Die grosse Garten-Serie mit Sarah Fasolin: Teil 1 Grün ist die Liebe

Gartenexpertin und -buchautorin Sarah Fasolin zeigt vier ungewöhnliche, verwunschene Gartenparadiese der Schweiz. Heute: Der Farngarten.

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Man stelle sich vor: Ein Ehepaar lässt sich scheiden, bloss um sein grosses Gartenprojekt zu retten. Zu nichts anderem entschlossen sich der preussische Fürst Hermann von Pückler-Muskau und seine Frau Lucie im Jahre 1826. Sie waren dabei, in Muskau an der heutigen deutsch-polnischen Grenze einen riesigen Landschaftsgarten anzulegen. Doch dann ging den beiden das Geld aus, und als Ausweg entwarfen sie folgenden Plan: Pückler sollte sich in England eine wohlhabende Frau suchen, damit wieder Geld für die Vollendung des Projekts zur Verfügung steht.

An Tessiner Steillagen seilen sich Gärtner fürs Jäten an

So kompromisslos wie Pückler investieren zwar nur wenige in ihre Gärten. Aber die Leidenschaft, sich mit Pflanzen und Gehölzen eine eigene schöne Welt zu schaffen, bringt noch heute Wunderschönes hervor. Dabei ist weder die Grösse noch die Lage eines Grundstücks entscheidend. Auch nicht, ob jemand schon sein halbes Leben lang gärtnert oder erst vor kurzem damit angefangen hat. Ebenso unwichtig ist der berufliche Hintergrund. Vom Buschauffeur bis zum Schlossbesitzer – das grosse Gartenfieber kann jeden packen.

Wer Gärten in der Schweiz besucht, wird viele dieser Menschen kennenlernen. Im Tessin gibt es Anlagen, die so steil sind, dass sich die Besitzer für die Jätarbeit anseilen müssen. Auch an scheinbar unmöglichen Orten gibt es Gärten. Zwischen zwei Mauerverstrebungen der Münsterplattform in Bern etwa liegt ein hübsches Fleckchen, obwohl dort kaum ein Sonnenstrahl hinkommt. Und in Oeschgen AG im Fricktal gärtnern die Leute zwischen den Betonhöckern einer ehemaligen Panzersperre.

Kurzum: Gärten sind so verschieden wie die Menschen, die sie gestalten. Einige verfolgen ein klares Ziel, eine Idee, die jedem Handgriff zugrunde liegt. Es gibt Biotope, in denen nur weiss blühende Pflanzen toleriert werden oder wo eifrig gesammelt wird: Farne, Pflanzen zum Färben oder auch einfach nur Rosen oder Stauden. Andere wiederum folgen einem ureigenen Gestaltungskonzept, visualisieren Musik im Garten, wie unser Porträt auf Seite 8 zeigt, lieben Formgehölze über alles, oder aber sie schaffen Rettungsinseln für bedrohte Pflanzen und Tiere.

Gartenarbeit ist gesund

Und auch wenn sie sich in ihren selbst gestalteten Paradiesen abmühen, Stunden darin verbringen, manchmal die Zeit vergessen und sich abends mit schmerzendem Kreuz aufrichten: Im richtigen Masse sind Gartenarbeiten gesund und haben einen positiven Einfluss auf unser Wohlbefinden. Dies haben mehrere medizinisch-wissenschaftliche Studien belegt. Stress und depressive Stimmungen werden abgebaut, Vitamin D getankt, man bewegt sich und übt eine Tätigkeit aus, die Sinn stiftet.

Gemäss Untersuchungen soll es in Quartieren mit grossem Garten- und Grünflächenanteil sogar weniger Suizide geben als in Betonbrachen ohne Pflanzen. Und Patienten, die aus Spitalbetten ins Grüne blicken, brauchen durchschnittlich weniger schmerzstillende Medikamente. Auch in der Schweiz wird in diesem Bereich geforscht. An der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften etwa will man derzeit herausfinden, was für einen Einfluss Gärten und Grünräume auf die Lebensqualität älterer Menschen haben.

Egal, wie intensiv und ausgeprägt Naturfreunde zu Häckerli und Samensäckli greifen – der Grossteil der Bevölkerung hat einen grünen Daumen. Dies zeigte überraschend deutlich eine Online-Studie, die vor zwei Jahren das Meinungsforschungsinstitut marketagent.com durchgeführt hatte. Von 500 schweizweit befragten Personen gaben über 70 Prozent an, in irgendeiner Form zu gärtnern – rund ums eigene Haus, im Schrebergarten oder auf Balkonia.

  • Im Minigarten von Heidi Kreis wachsen über 110 verschiedene Farnarten.   Sarah Fasolin  
    Garten-Serie Teil 1 Der Farngarten

    Die meisten von uns lieben Pflanzen, die üppig blühen und wunderbar duften. Heidi Kreis hingegen hat ihr Herz an Farne verloren. Dabei besitzt sie selber kein Land, sie wohnt seit bald 50 Jahren mitten in der Stadt Luzern in einem Wohnblock. Neben den Wäscheleinen im Hof aber gabs ein Stück ungenutzten Rasen, dort komponierte sie ihre hübsch arrangierte Naturwelt. Ein liebevoll gestalteter Minigarten, in dem über 110 verschiedene Farnarten wachsen: der Elefantenrüsselfarn, der Rotschleierfarn, der Wendeltreppenfarn und viele andere. Die gelernte Damenschneiderin schuf jedem ihrer Lieb­ linge die passenden Lebensbedingungen. Denn einige mögen ein wenig Sonne, andere überhaupt keine. Die einen lieben Mauerritzen und spriessen aus einer Trockensteinmauer, andere bevorzugen ein feuchtes Mikroklima und stehen entsprechend direkt am Teich.

