Unverständliche Codes in der Abrechnung Wie Ärzte Kasse machen

In der Schweiz verschicken Ärzte jährlich 70 Millionen Rechnungen. Sie strotzen vor Abkürzungen und Codes. Mit Software lassen die sich bald entziffern.

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Präsentiert der Arzt die Rechnung, verstehen Patienten oft nur Bahnhof. play
Präsentiert der Arzt die Rechnung, verstehen Patienten oft nur Bahnhof. Getty Images

 

MiGeL, TP, TPW AL, M2, 001. Alles klar? Nein? Nicht verwunderlich, denn laut einer Umfrage des Internet-Vergleichsdienstes Comparis können zwei Drittel der Patienten die Kürzelsprache auf der ärztlichen Abrechnung nicht entziffern. Konsumentenschützer und die Verbindung Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH) fordern deshalb seit langem, dass Arztrechnungen auch für Laien verständlich sind. «Es liegt im Interesse von uns Ärzten, dass die Patientinnen und Patienten ihre Rechnung überprüfen können», sagt Urs Stoffel, Mitglied des FMH-Zentralvorstands.

Das vor zwölf Jahren eingeführte Tarifsystem Tarmed hat eine für die ganze Schweiz einheitlich strukturierte Arzt- und Spitaltarifliste geschaffen. «Die Ärzteschaft ist deshalb verpflichtet, dieses Tarif-Formular für die Rechnungsstellung zu nutzen», sagt Stoffel. Um Kosten zu sparen, müsste für Krankenkassen die Möglichkeit bestehen, die codifizierte Rechnung automatisch einzulesen. Gleichzeitig ist unbestritten, dass die Abrechnung auch für Laien verständlich sein soll. Stoffel: «Wir wollen also die Quadratur des Kreises.»

Bundesgesetz verlangt verständliche Rechnungen

Auch der Krankenkassenverband Santésuisse bemüht sich seit längerem, mit den Leistungserbringern eine Lösung zu finden. «Im Rahmen der laufenden Tarmed-Revision sollte man dieses Thema wieder aufgreifen», sagt Pressesprecher Christophe Kaempf. So sollte etwa auf der Rechnung einfach nachvollziehbar sein, wie lange eine Behandlung tatsächlich gedauert hat. Kaempf: «Auf den heute verwendeten Formularen ist dies nicht transparent vermerkt, obwohl das Bundesgesetz über die Krankenversicherung eine detaillierte und verständliche Rechnung für Patienten fordert.» Bezweifle der Versicherte, dass die Angaben auf der Rechnung korrekt sind, solle er deshalb direkt seine Ärztin oder seinen Arzt um Klärung bitten.

Neue App übersetzt ab 2017 Mediziner-Latein

Abhilfe versprechen Software-Programme. «Dadurch kann der Arzt neben dem komplizierten Rückerstattungsbeleg eine zweite, für den Patienten verständlichere Rechnung ausdrucken», sagt Urs Stoffel von der FMH. Bis anhin bieten aber nur wenige Praxen diesen zusätzlichen Service an.

Für mehr Transparenz bei den unübersichtlichen Arztrechnungen könnte bald eine App sorgen, die der Unfallversicherer Suva gemeinsam mit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften entwickelt. «Wir möchten damit dem Versicherten die Möglichkeit geben, offensichtliche Abrechnungsfehler zu korrigieren», sagt Rolf Schmidiger, Strategiemanager bei der Suva.

Das neu entwickelte System enthält einen umfassenden Wortschatz, der die medizinische Fachsprache in für Laien verständliche Begriffe übersetzt. Es steht in drei Landessprachen sowie in Englisch zur Verfügung. «Wir sind bereits jetzt über unseren Internetservice in der Lage, beliebige Arztrechnungen maschinell in eine verständliche Sprache zu übersetzen», so Schmidiger. Dieser Internetservice ist die technische Basis für die geplante App. Schmidiger: «Die Suva wird eine Pilotversion der App im ersten Halbjahr 2017 ausgewählten Kundinnen und Kunden verfügbar machen.»

Mit Übersetzungshilfen und einigen Links können auch Laien die Arztrechnung entziffern:

  1. Die Diagnose ist im sogenannten Tessiner Code angegeben. Er setzt sich aus einem Grossbuchstaben und einer Zahl zusammen. M2 steht zum Beispiel für psychische Erkrankungen. www.marcmuret.ch
  2. Wenn Ärztinnen und Ärzte ihren Patienten Rechnungen stellen, wenden sie dabei den Tarmed-Code an. So steht etwa die Ziffer 04.03.06 für Narben- und Weichteilkorrektur. www.tarmedsuisse.org
  3. Die Analysenliste (AL) ist ein landesweiter Amtstarif, den das Bundesamt für Gesundheit erstellt und pflegt. www.bag.admin.ch
  4. Die Spezialitätenliste (SL) enthält alle Medikamente, welche die Grundversicherung deckt. www.bag.admin.ch
  5. Die Dauer der Konsultation entschlüsselt sich wie folgt: 00.0010 steht für die ersten fünf Minuten, 00.0020 für weitere fünf und 00.0030 für die letzten fünf Minuten.
  6. Die Abkürzung MiGeL steht für die Liste der Mittel und Gegenstände, die die Grundversicherung abdeckt. www.bag.admin.ch
  7. Eine Beispielrechnung mit Erklärungen zu den einzelnen Punkten gibts unter: www.monsieur-sante.ch – im Suchfeld «Arztrechnung» eingeben, und dann «Deine Arztrechnung, das unbekannte Wesen» anklicken.
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Publiziert am 05.12.2016 | Aktualisiert am 05.12.2016
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