Warten statt kaufen, denn ... Im Gartencenter kommt der Sommer zu früh

Frühlingserwachen in den Gartencentern: Geranien und anderer Sommerflor kommen immer früher in den Verkauf. «Viel zu früh», kritisieren diverse Gärtnermeister.

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Bereit für den Ansturm der Gartenfans: Gartencenter in Brütten ZH. Steffen Schmidt/Keystone

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Die Sonne scheint, die Bäume knospen – die ersten Frühlingsgefühle treiben viele Menschen direkt in die Gartencenter. Dort, in den Garten-, Bau- und Hobbymärkten und bei den Grossverteilern, wird die Kundschaft freudig erwartet, so als sei schon der Sommer da.

Kurze Freude

So weit das Auge reicht: Geranien, Verbenen und Petunien. Und kaum steigen die Temperaturen, kaufen Gartenfans nach Kräften ein. Zu Hause verschönern die Pflanzen dann Balkone, Sitzplätze und Fenstersimse. Häufig leider nicht allzu lange.

Denn wie der Volksmund weiss, macht das Aprilwetter, was es will – auf sonnige Frühlingstage folgen wie diese Woche nasskalte. Dann ist es mit den Blumenfreuden oft rasch vorbei. Denn die Pflänzchen sind sehr empfindlich, sie wurden mitunter in schnell treibender, geschützter Umgebung gezogen und sofort an die Gartencenter geliefert. Grimmigen Wetterlaunen halten sie meist nicht stand, und ohne Schutz gehen sie ein (siehe Tipps unten).

Denn Geranien, Petunien, Lantana etc. stammen ursprünglich aus südlichen, wärmeren Ländern. Kommen sie also zu früh in den Handel? Durchaus. Die Konsumenten ziehen angesichts der Blumenpracht falsche Schlüsse und greifen zu. Oft mehrere Woche bevor die Natur den Startknopf drückt. Viele Gärtner beobachten das bunte Treiben der Grossisten entsprechend skeptisch. «Als ich die Lehre als Gärtner machte, galt: Vor Mitte Mai dürfen keine Setzlinge raus – weder Gemüsesetzlinge noch Blumen», sagt Gärtnermeister Jakob Buchmann aus Sissach BL.

Alte Weisheiten gelten nur noch bedingt

Einen verbindlichen Stichtag (etwa die Eisheiligen) gibts freilich längst nicht mehr. Einerseits, weil es früher wärmere Tage gibt als noch vor Jahrzehnten. Andererseits, weil die Grossverteiler und Gartencenter an der Uhr drehen und schon früh lukrative Geschäfte machen wollen. Wer möchte, kann sich mittlerweile schon im März mit neuem Grün eindecken – auch bei lokalen Gärtnereien. Denn wollen diese ihre Zukunft und ihr Bestehen sichern, müssen sie sich auf das veränderte Kaufverhalten ausrichten.

Hans Walter Müller, bei Wyss Samen und Pflanzen AG zuständig für den Detailhandel, kennt das Problem. Auch die sieben Wyss-Gartenhäuser bieten schon jetzt Sommerflor an. Aber, so Müller: «Wir beraten die Kunden und weisen sie auf die Wetterrisiken hin. Je nach Wetterlage geben wir der Kundschaft den Tipp, mit dem Kauf noch ein paar Tage zuzuwarten.» Zudem ist Müller überzeugt, dass seine Ware robuster ist als jene der Konkurrenz-Center. Denn: «Wir beziehen Pflanzen von Gärtnereien, die keine schnell treibende Ware produzieren.»

Ein entsprechender Betrieb ist die Gärtnerei Allemann in Witterswil SO. Inhaber Rolf Allemann erklärt: «Wir kultivieren unsere Pflanzen ganz bewusst in Tontöpfen, weil sich so deren Durchwurzelung und das Wachstum viel ausgeglichener verhalten.» Zudem, so Allemann, werden seine Schützlinge vor dem Verkauf tatsächlich «abgehärtet», sprich: Die Pflanzen werden sukzessive an rauere Bedingungen angepasst.

