Ähnlicher als vermutet Das unterscheidet Pflanzen und Menschen

Bücher über das geheime Leben der Pflanzenwelt sind momentan Bestseller. Mit gutem Grund: Die Flora ist uns Menschen ähnlicher, als manche vermuten.

Neue Studie zeigt: Pflanzen sind Menschen ähnlicher als gedacht play
Alles bloss eine Illusion? Mitnichten. Die frappante ­Ähnlichkeit von Mensch und Pflanze ist wissenschaftlich solide belegt. Getty Images

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Pflanzen sind gar nicht so verschieden von uns Menschen. Auch sie können sehen, hören, sich erinnern und miteinander reden.

Da wundert sich der Apfelbaum: «Was um Himmels willen bringt die Menschen dazu, sich plötzlich so intensiv darum zu kümmern, wie wir Pflanzen ticken? Entsprechende Bücher stehen momentan auf allen Bestsellerlisten und werden sogar in fremde Sprachen übersetzt.» Da räuspert sich das Mauerblümchen und wirft schüchtern ein: «Fremde Sprachen? Haben die denn mehr als eine?»

Gewiss: Dass Pflanzen untereinander über Menschen schnöden, ist bisher unbewiesen. Zumindest ist noch keinem Pflanzenneurologen eine Testanordnung eingefallen, mit der man diese These überprüfen könnte. Aber sonst hat sich schon fast alles als wissenschaftlich erhärtet erwiesen, wovon Esoteriker und Naturfreunde bisher nur geträumt haben.

So haben Pflanzen mehr Sinne als wir und entwickeln raffinierte Strategien, um sich zu warnen. Sie arbeiten nicht nur mit Artgenossen, sondern auch mit fremden Pflanzen und Tieren zusammen. Und sie hantieren dabei mit denselben genetischen Werkzeugen (Enzymen) wie wir.

Kurz: Die Unterschiede zwischen Pflanze, Tier und Mensch sind gar nicht so gross, auch wenn sich unsere Stammbäume schon vor Milliarden Jahren auseinanderentwickelt haben.

Liebeserklärung an den Wald von Förster Peter Wohlleben

Der Gedanke, dass wir Menschen letztlich alle Teil eines grossen geheimnisvollen Ganzen sind, ist irgendwie tröstlich, ja sogar erhebend. Das gibt uns ein Gefühl von kosmischer Verbundenheit, ohne gleich esoterisch zu werden.

Genau das macht wohl die Faszination aus, die von Büchern wie «Das geheime Leben der Bäume», «Bienendemokratie», «Die Intelligenz der Pflanzen» und «Was Pflanzen wissen» bei uns auslösen (siehe Box unten). Zwischen den Zeilen dieser Bücher erfahren wir, dass sich zumindest die Wissenschaftler unter den Autoren gegen dieses Gefühl wehren. Sie fürchten sich, als Schwärmer zu gelten und ihren Ruf als seriöse Forscher zu verspielen.

Deshalb sollte man mit Peter Wohlleben einsteigen. Als Förster hat er keine Hemmungen, uns sein Buch über «Das geheime Leben der Bäume» als «Liebeserklärung an den Wald» zu verkaufen. Im Stil eines versierten Sportreporters schildert er die komplexe Mischung von Wettbewerb und Zusammenarbeit zwischen Säugetieren, Vögeln, Insekten, Pilzen, Bakterien und Bäumen, die ihr Biotop immer wieder neu schaffen und der Natur abtrotzen. Sie legen gemeinsam Wasserreserven an, regulieren die Temperatur, helfen sich notfalls mit Nährstoffen aus und bilden mehrere www – waldweite Webs.

Neue Studie zeigt: Pflanzen sind Menschen ähnlicher als gedacht play
Seit Monaten in den Bestsellerlisten:Peter Wohlleben schrieb ein Buch über Bäume. GORDON WELTERS/The New York Time/Redux/laif

Oberirdisch kommunizieren sie unter anderem mit Düften, mit denen sie spezifische Botschaften senden, unterirdisch verläuft das Netz vor allem über die Pilzfäden. Auch in der Vertikalen fliesst der Informationsaustausch. Buchenzweige an Buchenwurzeln: Pump mal 100 Liter Wasser hoch, wir müssen Blätter austreiben. «Dann», schreibt Wohlleben, «schiesst das Wasser mir einer solchen Wucht in den Stamm, dass Sie dies mit einen angelegten Stethoskop hören können.»

Gehirnähnliche Strukturen in den Wurzelspitzen von Pflanzen

Wer Wohllebens Buch gelesen hat, wird beim nächsten Waldspaziergang zwar nicht unbedingt ein Stethoskop mitnehmen, aber alle Sinne schärfen. Allein das Wissen, dass uns die Bäume und Sträucher sehen und riechen können, macht uns zu Mitspielern in der Symphonie des Waldes.