    Sogar im Wasser sind welche zu finden: Der Schwimmfarn ist der kleinste von Heidi Kreis’ Schützlingen, seine Blätter bedecken nicht einmal eine Fingerkuppe. «Diese grosse, von den meisten kaum beachtete Vielfalt fasziniert mich sehr», sagt Heidi Kreis. Und dass es sich um eine der ältesten Pflanzen dieser Erde handelt: Farne wachsen gemäss fossilen Funden seit 400 Millionen Jahren auf unserem Planeten.

    So genügsam Farne auch sind: Ihre Art, sich fortzupflanzen, ist ein wenig komplizierter als bei anderen Pflanzen. Denn Farne vermehren sich durch Sporen, aus denen entwickelt sich erst ein Vorkeim, und erst danach die eigentliche Pflanze. Heidi Kreis schafft es trotzdem, aus Sporen junge Farne zu ziehen. Man könnte meinen, sie befasse sich schon ein Leben lang mit diesen Pflanzen – so viel, wie sie weiss, und so geschickt, wie sie mit ihnen umgeht. Aber weit gefehlt. Erst vor zehn Jahren wurde die 74-Jährige mit ihrem Mann auf Farne aufmerksam. Die beiden hörten vom Verein Farnfreunde der Schweiz, wurden neugierig, besuchten einige Veranstaltungen und traten dem Zirkel schliesslich bei. Wenig später fing Heidi Kreis an, das Stück Rasen hinter ihrer Mietwohnung in eine romantische, grüne Insel zu verwandeln.

Im Zuge des verdichteten Bauens gehen jedoch (Schreber-)Gärten und andere Grünflächen zusehends verloren. Um auf diese Problematik aufmerksam zu machen, wurde das Jahr 2016 zum nationalen Gartenjahr erklärt.

Die Kampagne, die unter dem Patronat von Bundesrat Alain Berset steht, funktioniert als Plattform von über 500 Veranstaltungen. In allen Landesteilen finden zum Beispiel Ausstellungen, Referate oder Führungen zum Thema Gärten, Grünräume und deren Bedeutung statt. Die breite Palette der Anlässe zeigt, wie vielfältig das Thema Garten in der Schweiz verstanden und gelebt wird, sei es im öffentlichen oder im privaten Raum.

Dabei gehörte die Schweiz in der Geschichte der Gartenkultur nie zu den Trendsettern. Hierzulande wurden die grossen internationalen Kunststile der Renaissance, des Barocks oder der Landschaftsgärten immer nur kopiert und auf die kleinräumlichen Verhältnisse adaptiert. Zwar sind die im 19. Jahrhundert zum ersten Mal angelegten Alpengärten in den -Bergen eine Schweizer Spezialität, deren Zeugen noch heute existieren. Aber die wegweisenden Gartennationen waren stets andere: Italien, Frankreich, England oder Deutschland.

Die grüne Kultur erlebt seit den 1980ern eine Renaissance

In der Gartenkultur der Gegenwart steht die Schweiz für einmal nicht im Abseits: So wie bei uns stehen Gärten in ganz Europa hoch im Kurs. Seit den 1980er-Jahren erlebe die grüne Kultur eine regelrechte Renaissance, so die These des deutschen Gartenhistorikers Hans von Trotha.

Einen der Gründe sieht von Trotha in der allgemeinen politischen Lage. «Je unsicherer die Welt uns erscheint, je mehr haben Gartencenter Hochkonjunktur», sagt er. Und je mehr Menschen sich mit dem Thema beschäftigen, umso mehr entstehen auch herausragende Werke. Für von Trotha spiegelt sich in einem Garten immer beides: der persönliche Ausdruck eines Menschen, aber immer auch ein Stück Zeitgeist.

Übrigens: Fürst Hermann von Pückler-Muskau reiste in den 1820er-Jahren zweieinhalb Jahre lang durch England und versuchte verzweifelt, eine reiche Frau zu finden. Mit flammenden Liebesbriefen hielt er seine geschiedene Frau auf dem Laufenden, blieb aber ohne Erfolg. Stattdessen veröffentlichte Pückler in der Folge ein Buch über seine Brautschau – und dieses verkaufte sich derart gut, dass er von den Einnahmen seine Gartenträume weiterleben konnte.Seine Parkanlagen in Bad Muskau und Branitz im Osten Deutschlands gehören heute zu den bedeutendsten in Europa.

Morgen: Der Naturgarten

In Lanzernhäusern (BE) wird Artenschutz grossgeschrieben.

Publiziert am 16.06.2016 | Aktualisiert am 16.06.2016
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