Buchautor Rainer Erlinger «Höflichkeit ist zutiefst demokratisch»

Flegel im Tram, Rüpel im Internet: Höflichkeit scheint aus der Mode geraten zu sein. Ein neues Buch widerspricht der gängigen Ansicht und appelliert an innere Werte.

Ein respektvoller Umgang ist im Menschen angelegt – sagt Rainer Erlinger, Autor des Buches «Höflichkeit – vom Wert einer wertlosen Tugend». play

Ein respektvoller Umgang ist im Menschen angelegt – sagt Rainer Erlinger, Autor des Buches «Höflichkeit – vom Wert einer wertlosen Tugend».

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Art, Jurist und Auto: Rainer Erlinger. play
Art, Jurist und Auto: Rainer Erlinger. Andreas Labes / fischerverlage.de

Plötzlich wollen alle nett sein. Denn: «Höfliche Menschen haben mehr Sex und mehr Geld», schreibt der deutsche Autor Rainer Erlinger (50) am Anfang seines eben erschienenen Buches «Höflichkeit». Als Beleg für diese Behauptung zitiert er zwei US-amerikanische Studien der Universität San Diego und der renommierten Harvard University.

Doch bereits im zweiten Abschnitt verfliegt der Ansporn für die Leser, denn Erlinger gibt unumwunden zu: Diese Studien existieren nicht. Schliesslich heisst sein Buch im Untertitel «Vom Wert einer wertlosen Tugend».

Und tatsächlich: Wozu höflich sein, wenn es nichts bringt? Mit rüpelhaftem Benehmen erreicht man ohnehin weit mehr und kann erst noch sein wahres Gesicht zeigen – frei nach dem populären Ausspruch: «Soll ich höflich sein oder ehrlich?»

Auch wenn Erlinger nicht nachweisen kann, dass sich Höflichkeit bezahlt macht – mit seinem Buch will er zumindest belegen, dass man sie nicht wie eine Maske an- und ablegen kann. Erlinger ist davon überzeugt, dass der respektvolle Umgang mit dem Gegenüber im Menschen angelegt ist.

Vom Benehmen bei Hof zur Achtung für andere

Er muss es wissen, denn «Dr. Dr. Rainer Erlinger» beantwortet seit beinahe 15 Jahren Woche für Woche «Die Gewissensfrage» im Magazin der «Süddeutschen Zeitung». «Muss man etwas sagen, wenn die Kassiererin einem zu wenig berechnet hat?» oder «Darf man in einem geliehenen Fahrzeug Mitfahrer transportieren?»: Solche und ähnliche Fragen des Lebens stellen die Leserinnen und Leser dem promovierten Mediziner und Juristen.

Natürlich geht es bei den Fragen auch immer wieder direkt um Höflichkeit, etwa bei dieser: «Soll man älteren Mitmenschen den Sitzplatz anbieten, auch auf die Gefahr hin, dass man ihnen damit unterstellt, alt und gebrechlich zu wirken?» Dieses Thema aus einer «Gewissensfrage» vom Oktober 2014 greift Erlinger in seinem Buch nochmals auf und nennt das Sitzplatz-Anbieten «einen typischen Fall von Höflichkeit, manche sprechen sogar von dem Prototyp».

Bloss: Wer steht heute noch auf, wenn eine ältere Frau sich im vollbesetzten Tram an eine Stange klammert? Selbst Kinder bleiben wie selbstverständlich sitzen.

Ist die Höflichkeit in unserer Gesellschaft am Verkümmern? Erlinger ist nicht so pessimistisch. Die veränderte Sichtweise hat für ihn viel mit dem Wandel des Begriffs zu tun. Das spätmittelhochdeutsche Wort «hoflichkeit» kommt von Hof und meint das akkurate Benehmen gegenüber dem König: die richtige Verbeugung, die passende Grussformel. Also das, was man heute gemeinhin mit Etikette umschreibt.

Das hat längst nichts mehr mit der Gegenwart zu tun. Erlinger schlägt deshalb folgende Definition vor: «Höflichkeit ist ein Verhalten, in dem sich die Achtung für den anderen ausdrückt.» Doch auch diese Achtung ist etwa durch die erkämpfte Gleichberechtigung der Geschlechter einem Wandel unterworfen.

Heute gilt: Eine körperliche Anstrengung, die beide Geschlechter gleichermassen ausüben können, ist beiden zumutbar. Wer einer Frau Fahrdienste anbietet und sie damit von ihrer Fahrpraxis abhält, entmündigt sie. Und ein Mann, der sein Jackett in die Pfütze schmeisst, um der Frau trockene Füsse zu bewahren, macht sich nur lächerlich. Die Achtung des anderen ist heute unabhängig von Geschlecht, Alter oder Rang. «Die Höflichkeit ist somit eine zutiefst demokratische, noch mehr egalitäre Haltung», sagt Erlinger.

Umgekehrt ist aber an einem Ort, der zutiefst demokratisch und egalitär ist, kaum mehr Höflichkeit vorhanden: im Internet. Erlinger widmet der Dreckschleuder unflätiger Kommentare in seinem Buch ein ganzes Kapitel. «Wobei man schon fast zögert, das Wort Höflichkeit in diesem Zusammenhang zu verwenden», so der Autor.

