12 Fragen und Antworten Was Angehörige bei Depressionen wissen sollten

Wie erkennen, wie therapieren? Wir beantworten die 12 wichtigsten Fragen zum Thema Depressionen.

Was ist Depression und wie kann man sie behandeln? play

Je früher sich Betroffene therapieren lassen, je besser sind ihre Aussichten.

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Was ist eine Depression?

Eine Depression ist eine psychische Störung mit folgenden Hauptsymptomen: gedrückte Stimmung, Interesselosigkeit, Freudlosigkeit sowie Antriebsstörung. Hinzu kommen Schuldgefühle, Zweifel am Selbstwert, Hilf- und Hoffnungslosigkeit, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen und Gedanken an Suizid. Treten die Symptome mindestens zwei Wochen lang auf, sollte man Abklärungen treffen.

Welche Formen der Depression gibt es?

Unterschieden werden leichte, mittelgradige und schwere Depressionen – mit/ohne körperlichen oder psychotischen Symptomen (z. B. Verfolgungsängste). Und ob Depressionen wiederkehren. Eine eigene Form ist die bipolare Störung: mit wechselnden Phasen von Depression und Manie ­(Hyperaktivität). Untergruppen sind die seltenere Winterdepression, ver­ursacht durch einen Mangel an Sonnenlicht – oder die Depression nach der Geburt, die postnatale Depression.

Was löst eine Depression aus?

Es gibt meist nicht einen Grund, sondern mehrere: Die Gene, also die Veran­lagung, spielen eine Rolle, frühkindliche Belastungen auch. Zudem das aktuelle soziale Umfeld und wie dort miteinander umgegangen wird. Weitere Faktoren sind die Handhabung von Stress und die Dauer belastender Situationen: Chronischer Stress kann krank machen. Auch körperliche Ursachen können Grund für eine Depression sein.

Wie wird eine Depression behandelt?

Bei einer leichten Depression reicht mitunter eine stützende psychotherapeutische Begleitung. Bei mittelschweren bis schweren Depressionen kommen Medikamente (Antidepressiva) zur Psychotherapie hinzu. Eine stationäre Behandlung (ein bis drei Monate) ist bei ausgeprägten Suizidgedanken oder bei erheblichen Pro­blemen in der Alltagsbewältigung angezeigt. Bei therapieresistenten und chronischen Depressionen erweist sich die Elektrokonvulsionstherapie (EKT) als besonders hilfreich. Neben der EKT wird – als neue Option – auch die transkranielle Magnetstimulation ange­boten. Hier regen Magnetfelder das Gehirn an. Hilfreich kann überdies ein einmaliger Schlafentzug sein: ab 1.30 Uhr bis zum folgenden Abend.

Wie wirken Antidepressiva?

Das Gehirn besteht aus Milliarden von Nervenzellen, die miteinander über Schaltstellen (Synapsen) kommunizieren. Damit diese Kommunikation funktioniert, braucht es Botenstoffe als bindendes Glied. Im Gehirn sind das vor allem Serotonin und Noradrenalin. Antidepressiva beeinflussen den Stoffwechsel dieser Botenstoffe. Zudem regulieren Antidepressiva die Ausschüttung und die Menge von Stresshormonen, etwa von Cortisol. Ein Zuviel dieser Hormone kann dazu führen, dass sich jemand nicht mehr an Stresssituationen anpassen kann – und beispielsweise unter chronischem Stress nicht mehr schläft. Trotz aller Kenntnisse sind viele Wirkmechanismen der Anti­depressiva aber nicht ­abschliessend geklärt.

Forscher entdecken erst langsam Gene oder andere Marker, die anzeigen, ob jemand auf ein Antidepres-sivum anspricht. Gentests sollen in Zukunft helfen, das geeignete Antidepressivum schneller zu finden und in der individuell richtigen Dosis zu verabreichen.

Welche Antidepressiva gibt es?

Die meisten Antidepressiva beruhen noch immer auf dem Wirkprinzip des ersten: Imipramin. Dieses entdeckte in den 1950er-Jahren der Schweizer Psychiater Roland Kuhn. Neue Anti­depressiva wirken allerdings gezielter (selektiver) und haben dadurch weniger Nebenwirkungen. Machen beispielsweise wenige müde oder beeinträchtigen die Konzentration weniger. Ein teilweise neues Wirkprofil hat Agomelatin, das den Tag-Nacht-Rhythmus stabilisiert.

Wie lange darf man ­Antidepressiva einnehmen?

Es gibt keine zeitliche ­Begrenzung. Antidepressiva kann man lebenslang einnehmen. Entgegen vieler Annahmen verändern sie auch die Persönlichkeit der Betroffenen nicht. Eher legen die Medikamente jene Charaktereigenschaften frei, die man vor der Krankheit hatte. Grundsätzlich gilt: Nach einer Depression sollte man Antidepressiva für sechs bis zwölf Monate ­einnehmen und nur langsam unter ärztlicher Begleitung absetzen. Oder erhöhen. ­Nebenwirkungen – etwa ­sexuelle Störungen – unbedingt dem Arzt, der Ärztin melden und nicht einfach ertragen. Und nie selber an der Medikation schrauben. Denn sonst droht eine neue Depression.