Wer es lieber analytisch und doch verständlich hat, kommt bei Stefano Mancuso («Intelligenz der Pflanzen») auf seine Rechnung. Der Neurobiologe klärt uns darüber auf: Intelligenz ist nicht ausschliesslich eine Sache des Kopfes, man kann nicht nur mit den Augen sehen und mit den Ohren hören, denn diese Fähigkeiten sind bei Pflanzen auf den ganzen Körper verteilt.

Allerdings gibt es auch bei ihnen Schwerpunkte. So fanden Botaniker etwa in den Wurzelspitzen, wo besonders viele Informationen verarbeitet werden müssen, gehirnähnliche Strukturen. Es gibt auch Hinweise darauf, dass in den Wurzeln Erinnerungen gespeichert sind, die den Bäumen helfen, aus klimatischen Erfahrungen zu lernen.

Das blaue Licht des Fernsehers steuert den Hormonhaushalt

Das Sehvermögen hingegen ist offenbar weiter oben lokalisiert. Schon Darwin hat mit raffinierten Experimenten herausgefunden, dass Pflanzensämlinge nur mit der Spitze und nicht mit dem Stamm sehen.

Der besondere Reiz von Mancusos Buch liegt darin, dass es uns eine Ahnung davon gibt, wie eng wir mit den Pflanzen noch immer verwandt sind und wie viel wir von ihnen lernen könnten. Zum Beispiel beim Licht. Es ist für die Pflanzen besonders wichtig, weil sie Lichtphotonen mit Hilfe des Chlorophylls direkt in Nahrung umwandeln können. Zudem gibt ihnen der tägliche und jährliche Rhythmus von Hell und Dunkel vor, wann sie in die Höhe wachsen oder Blätter und Blüten austreiben sollen.

Bei Daniel Chamovitz kann man detailliert nachlesen, welche Farben des Lichts für welche Funktionen zuständig sind. Dabei spielt das Cryptochrom, das Molekül, das auf blaues Licht reagiert, eine besonders wichtige Rolle, nämlich die einer inneren Uhr.

Genau dieselbe innere Uhr, genau dasselbe Cryptochrom, tickt auch in unseren Zellen. Auch unsere Hormone sind den sogenannten circadianischen Rhythmen unterworfen. Und wir sind gerade dabei, neu zu entdecken, wie wichtig es für unser Gedeihen ist, dass wir diese innere Uhr respektieren.

Wenn wir etwa abends spät Fernsehen schauen, setzen wir uns blauem Licht aus. Dadurch verzögert oder verhindert sich die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin – das bringt den ganzen Hormonhaushalt durcheinander. Bei den Pflanzen sind die Folgen dieser Takt-Störungen schnell erkennbar. Uns dämmert es oft erst viel zu spät.

Doch die Parallele zu den Pflanzen geht noch weiter: Bisher gingen wir davon aus, dass unsere (zelluläre) Energie, das ATP oder Adenosintriphosphat, ausschliesslich von der Nahrung kommt. Inzwischen begreifen wir jedoch besser, dass Energie letztlich bloss der Transport von Elektronen in den Mitochondrien (den Kraftwerken der Zelle) ist. Dabei spielen auch die Photonen, die Elektronen des Sonnenlichts, eine bisher unterschätzte, wichtige Rolle.

Eisen und Magnesium machen den Unterschied

Auch bei der Energiegewinnung unterscheiden wir uns also nur graduell von den Pflanzen. Das zeigt sich etwa auch darin, dass das Chlorophyll der Pflanzen und das Hämoglobin in unserem Blut fast die gleiche chemische Struktur haben (siehe Seite 7). Sie unterscheiden sich bloss in ihrem Zentralatom: Bei uns ist es Eisen, bei unseren Pflanzenbrüdern das (organische gebundene) Magnesium.

Um es kurz zu machen, lieber Apfelbaum: «Wir interessieren uns für euch, weil wir uns selbst kennenlernen wollen.»

«Weiss ich doch», rauscht es zurück, «ich bin ja schliesslich der Baum der Erkenntnis.»

Publiziert am 08.11.2016 | Aktualisiert am 09.11.2016
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  • Susanne  Reich 08.11.2016
    Unterschied: Es ist nur eine Frage der Zeit bis speziell Veganer der Pflanze noch mehr ähneln? Wir essen Pflanzen, umgekehrt eher weniger? ;)) Ich habe das Gefühl, dass wir - im Gegensatz zu Tieren und Pflanzen - oft gegen unsere Natur leben und auch nicht mehr nach innen hören, heisst eigentlich nur noch mit dem Kopf durch die Welt gehen, die zusätzlichen Sinne verkümmern dabei. Klar kann man nicht immer alles tun was man möchte, doch etwas mehr Achtsamkeit uns selbst gegenüber wäre gut.