Unterwegs in Marokko Die Entdeckung der Langsamkeit

Vier Räder, zwei Kerle, ein Ziel: die Wüste. Ein Roadtrip von Zürich nach Marokko, das Offroad-Paradies Nordafrikas. Ein Abenteuer abseits asphaltierter Strassen.

Reisebericht aus Marokko: Traumferien im arabischen Land play

Wie aus 1001-Nacht: Berber in der marokkanischen Wüste.

GettyImages

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Es rumpelt, knattert und quietscht – unser Offroader stöhnt. Das Gelände ist eine Zerreissprobe für Bandscheiben und Getriebe, obwohl wir nur im Schneckentempo dahinkriechen. Alle paar Meter müssen wir aussteigen, Felsbrocken zur Seite hieven oder die Sandbleche montieren. Unterwegs sind wir mit einem umgebauten Nissan Navara in Marokko, Nordafrika. Unser Ziel: die Sahara. Unsere Strecke: querfeldein, abseits angelegter Pisten. Je einsamer, desto besser.

Offroader- Paradies Marokko

Dafür ist Marokko ideal, das arabische Land ist ein Offroader-Paradies: Keine Wildnis liegt näher an Europa und ist so leicht zu erreichen. Sein eigenes Auto einzuführen, ist einfach, die Zoll- und Passregularien easy. Zudem ist, im Gegensatz zu den anderen nordafrikanischen Staaten, die politische Lage in dem Königreich stabil, die Sicherheitslage gut.

Während die einstigen touristischen Hotspots Türkei, Ägypten und Tunesien derzeit schwere Zeiten erleben, verzeichnet das Land am Mittelmeer und Atlantik gar einen kleinen Tourismus-Boom. Aus einem gutem Grund, wie wir auf unserer Tour vom Fährort Tanger-Med durch die Steppen Ostmarokkos über den Hohen Atlas bis in die Sandwüsten im Süden erleben.

Marokko hat alles zu bieten, was man sich vom Orient wünscht: Historische Städte voller Tausendundeinernacht- Charme, märchenhafte Königspaläste, kunterbunte Märkte, zudem Hochgebirgsregionen, palmenumwucherte Oasen und spektakuläre Ausläufer der Sahara. Das hat auch Hollywood erkannt. Seit Jahrzehnten werden hier Filme gedreht wie «Königreich der Himmel », «Der Gladiator» oder der James-Bond Streifen «Spectre». «Wenn ihr das nächste Mal einen Film seht, der in Arabien spielt, wurde der sicherlich hier gedreht», schwärmt Ali, Kellner in einer Teestube irgendwo im Nirgendwo am Wegesrand.

Ein Weg vollen Abenteuer

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Mitten im Atlas-Gebirge. Thorleif Brandsberg

 

So schön die Landschaft ist, so hart ist unsere Tour. Unser Weg zur Wüste ist gespickt mit Schufterei und Nervenkitzel: Befragungen durchs Militär auf der Suche nach Rauschgiftschmugglern, ramponierte Kompressoren und immer wieder unpassierbare Stellen, die uns schier in den Wahnsinn treiben. Doch Hilfe kommt in der Wildnis meist unverhofft. «Marhaban», ertönt es unvermittelt, als wir an einem Trockental verzweifeln, weil es kein Durchkommen gibt. Aus dem Nichts ist ein Hirte aufgetaucht, begleitet von meckernden Ziegen. «Marhaban – hallo» antworten wir – unser einziges arabisches Wort.

Der wettergegerbte Mann fuchtelt mit den Armen, redet, zeichnet eine Karte in den Staub. Weil wir begriffsstutzig sind, klettert er kurzerhand auf den Beifahrersitz und zeigt uns den Weg durchs Tal. «Was ist mit den Ziegen?», denken wir. Ein paar Kilometer weiter steigt er wieder aus. Als wir ihm Geld anbieten, ist er beleidigt. Stattdessen gibt es Schweizer Schoggi für seine Kinder. Die H erzlichkeit berührt uns zutiefst. Und wenn alles nichts hilft, werden wir von den Berbern zum Minzentee eingeladen. «Inshallah», heisst es dann. «Wenn Gott will, wird alles gut.»

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Nationalgetränk Minztee. GettyImages

 

Manchmal aber hilft nicht der göttliche Beistand, sondern modernste Technik – den Nissan haben wir mit allerlei Hilfsmitteln aufgemotzt. Eine solche Reise fordert eine gute Vorbereitung und Top-Ausrüstung. Doch die Wüste hat ihre eigenen Regeln. Trotz Vorrat für eine Woche versiegte einmal das Wasser schon nach vier Tagen. Unsere Rettung: Satelliten- Internet und Google-Maps, auf dem wir eine Wasserstelle entdeckten.

Endlich! Die Weite der Sahara

 Nach zwei Wochen Geholper über staubige Strassen – wir haben uns Zeit gelassen – erreichen wir den Vorposten zur Sahara, das Nest M’Hamid kurz vor der algerischen Grenze. Nach 2500 Kilometern sehen wir sie dann zum ersten Mal: Dünen, so perfekt, als seien sie mit Photoshop gefaked. «Mann, ist das geil!» Selbst unsere Sprache geht mit uns durch, so schön ist der Anblick dieser urgewaltigen Weite.