Resigniert hier selbst der Optimist? Hat er angesichts der Internet-Flegel seinen Glauben ans Gute im Menschen verloren? Nichts da: Gerade hier will Erlinger aufzeigen, dass die Höflichkeit nicht bloss eine dünne Lackschicht ist, die abplatzen kann. Dafür analysiert er, weshalb sich im Internet Kommentarschreiber so häufig zu verbalen Entgleisungen hinreissen lassen. Zunächst einmal gehe es darum, sich in der digitalen Welt Gehör zu verschaffen. «Und was tut man, wenn man merkt, dass man nicht gehört wurde?», fragt Erlinger. «Man spricht lauter, dann ruft man, und irgendwann brüllt man.»

Beim Internetkommentar entspreche diese Tonverschärfung folgender Steigerung: Zunächst fügt der Schreiber Ausrufezeichen an, dann setzt er Wörter in Grossbuchstaben, es folgen unhöfliche Formulierungen und schliesslich beleidigende Ausdrücke. Oder wie es unlängst der cholerische Berliner Theaterintendant Claus Peymann (78) formulierte: «Wenn man es nett sagt, merkt es keiner.»

Von Angesicht zu Angesicht ist der Mensch höflicher

Am liebsten posten Kommentarschreiber ihre Beschimpfungen auf Internetseiten von berühmten Personen, denn dort ist die Beachtung des verbalen Gebrülls grösser. «Man könnte das alles auch als die moderne Variante der 15 Minuten Ruhm ansehen, die Andy Warhol jedem Menschen versprochen hat», sagt Erlinger.

Die Ursache für die Unhöflichkeit im Netz sieht er nicht in der viel gescholtenen Anonymität, denn viele Schreiber stehen mit ihrem Namen zum Kommentar. Vielmehr liegt es an der räumlichen Distanz, der fehlenden Tuchfühlung zwischen Absender und Empfänger. «Wenn es für die Höflichkeit einem anderen gegenüber einen Unterschied macht, ob man ihm in die Augen schaut oder nicht, ob man seine Reaktionen bemerkt oder nicht», so Erlinger, «dann bedeutet das, dass das Erkennen des Menschen im anderen höfliches Verhalten auslöst.»

Das ist wie im Krieg: Mit ferngesteuerten Lenkwaffen lässt sich leichter töten als im Nahkampf, wenn man dem Gegner in die Augen schauen und eine Hellebarde über den Schädel ziehen muss.

«Höflichkeit» ist eine perfekte Anleitung zu ein wenig mehr zwischenmenschlicher Wärme – ohne mit der Moralkeule eines Benimmführers aufzuwarten. Und auch wenn der Autor den Nutzen von Höflichkeit wissenschaftlich nicht beweisen kann, nachteilig ist sie bestimmt nicht. Selbst die bärbeissigen Teutonen-Rocker Rammstein singen unverblümt: «Wer ficken will, muss freundlich sein.» Manchmal führt Höflichkeit also doch zu mehr Sex.

Rainer Erlinger: «Höflichkeit – vom Wert einer wertlosen Tugend», S. Fischer

«Geste der Verbindlichkeit und der Verbindung»: der Handschlag. Getty Images

Tipps vom Fachmann für einen zivilisierten Umgang

Aufstehen
«Richtet man sich nach der Höflichkeit, ist vollkommen klar, dass das Aufstehen eine Geste des Respekts darstellt und man zur Begrüssung deshalb möglichst aufstehen sollte.»

Hände drücken
«Der Handschlag ist eine Geste der Verbindlichkeit und der Verbindung. Er steht dafür, dass man zum Gegenüber steht. Ich bin kein übertriebener Freund des Händeschüttelns.»

Siezen
«Ich bin ein grosser Freund des Siezens. Vor allem in geschäftlichen, beruflichen, öffentlichen und allen nicht wirklich persönlichen oder vertrauten Situationen.»

Tür aufhalten
«Einer der Inbegriffe von Höflichkeit. Es gibt ihn in zwei Varianten: einmal, indem man dem oder der anderen den Vortritt lässt, und einmal, nachdem man selbst die Tür durchschritten hat.»

Danken
«Am besten ist die echte Höflichkeit, in der sich die Achtung für das Gegenüber aufrichtig widerspiegelt. In so kleinen Gesten wie ‹bitte› bei einer Bestellung zu sagen oder auch ‹danke›.»

Respekt zeigen
«Das ist mit das Besondere und Wertvolle an der Höflichkeit: Sie ermöglicht einen zivilisierten Umgang auch dann, wenn man sich nicht mag.»

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Publiziert am 16.03.2016 | Aktualisiert am 19.04.2016
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  • Manfred  Grieshaber aus Zollikon
    16.03.2016
    Die Höflichkeit entwickelte sich bei Hofe und im Umfeld des städtischen Patriziats damit die Leute sich anständig benehmen. Vor 1200 n. Chr. war man oft genauso rüpelhaft wie sich mancher heute in Internet-Foren benimmt. Gerade aus Zürich hat sich hierfür einen äußerst kostbarer Beweis erhalten, die Manessische Liederhandschrift. Das ist eine Art Who is Who der staufischen Polit- und Kunst-Szene. Darin geht es unter anderem um höfliche Umgangsformen, vor allem Frauen gegenüber.