aktualisiert am 25.09.2016
Info zur Person

Nareen Shammo

Nareen Shammo (30) ist eine im Irak geborene jesidische Journalistin und Aktivistin. Ihr Hauptengagement gilt dem Kampf für die Befreiung der Frauen und Mädchen, die den Verbrechen von IS im Irak zum Opfer fallen. Sie hält Kontakt zu den Verschleppten, betreut die betroffenen Familien und unterstützt die Verhandlungen zur Freilassung der Jesidinnen. Im Irak ist vor Ort ein geheimes Netzwerk von diversen Helfern - Muslime, Jesiden und Christen - aktiv, mit dem Shammo verbunden ist, um die Frauen und Mädchen zu retten. 

Nareen Shammo lebt in Deutschland, wo sie Asyl erhalten hat. Mit der US-amerikanischen Initiative für Jesiden und dem Yazda Center engagiert sich die junge Frau gegen den Völkermord an den Jesiden durch den Islamischen Staat. 

2015 erhielt die Aktivistin den Clara-Zetkin-Frauenpreis der LINKEN für ihren herausragenden Einsatz für Frauen und Mädchen im Kampf gegen den Islamischen Staat.

Am Donnerstag trat Nareen Shammo mit Unterstützung von Amnesty International in einem Podium im Zürcher Volkshaus auf, um auf das Schicksal ihres Volkes aufmerksam zu machen. 

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2 Kommentare
  • Achmat  Schachmatt aus Sumatra
    24.09.2016
    Hat man in einem muslimischen Land nur weibliche Arbeitskräfte, dann läuft es super, egal ob die Frauen verschleiert oder nicht verschleiert sind. Wird ein "Bock" eingestellt dann gibts meistens Probleme, weil er meint über den Frauen zu stehen und sie deshalb herumkommandieren darf. Frauen haben nichts zu sagen. Deshalb diese Auswüchse im Islam/IS. Solange dies so ist, werden Frauen, egal ob Jesidinnen oder andere Religion, nie vor Muselmännern sicher sein. Nur Frauen aufnehmen wäre das Beste.
  • Hans  Scheidegger 23.09.2016
    Nareen Shammo gehört meine Achtung! Sie schaut nicht gleichgültig weg. Mutig und selbstlos setzt sie sich für die Jesiden und andere Minderheiten ein. Es ist von aussen kaum vorstellbar, wie u.a. der IS menschenverachtend und auf brutalste Weise handelt. Unschuldige erleiden unsägliches Leid. Auch wenn der bewundernswerte Einsatz dieser jungen Frau nur einen Tropfen auf den heissen Stein ist, jedenfalls ist es ein beherztes aktives Zeichen in diesen gewaltsamen, endlosen Auseinandersetzungen.