Unterwegs in Spanien Grenzerfahrungen auf der Via de la Plata

Pilgern auf dem Jakobsweg ist in. Doch authentische Spiritualität lässt sich nur abseits des überlaufenen Camino Francés erfahren, etwa auf der Via de la Plata.

Aktuell auf Blick.ch

Top 3

1 On the road mit Christian Bauer Kampfmutter-Alarm im Zug
2 Unterwegs in Sils Maria GR Zu Besuch beim verrückten Philosophen
3 Im Iglu-Dorf in Gstaad Schlafen wie ein Eskimo

Reisen

Immer informiert - Abonnieren Sie den Blick-Newsletter!
Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Schön, dass wir Ihnen unsere BLICK News des Tages senden dürfen. Möchten Sie zusätzlich den BLICK Sport Newsletter erhalten?
teilen
teilen
29 shares
1 Kommentar
Fehler
Melden

I will survive!» – Gloria Gaynors Welthit scheppert durch ein Vorort-Café am Rande von Santiago de Compostela in Spanien. «Ich werde überleben!», der Soundtrack passt: Hinter uns liegen 1000 Kilometer zu Fuss quer durch die iberische Halbinsel. Eine blasentreibende Schinderei. Bis zum Ziel sind es nur noch ein paar lächerliche Kilometer, aber anstatt uns zu freuen, sind wir traurig. Die letzten fünf Wochen waren zu schön; so könnte es weitergehen. Die Melancholie des Abschieds versüssen wir uns mit Chocolate con Churros, heisser Schokolade mit fettigem Spritzgebäck. Seelennahrung.

Unterwegs sind wir auf der Jakobsweg-Variante Via de la Plata, dem Silberweg, von Sevilla in Andalusien zum Wallfahrtsort Santiago de Compostela in Galicien, dem wichtigsten Pilgerziel der Christen neben Jerusalem und Rom. 1985 verlieh die Unesco der Stadt mit 100 000 Einwohnern daher den Titel Weltkulturerbe. Die Gebeine von Jakobus dem Älteren, einem der zwölf Apostel Jesu, sollen hier begraben liegen. Das ist historisch betrachtet zwar fragwürdig, tut der 1200-jährigen Tradition aber keinen Abbruch. So lange schon hoffen Pilger auf Wunderheilungen und die Vergebung der Sünden. Letztere gibt es immer noch – vorausgesetzt, man ist katholischen Glaubens.

Heute tummeln sich auf den Jakobswegen Wallfahrer, Sinnsucher und Aussteiger. 230 000 waren es 2014, die in Santiago ihr Heil suchten. Aber während sich 70 Prozent über den 800 Kilometer langen Hauptweg Camino Francés von den französischen Pyrenäen hierhin schleppen, sind Jakobswegvarianten wie die Via de la Plata kaum ­bekannt. Nur 8000 Hartgesottene suchten letztes Jahr authentische Pilgererfahrungen auf dem silbernen Weg. 

Die Via de la Plata hat es in sich: 1000 Kilometer, 40 Grad im Schatten, 32 Tage. Knapp fünf Wochen täglich derselbe Ablauf: aufstehen, wandern, Zmorge, wandern, Zmittag, Siesta, wandern, Herberge suchen, Znacht, schlafen. Was langweilig klingt, ist Erholung pur. Keine Entscheidungen treffen, keine E-Mails checken, einfach loslaufen. Arbeits- und Karrierestress lösen sich im Nichts auf. Und das Glück ist manchmal nur ein schattiges Bäumchen oder ein Topf Nudeln. Alles, was man braucht, passt in den Rucksack. Das ist Freiheit!

Doch neben Romantik und Seelenmassage ist die Via de la Plata auch harte Knochen­arbeit – besonders, wenn man im Hochsommer unterwegs ist.

In Andalusien und der Extremadura verdörrt dann das Land in der sengenden Hitze. Da leiden auch die schwarzen Pata-Negra-Schweine, die in grossen Herden im Schatten der Steineichen ­dösen, und die Kampfstiere, die uns argwöhnisch beäugen.

Das zusätzliche Schleppen von literweise Wasser im ohnehin schon schweren Rucksack geht an die Substanz. An manchen Tagen sind es mehr als 35 Kilometer bis zur nächsten Herberge. Mal ist dies eine frühere Schule oder ein Zimmer beim örtlichen Pfarrer, mal eine topmoderne Anlage, die mit EU-Geldern finanziert wurde. Wer sich gerne ins Mittelalter beamt, klopft bei einem Kloster an.

Pilgern? Was bringt das in ­einer Zeit, in der kaum einer an Wunder und göttliche Zeichen glauben mag? Pilgern bedeutet für uns: sich durchbeissen, die ­eigenen Grenzen ausdehnen. Und sich auch die Frage nach dem höheren Sinn stellen. Das bleibt auf dem Jakobsweg nicht aus.

Dennoch: Das Leben auf dem Pilgerweg entfaltet eine besondere Spielart des Glücks, die jenseits körperlicher Anstrengung liegt. Das kann süchtig machen –  genauso wie Chocolate con Churros. Wir bestellen eine weitere Portion.

Nein, wir wollen nicht in der Kathedrale von Santiago ankommen. Denn danach kommt es wieder, das Burnout-gefährdete Leben. Aber der Jesus, den ich in Oseira erworben habe, grinst mich jeden Tag an, als wolle er sagen: «You will survive!»

Publiziert am 03.05.2015 | Aktualisiert am 03.05.2015
teilen
teilen
29 shares
1 Kommentar
Fehler
Melden

Informationen

Reisezeit: Frühling und Herbst, wenn es angenehm warm ist, sind die beste Reisezeit. Im Juli und August kann es besonders im Süden sehr heiss werden.

Distanzen: Zwischen ca. 12 und 40 Kilometer pro Tag. Die Dichte der Herbergen ist auf der Via de la Plata nicht so gross wie auf dem Camino Francés.

Weg: Die Strecke verläuft meist über gute Feldwege, manchmal über Nebenstrassen. Grössere Steigungen gibt es nur wenige.

Hinweis: Wer auf der Via de la Plata pilgern will, sollte Erfahrungen auf dem Camino Francés oder anderen Fernwanderwegen gesammelt haben. Die Plata ist zum Teil sehr anstrengend.

Unterkunft: Entlang der Strecke finden sich immer mehr einfache Pilgerherbergen und private Unterkünfte. In ­einer Pilger­unterkunft darf nur schlafen, wer einen Pilgerausweis hat. www.viajacobi4.ch

Anreise: Von Basel und Genf ­direkt nach Sevilla mit EasyJet. www.easyjet.com

Infos: www.jakobus-info.de

TOP-VIDEOS

1 Kommentare
  • Louis  Fink aus Hofstetten
    03.05.2015
    Ja, hab ich gemacht letztes Jahr im April, den Weg von Sevilla bis Santiago. Wirklich genial. Im April ist die Temperatur angenehm, nachts fast etwas kalt in den Herbergen. Wasser schleppen war nicht nötig.
    Weniger Spiritualität als auf dem "Kerkeling-highway" - der via frances - dafür viel Natur und Relikte der Römer.