BLICK war bei einer Nierenspende dabei Bruno schenkt seinem Sohn ein zweites Leben

Wegen eines seltenen Gen-Defekts benötigt Marco (26) eine neue Niere. Die seines Vaters Bruno (65). Die BLICK-Reporter Adrian Meyer (Text) und Philippe Rossier (Fotos) haben die Reinhards seit Anfang Jahr begleitet. (Teil 1)

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Gesundheit

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Vier Mal täglich wartet Marco Reinhard (26), bis die zwei Liter Dia­lyseflüssigkeit seinen Körper verlassen. Und zwei frische Liter wieder in ihn hineinströmen. Eine halbe Stunde dauert dies jeweils. Die Flüssigkeit ist klar, eine Zuckerwasserlösung, sie gelangt über einen Katheter in seine Bauchhöhle. Dort bleibt sie mehrere Stunden, entzieht dem Körper über das Bauchfell Giftstoffe. Ein Job, den seine Nieren erledigen sollten. Eigentlich.

Die Krankheit

Doch seine Nieren funktionieren nicht mehr. Marco Reinhard leidet an einem extrem selte­-nen Gen-Defekt, dem Dent-Syndrom. Ein mutiertes Gen auf dem X-Chromosom sorgt dafür, dass die Nieren irgendwann versagen. Trägerin des Defekts war seine Mutter. «Ich bin derzeit der Einzige in der Schweiz mit dieser Krankheit», sagt er. Weltweit wurden bisher bloss wenige Hundert Fälle beschrieben.

Seit seiner Kindheit nahm die Leistung der Nieren langsam, aber stetig ab. Wann diese vollends ausfallen würden, wusste er nie genau. Es hätte in der Pubertät passieren können. Es geschah vergangenen Oktober. Ausgerechnet wenige Tage, bevor er den Arbeitsvertrag für eine neue Stelle hätte unterschreiben können.

Seither reinigt die Dialyse sein Blut. Und seither ist er arbeitslos. Die einzige Lösung, die ihm ein besseres, längeres Leben verschafft, ist eine Nierentransplantation. Doch in der Schweiz fehlt es an Spenderorganen, die Wartelisten werden immer länger. Ende 2014 standen laut Swisstransplant, der Nationalen Stiftung für Organspende und Transplanta­tion, 1062 Menschen auf der Warteliste für Spendernieren. Bis ein Patient eine Niere erhält, wartet er im Schnitt über drei Jahre (siehe Box).

Der Entscheid

Und doch hat Marco seit Monaten einen Termin zur Transplantation: der 30. Januar. Sein Vater Bruno Reinhard (65) spendet ihm die dringend benötigte Niere. Zum zweiten Mal schenkt er seinem Sohn ein Leben.

Dass jemand von der Familie einspringen würde, um dem Sohn ein längeres Leben zu ermöglichen, auf diesen Moment hatten sich die Reinhards jahrelang vorbereitet. «Dass es einmal so weit kommt, sagten die Ärzte bereits bei der Diagnose von Marcos Krankheit», erzählt der Vater. Für die Schwester (24) wäre eine Spende ein zu grosses Risiko, sollte sie irgendwann schwanger werden. Weil die Mutter Trägerin des defekten Gens ist, kommt sie nicht in Frage. Der Vater also. «Meine Niere passt super», sagt er. «Fast wie bei einem Zwillings­bruder von Marco.»

Das zeigten die Untersuchungen. Schon vor Monaten liess er sich während zwei Tagen am Zürcher Universitätsspital gründlich überprüfen. Um sicherzugehen, dass er sich für eine Spende eignet – physisch wie psychisch. Für den Fall, dass die Spende nicht geklappt hätte, steht der Sohn seit Monaten auf der Organwarteliste.

«Von den Eltern eine Niere zu bekommen, ist das Beste, was man sich wünschen kann», sagt Marco Reinhard. Zu wissen, dass er nicht jahrelang an der Dialyse hängen muss, sei eine Erleichterung. Sein Vater ermöglicht ihm ein zweites Leben. «Ich brauche diese eine Niere nicht unbedingt», sagt der Vater. «Also, was solls! Aber wenn es nicht klappt, wäre das eine riesige Enttäuschung.»

Die Einlieferung

Einen Tag vor der Operation steigen die beiden vor dem Zürcher Universitätsspital aus dem Tram. Der Vater lag noch nie auf einem Operationstisch; zur Entnahme seiner eigenen Niere reist er mit dem ÖV an. Während der Fahrt sprechen beide kein Wort, ihre Mienen sind ernst. Sie sind nervös. «Ich weiss nicht, ob man sich auf so etwas überhaupt vorbereiten kann», sagt der Sohn. Beide schlafen im selben Spitalzimmer, der Vater hat es sich so gewünscht.