Ist eine Psychotherapie zwingend?

Bei mittelschweren bis schweren Depressionen gehört sie mit dazu – in Kombination mit Medikamenten. Studien belegen die gute Wirkung der Psychotherapie. Das heisst aber auch, dass sie Nebenwirkungen haben kann. Deshalb nicht irgendeinen Therapeuten wählen, sondern sich gut darüber informieren, welche Therapien dieser anbietet und welche Ausbildung er hat. Wichtig: Die Chemie zwischen Therapeut und ­Patient muss stimmen. Trifft das nicht zu – weitersuchen!

Gibt es Psychotherapien, die besonders helfen?

Zu den wirksamen Psychotherapien bei Depressionen zählt die Kognitive Verhaltenstherapie (KBT): Der Therapeut unterstützt den Patienten darin, neue Lösungen für seine Probleme zu finden und negative Denkmuster und Verhaltensweisen abzulegen. Bei schweren Depressionen hilft insbesondere die Schematherapie. Sie macht alte Verhaltensmuster bewusst und wie man diese überwinden kann. CBASP (Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy; systematische psychodynamische Verhaltens- und Gedankenanalyse) ist eine Weiterentwicklung der KBT und speziell auf die Schwierigkeiten und Bedürfnisse chronisch depressiver Menschen zu­geschnitten. Auch jene Formen, die helfen, sich selber wahrzunehmen und mit ­Gefühlen besser umzugehen, haben sich bei der Depression als wirksam erwiesen. Dazu gehören die Akzeptanz- und Commitment-Therapie, die achtsamkeits-basierte kognitive Therapie, die emotionsfokussierte Therapie. Diese kombinieren Elemente wie Meditation, Atemübungen oder achtsame Körperübungen.

Infos zu den Psychotherapien:
Schweizer Psychotherapeuten­verband: www.psychotherapie.ch
Schweizerische Gesellschaft für ­Psychiatrie und Psychotherapie: www.psychiatrie.ch

Hat Sport eine antidepressive Wirkung?

Studien zeigen, dass uns Bewegung weniger depressiv werden lässt. Dazu ist kein Leistungssport nötig, Alltagsbewegung reicht. In Studien liefen Teilnehmer gerade einmal 14 Minuten am Tag und wurden weniger depressiv. Das hängt wohl mit der stärkeren Ausschüttung von Botenstoffen im Gehirn zusammen. Zentral ist aber die Regelmässigkeit: Ohne Bewegung verpufft die antidepressive Wirkung. Deshalb gilt: Bewegen, so oft es geht!

Kann falsche Ernährung eine Depression auslösen?

Ob Ernährung depressiv macht, ist bislang nicht ­ausreichend untersucht. Darm und Gehirn stehen aber sehr enger Verbindung und beeinflussen sich gegenseitig. Sehr fette und süsse Speisen scheinen z. B. das Risiko für eine Depression zu erhöhen – gesunde Ernährung senkt es. Bei depressiven Menschen sind auch andere Bakterienstämme im Stuhl zu finden als bei gesunden. Deshalb wollen Forscher herausfinden, ob bestimmte Nahrungsmittel oder -bestandteile (wie Probiotika in Joghurt) unsere Stimmung beeinflussen. Auch Vitamin C und D, Magnesium, Zink und ungesättigte Fettsäuren könnten die Stimmung mitprägen.

Kann die ­Depression wieder­kehren?

Nach der ersten Depression erleiden 50 Prozent eine zweite Episode. Nach der zweiten Episode sind es 70 Prozent, nach einer dritten Depression 90 Prozent. Die Rückfallwahrscheinlichkeit lässt sich bei früher und gezielter Behandlung deutlich verringern.

 

Wo kann ich Hilfe holen bei Depressionen?

Telefon 143
Die Dargebotene Hand: Für Menschen in einer schwierigen Lebenslage, die sofort Hilfe brauchen: www.143.ch

Telefon 147
Soforthilfe für Kinder und Jugendliche bei Fragen zu Sexualität, Liebeskummer, ­Familienproblemen etc. – und wenn sie nicht mehr leben mögen: www.147.ch

Selbsthilfe Schweiz
Vermittlung von Selbsthilfegruppen: Betroffene und ­Angehörige können sich mit anderen Betroffenen und ­Angehörigen austauschen. Tel. 0848 810 814

Verein Netzwerk Angehörigenarbeit Psychiatrie
Angehörige von Menschen mit einer psychischen Erkrankung erhalten Unterstützung und Infos: www.angehoerige.ch

APHS Angst- und Panikhilfe Schweiz
Die Patientenorganisation bietet Hilfe und Beratung, Infos und die Möglichkeit zur Diskussion zwischen Patienten, Angehörigen sowie Fachleuten an: Tel. 0848 801 109, www.aphs.ch