Wir finden ein Nomadencamp und satteln stilecht auf Dromedare um. Kamelführer Mohammed führt uns hinein ins ewige Meer der Sanddünen. Doch von Magie zunächst keine Spur: Es wackelt fürchterlich auf den Wüstenschiffen, wir können uns kaum im Sattel halten. Mohammed grinst. Das ist er gewohnt von den Touristen, die für ein paar Tage Wüstenbewohner spielen. Dennoch, nach ein paar Stunden haben wir uns mit den Viechern angefreundet, die mit ihren labbrigen Lippen aussehen wie Omas ohne Gebiss.

Und hat man sich erst an den wiegenden Gang gewöhnt, fühlt man sich in zwei Metern Höhe wie in einer Baby-Schaukel. Wir lächeln selig, während das Dünen-Panorama an uns vorbeizieht. Wirklich magisch wird die Wüste in der Nacht – da werden auch wir Technikfreaks romantisch. Wir liegen im warmen Sand, und über uns erstrahlt ein bewusstseinserweiternder Sternenhimmel.

 Schweigend starren wir in Milliarden Leuchtpunkte. Kein Laut ist zu hören, nichts. Diese Stille ist das eindrücklichste Erlebnis unserer vierwöchigen Reise. In Zeitlupe zieht die Milchstrasse über den Dünenkamm, der sich tiefblau vom Horizont abhebt. Zeit spielt hier keine Rolle. «Die Wüste ist mein Leben», sagt Mohammed irgendwann. «Ich möchte hier nicht weg.» Verständlich. Wir bleiben prompt länger als geplant. Sicher kommen wir eines Tages wieder. Inshallah – wenn Gott will. 

Gut zu wissen

Hinkommen

Edelweiss Air fliegt zweimal wöchentlich von Zürich direkt nach Marrakesch. Wer mit dem eigenen Auto anreist, sollte die Fähre von Genua (Italien) oder Sète (Südfrankreich) nach Tanger Med nehmen. www.flyedelweiss.com

Einreise

Zur Einreise genügt ein Reisepass. Marokko gilt als sicheres Reiseland. Informationen zur aktuellen Lage unter: www.eda.admin.ch

Einreisen mit einem Fahrzeug

Für die Einreise mit eigenem Fahrzeug benötigt man einen internationalen Führerschein und eine grüne Versicherungskarte. ACHTUNG: Das Fahrzeug muss von der gleichen Person EIN- und AUSgeführt werden. Wenn das Fahrzeug NICHT auf den Lenker eingelöst ist, muss eine beglaubigte Vollmacht mitgeführt werden. Ein Muster gibt es hier: www.tcs.ch

Empfehlung: Idealerweise füllt man ein «Fichier» aus und kopiert es mindestens 10x. Dort werden alle Pass- und Fahrzeugdaten eingetragen, was Polizei- oder Militärkontrollen vereinfacht. Ein Beispiel findet sich hier: www.kohlbach.org/aktuelles.html

Informationen

Alle Infos zum Offroaden in Marokko plus GPS-Guide: www.pistenkuh.de

Unterwegs mit dem Auto

Marokko verfügt über ein gut ausgebautes Strassennetz. Autos (vom Kleinwagen bis zum Offroader) können vor Ort gemietet werden. Wer eine Tour abseits der befahrenen Wege plant (wie die beschriebene Reise), muss gründliche Vorbereitungen treffen – auch bei einem kurzen Abstecher in die Wüste. Die Risiken einer Autopanne, ohne schnelle Hilfe zu kommen, sind nicht zu unterschätzen. Absolutes Muss: ein geländegängiges Fahrzeug, Wasser für mehrere Tage und ein Peilsender.

Reisezeit

Beste Reisezeit sind der Frühling und der Herbst. Den Sommer sollte man wegen der Hitze meiden. Im Winter kann es – nicht nur – im Atlasgebirge empfindlich kalt werden.

 

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Publiziert am 18.09.2016 | Aktualisiert am 06.01.2017
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4 Kommentare
  • Lucio Silva  Safnanno aus San Vito Lo Capo
    18.09.2016
    Sobald man glaubt nur noch mit sich und dem Horizont allein zu sein, ist die Gefahr latent, entführt zu werden. Wo es was zu holen gibt, ist man Opfer und das gilt für ganz Afrika.
  • Bernhard  Kipfer aus Brugg
    18.09.2016
    Die Westsahara im Süden, ehemalige Kolonie Spaniens, wird nach wie vor von Marokko und den Sahrawis als ihr Land proklamiert. Nach dem Krieg zwischen Marokko und der Frente Polisario liegen da, off-road immer noch eine erhebliche Anzahl von Minen und Blindgänger. Insbesondere da wo die Befestigungswälle waren und zum Teil nach wie vor unterhalten werden, um die Sahrawis an der Rückkehr in die Westsahara zu hindern. Off-road im Sünden ist also immer noch nicht empfehlenswert.
  • Gerry  B. 18.09.2016
    Die politische Lage ist stabil und die Sicherheitslage gut wird in diesem Bericht erwähnt. Das stimmt, und Marokko ist tatsächlich ein tolles Land vor allem wen man Wüstentouren mag. Eine Frage stellt sich mir aber; was haben dann die marokkanischen "Flüchtlinge" bei uns in der Schweiz und in der EU zu suchen? Genau solches Verhalten von unseren Behörden erzeugt eine Intoleranz gegen Flüchtlinge.
    • Bernhard  Kipfer aus Brugg
      18.09.2016
      Im Süden, in der ehemaligen spanischen Provinz Westsahara wird das Land nach wie vor sowohl von Marokko als auch den Sahrawi als ihr Territorium angesehen und hier ist der Konflikt, auch nach 40 Jahren noch nicht beigelegt. Es gibt da immer noch UNO-Blauhelme, die den Waffenstillstand überwachen.