Der Solothurner Betrieb hat sich zudem auf ältere, robustere Sorten spezialisiert. Zur Philosophie gehört gemäss Allemann auch, dass man die Kunden berate und auf deren Bedürfnisse eingehe. Sommerflor verkauft er selber – je nach Wetterlage – erst Ende April respektive ab Anfang Mai. Das Gleiche gilt für Küchenkräuter.

Zuwarten lohnt sich für Gartenfans doppelt

Auch Gärtnermeister Buchmann propagiert den Grundsatz, Geranien und Konsorten erst Anfang Mai ungeschützt an die frische Luft zu stellen – er vertröstet seine Kunden auf mildere Zeiten. Davon profitieren diese doppelt: Sie müssen keine serbelnden Pflanzen ersetzen. Und: «Ware, die erst ab Mai gekauft wird, wächst viel freudiger, holt den Rückstand auf Treibhausware schnell auf und bleibt länger schön. Bis weit in den Herbst hinein», sagt Buchmann.

Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Johannes Zulauf, Geschäftsführer der Zulauf Baumschule und Gartencenter im aargauischen Schinznach, beobachtet dies mit Skepsis. «Im Gartenbereich ist die Sache zweischneidig», sagt er. Auch er setzt auf Beratung, erachtet den Kauf von Sommerflor und Gemüsesetzlingen ab Anfang/Mitte Mai als sinnvoller. Handkehrum kann Zulauf die Ungeduld vieler Hobbygärtner nachvollziehen. «Letztlich entscheidet ja jeder selber, ob er warten oder jetzt schon einkaufen will», sagt Zulauf.

So bleibt Ihr Daumen grün

  1. Kaufen Sie Geranien und anderen Sommerflor im April nur, wenn Sie die Möglichkeit haben, die Pflanzen bei Bedarf abzudecken oder in der warmen Stube zu schützen. Kälteschocks schätzen die Pflanzen gar nicht. Wollen Sie diesen Mehraufwand nicht leisten: Mit dem Kauf zu warten, bis die Tage wärmer und kaum noch Kältenächte zu befürchten sind. Ein Richtwert: die Eisheiligen (heuer 11. bis 15. Mai).
     
  2. Kaufen Sie Sommerflor mit Vorteil in Gärtnereien, an örtlichen Wildpflanzen- und Kräutermärkten (von Pro Natura, ProSpecieRara etc.) und anlässlich von örtlichen Geranienmärkten (durch Gartenbauvereine etc.). Diese Pflanzen sind mitunter robuster als die Ware, deren Wachstum in Treibhäusern stark forciert wurde.
     
  3. Lassen Sie sich in den Gärtnereien und Gartencenter beraten; Beratung ist in Gärtnereien eine Selbstverständlichkeit, bei Grossverteilern ist das mitunter nur beschränkt möglich.
     
  4. In der Übergangszeit müssen Sie nicht auf Blumen verzichten. Primel, Pensée, Ranunkel, Narzisse, Fritillaria tragen den Frühling ebenfalls auf Balkonia – und sind wetterbeständig.
     
  5. Kübelpflanzen können an warmen Tagen jetzt schon nach draussen, um sich langsam an die Aussentemperaturen und die Sonne zu gewöhnen. Um Sonnenbrand zu vermeiden, einen schattigen Platz wählen und mit Bedacht in die Sonne rücken. In kalten Nächten schützen.
     
  6. Achten Sie darauf, dass die Pflanzen harmonieren, die Sie zusammen eintopfen. Geranien und Fächerblumen passen prima zusammen, Geranien und Fleissige Lieschen können es nicht miteinander, weil sie unterschiedliche Bedürfnisse haben.
     
  7. Kompost und Dünger sehr dosiert anwenden. Die Erde, die man mit den Blumen kauft, reicht für die erste Zeit. Später düngen, weil Pflanzen in geschlossenen Gefässen keine Nährstoffe mehr finden.
     
  8. Was Sie tun können, damit Ihre Pflanzen später nicht kränkeln? Gesunde, kräftige Pflanzen kaufen und diese sorten- respektive standortgerecht pflanzen. Keine Billigerde verwenden (meiden Sie torf- und zu stark holzhaltige Erde). Regenwasser zum Giessen verwenden – und am besten jeweils morgens giessen.

Publiziert am 14.04.2016 | Aktualisiert am 07.07.2016
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