SGAD Schweizerische Gesellschaft für Angst und Depression
Informationsplattform für alle Fragen (Prävention, Krankheitsbilder, Forschung etc.) rund um das Thema Angst und Depression: www.sgad.ch

Schweizerische Stiftung Pro Mente Sana
Beratung in sozialen, ­psychologischen und rechtlichen Fragen. Auskunft zu ­Recovery-Gruppen: www.promentesana.ch

Verein Equilibrium
Vermittelt Selbsthilfegruppen und informiert über ­Entstehung, Verlauf und ­Therapiemöglichkeiten bei ­Depressionen: Tel. 0848 143 144, www.depressionen.ch

Stress No Stress
Informationen und Massnahmen für Mitarbeiter und Unter­nehmen zum Thema Stress: www.stressnostress.ch

Selbsttests
Ein erster Schritt – ersetzt aber nie die ärztliche Abklärung:www.zadz.ch/krankheiten/test; www.pdgr.ch/Selbsttest-Depression.1629.0.html

Publiziert am 14.09.2016 | Aktualisiert am 03.11.2016
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9 Kommentare
  •   , via Facebook 17.09.2016
    Die Ernährung bzw. natürliche Vitamine, Spurenelemente, Omeg-3-Fettsäuren, etc. spielen bei Depressionen sicher eine wichtige Rolle und auch, dass es zwischen Therapeut und Patient stimmen muss. Jedoch ist im obigen Beitrag die Kehrseite der Antidepressiva viel zu wenig beleuchtet.
    Noch etwas zum CH-Psychiater Roland Kuhn: "Doch dieser Ruhm gründet auf dem Missbrauch Hunderter ahnungsloser Patienten. Betroffene leiden bis heute, Todesfälle wurden nie untersucht." (Quelle: Beobachter und SRF)
  • Thomas  Hager aus Luzern
    15.09.2016
    Absolut untauglich sind Floskeln wie "Anderen geht es noch viel schlechter an uns", das ist eine untaugliche Solidarität mit dem Kranken die diesen zusätzlich zu Recht am Einfühlungsvermögen des Freundes zweifeln lässt und somit alles nur noch schlimmer macht.

    Wieso wird Alkohol bei diesem Thema nicht erwähnt? Dies ist das weltweit am meisten eingesetzte Antidepressiva.
    • Horwald  Blattmann 16.09.2016
      Alkohol sorgt aber auch erst recht für Depressionen... Wer auf schlechte Laune Alkohl trinkt, ist zwar während des Rausches gut drauf, aber die nächsten 2-3 Tage um so mieser! Und wer nicht ehrlich ist zu sich selbst, schaufelt sich in dem Kreislauf langsam sein Grab!
    • Thomas  Hager aus Luzern
      16.09.2016
      Da haben sie Recht aber ich auch,es ist und bleibt das weltweit am häufigsten eingesetzte Antidepressiva. Antidepressiva wirken auch so, werden sie abgesetzt ist es schlimmer als zuvor. Die Nebenwirkungen dieser Medikamente werden ausserdem unterschätzt.
    •   , via Facebook 16.09.2016
      Es stimmt, dass die NW dieser Medikamente unterschätzt werden. Da (u. a.) gebe ich Ihnen Recht, Herr Hager.
  • David  Brunner aus Wetzikon
    15.09.2016
    Niedergeschlagenheit, Blockade, Lähmung sind Reaktionen von gesunden Menschen auf anhaltende vermeintliche oder wahre Kalamitäten wie Sinnleere, Überforderung, Unrecht, Schuld, Existenzangst, Ohnmacht, Aussichtslosigkeit. Man attribuiert eine psychische Störung und ist kreativ mit Symptomen und Diagnosen. Auch die Chemiekeule dient eher der Stigmatisierung, Abgrenzung und Vermeidung von Verantwortung statt dass die ursächlichen Missstände im Alltag angegangen werden. Das macht wirklich krank.
  • Hans  Uster 14.09.2016
    Was Angehörige vor allem wissen sollten, ist, dass das eine ernstzunehmende Krankheit ist. Aufmunterungen wie "Stell dich nid so ah!", "Riess di mal bitz zämme", etc. nützen rein GAR NICHTS. Die betroffene Person kann einfach nicht. Nur Zeit nützt und eben Antidepressiva.
    • Marcel  Meier aus Reiden
      15.09.2016
      Absolut. Als ich vor 13 Jahren (seither ohne Rückfall gottseidank) eine Depression hatte, war der Topspruch: Geh doch ein bisschen raus an die Sonne, dann geht es Dir gleich besser...

      Draussen und Sonne, so in etwa genau das, was man in einer Depression ganz und gar nicht will...
  • Stefan  Obrist aus Hünenberg See
    14.09.2016
    Die wichtigste Frage wird nicht gestellt resp. beantwortet: Wie erkennt man eine Depression? Gerade bei Freunden, Mitarbeitern oder sogar in der Familie sehr schwierig.