Live Exit Game Hinter Schloss und Riegel

Nichts für Menschen, die unter Platzangst leiden: In der Schweiz lassen sich immer mehr Leute in Räume einsperren, um spielerisch den Ausweg zu suchen.

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Unaufhörliches, gleichmässiges Ticken. Sonst kein Ton. Stur dreht sich die Eieruhr auf dem Tisch. Schon zehn Minuten vorbei. Die Zeit scheint in diesem geschlossenen Raum schneller zu vergehen als anderswo: Das Leben in Zürich rückt weit weg. 

Wir stehen in einem Raum. Keine Fenster. Dafür Schlösser an Schubladen und Kästen. Schlüssel hängen an einer Wand, doch sie sind zu gross oder zu klein, nutzlos. Daneben ein dunkles, faustgrosses Loch im Holz. Ist hier ein Hinweis versteckt? Tatsächlich: Vier Zahlen sind zu erkennen. Weiter grübeln. Es muss doch gehen, schliesslich haben schon 300 Leute zuvor die einzige Tür öffnen können und so den Weg in die Freiheit gefunden.

Live Exit Game – so heisst das Rätselspiel, das immer mehr Menschen begeistert. Ob in Australien, Russland, Deutschland oder in der Schweiz – überall ist es nach demselben Prinzip aufgebaut. Eine Gruppe lässt sich in einen Raum einschliessen. Nach und nach müssen die Spieler Geschicklichkeitsaufgaben und Denkspiele lösen, um zu entkommen. Meist haben sie dafür eine knappe Stunde Zeit.

Für 25 bis 49 Franken kann man sich einsperren lassen

Budapest ist das europäische Zentrum des neuartigen Gruppenspiels. Die Stadt ist bekannt für ihre Kellergewölbe – die eignen sich bestens als Escape Rooms, wie die Spielräume auch genannt werden. Zwischen 50 und 100 Escape Rooms soll es dort geben. Laut der Ferienplattform Tripadvisor sind in Budapest neun der zehn weltweit besten Live Exit Games. Eines der ersten hat die Firma Parapark vor vier Jahren aufgebaut.

Vor wenigen Wochen wurde ein Franchise der Ungarn in Zürich eröffnet. Mittlerweile schliessen hierzulande vier Firmen ihre Besucher weg. In Basel gibts einen Anbieter, der bald seinen zweiten Escape Room eröffnet. Und dann gibt es noch den Berner Gabriel Palacios, der sich daran macht, ein kleines Imperium in diesem Bereich aufzubauen.

2014 gründete der 37-Jährige die AdventureRooms GmbH, die heute in der Schweiz bereits fünf Räume unterhält – und bis nach Kanada und Estland expandiert hat. Pala-cios beschäftigt sich schon seit Jahren mit Rätseln, mit jenen der Natur. Er ist Physiklehrer an einer Berner Schule, wo er 2012 die ersten Rätselexperimente mit seinen Klassen durchführte. Als er dann auf einem Festival einen mobilen Rätselraum sah, war die Idee der Abenteuerräume geboren.

Im Berner Adventure Room haben schon etliche Schulklassen gerätselt. Die Swisscom kam zum Team-Building, das Stadttheater zum Ausflug. Rund 7000 Leute haben sich 2014 darin versucht. Was all diese Menschen fasziniert, ist die Sehnsucht nach einer Extremsituation.

Die Verlockung, ins Geschäft mit der Flucht einzusteigen, ist gross. Umbau, Raumdeko, Kameras: Die Ausgaben sind überschaubar. «Man muss weniger investieren als beispielsweise in eine Bar», sagt die Inhaberin von Zurich Escape, Vladimira Scheidegger. Um dabei zu sein, zahlt man in Zürich je nach Raum zwischen 30 und 45 Franken. Der teuerste Anbieter in der Schweiz sperrt für 49 Franken ein, der billigste für 25.

Im Zürcher Rätselraum geht das Grübeln weiter. Jedes noch so kleine gelöste Rätsel sorgt für kindliche Euphorie. Eine Schublade, ein Kasten öffnet sich. Ein Schritt Richtung Lösung ist geschafft. Wer scheitert, verfällt für Sekunden in Hilflosigkeit. Was nun? Angst braucht hier aber keiner zu haben. Über eine Kamera überwacht der Spielleiter die Geschehnisse. Er kann per Walkie-Talkie Extra-Zeit oder hilfreiche Hinweise geben.

Einige Escape Rooms erinnern an Horrorfilme

Die Bewegung nahm in Japan ihren Anfang: 2007 richtete Takao Kato den ersten Escape Room in Kyoto ein. In dem Inselstaat sind Flucht-Raum-Spiele für den PC schon lange beliebt. Sie zählen zur Kategorie der Adventure-Games, die vor allem in den 1990erJahren auch in Europa Millionen Fans hatten.

Rätseln am Bildschirm reicht den Fans aber nicht mehr. «Viele wollen weg vom Virtuellen», sagt Palacios. Dennoch ist der Bezug zur virtuellen Welt da. Einige Escape Rooms erinnern an Horrorfilme. «Das ist ja wie in ‹Saw›», bekommt Palacios häufig zu hören. In diesem Film müssen Gefangene Aufgaben meistern, um einem labyrinthartigen Trakt zu entkommen – und lassen dabei psychische Gesundheit, Gliedmassen und meist gar ihr Leben zurück.

Die Live Exit Games heute enthalten keine Schnappfallen oder Kreissägen, folgen aber nicht selten auch einem Plot. Mal gilt es eine fiktive Bombe zu entschärfen, mal einen Agenten-Krimi zu lösen. Im Zürcher Rätselraum sind die Spieler auf den Spuren von Wilhelm Tell. Wofür benötigt man die Armbrust an der Wand? Wie viele Pfeile sind noch zu finden – und wofür? Nach einer guten Stunde und ein paar Tipps vom Spielleiter klickt endlich die Türe und öffnet sich einen Spalt. Endlich: Die Erlösung.

Eine Übersicht über Escape Rooms im deutschsprachigen Raum finden Sie hier: www.escape-game.org

Publiziert am 19.04.2015 | Aktualisiert am 07.01.2016
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Peter Gerber

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