Ein letztes Mal werden sie untersucht, ein letztes Mal erklären ihnen die Transplantationschirurgen Olivier de Rougemont (35) und Chris­tian Oberkofler (35) im Detail den Ablauf der Transplantation vom nächsten Tag. So wie bereits mehrere Male zuvor. Mit einem schwarzen Stift markieren sie bei Vater und Sohn die Stellen auf dem Oberkörper, an denen sie das Skalpell ansetzen werden. Und zeichnen beim Vater ein Kreuz auf der Körper­seite, aus der seine Niere entnommen wird: rechts.

Die Chirurgen machen dem Vater noch einmal klar, dass er die Operation bis zum letzten Moment absagen kann. Sie wollen kein Risiko eingehen, ihn nicht unter Druck setzen. Denn der Eingriff geschieht aus seinem freien Willen.

«Wir operieren an einem gesunden Menschen», sagt Chirurg Oberkofler. «Normaler­weise geht es unseren Patienten nach der Operation besser. Aber der Vater wird danach ein Leben lang Patient sein. Wir müssen daher perfekt arbeiten.»

In dieser Nacht kann der Sohn kaum schlafen.

Auf dem Weg zur OP

Die Pflegerinnen wecken den Vater um 7.15 Uhr. Seine Nervosität ist verflogen, er lächelt, macht sogar ein Witzchen. «Ich bin nicht mehr nervös, jetzt, wo die Prüfung auf dem Tisch liegt», sagt er. Die Pflegerinnen rollen sein Bett durch die Tür. Dort steht sein Sohn. «Bis später», sagt der Vater leise.

Wenige Minuten danach verschwindet er im Stockwerk F des Universitätsspitals hinter einer Schiebetür, der Schleuse, wie die Ärzte sie nennen. Dahinter bereiten sie ihn für die Operation vor. Und versetzen ihn in Narkose.

Es ist 8.30 Uhr. Der Vater liegt im Operationssaal. Grüne Tücher bedecken seinen Körper. Nur sein Bauch ist freigelegt. Auf eine Stelle leuchtet die Operationslampe hell. Dorthin, wo der Chirurg sogleich sein Skalpell ansetzen wird.

Publiziert am 13.02.2015 | Aktualisiert am 14.02.2015

Es fehlt an Spender-Organen

Bern – Die Warteliste für Spenderorgane wird immer länger: 1370 Personen warteten Ende 2014 laut Swisstransplant auf ein lebensrettendes Organ. Die Mehrheit (1062 Personen) benötigt eine Niere. Ende 2010 waren es noch 800 Personen. Eine Spenderniere erhielten im vergangenen Jahr 296 Per­sonen, davon 120 von Lebendspendern. Im Schnitt sterben bis zu zwei Menschen pro Woche, weil sie vergeblich auf ein Organ warteten. Leichenspenden gab es im vergangenen Jahr nur 117. Organspendekarten: Swisstransplant.org

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Organ-Spenderate bleibt tief

Bern – Die Warteliste für Spenderorgane wird immer länger: 1370 Personen warteten Ende 2014 laut Swisstransplant auf ein lebensrettendes Organ. Die Mehrheit (1062 Personen) benötigte eine Niere. Ende 2010 waren es noch 800 Personen. Eine Spenderniere erhielten im vergangenen Jahr 296 Personen, 120 davon von Lebendspendern. Im Schnitt starben bis zu zwei Menschen pro Woche, weil sie vergeblich auf ein Organ warteten. Bloss 117 verstorbene Spender wurden gemeldet.

Organspendekarten: Swisstransplant.org

7 Kommentare
  • Stefan  Kuster , via Facebook 14.02.2015
    Habe meine Niere auch gerade erst vor 4 Wochen meinem 7 Jährigen Sohn gespendet. Die Versorgung und auch Nachbetreuung im USZ sind absolut hervorragend. Finde es wichtig das solche Sachen immer wieder in den Medien besprochen werden. Der Empfänger kann danach ei Leben führen das um einiges Lebenswerter ist.
    • Niggi  Münger aus Basel
      15.02.2015
      Gratuliere, Herr Kuster!!! Alles erdenklich Gute Ihnen und Ihrem Sohn!
  • Bea  Gräub aus Aargau
    14.02.2015
    Ich hab schon lange einen Organspender ausweis in meinen Geldbeutel mit den andern üblichen ausweisen,was ich von andern auch erwarte
  • Gerry  Kuster 14.02.2015
    Wahnsinn, dafür braucht es Blick im Jahr 2015,für etwas, das andauernd gemacht wird?
    • Max  Meier aus Entenhausen
      14.02.2015
      Sie haben es nicht verstanden. Ich bin erschrocken ab den wenigen Leichenspender. Habe mir sofort den Organspender-Ausweis ausgedruckt. Ich denke um das geht es in diesem Artikel! Die Leute aufwecken!
    • Niggi  Münger aus Basel
      14.02.2015
      Ja, genau dafür braucht es Blick!!! Ich finde es wunderschön, dass der Vater dies macht - und es gibt viel zu wenig Spender - und darum wird es nicht "andauernd gemacht", wie Sie sagen!
    • Monika  Weilenmann aus Dübendorf
      14.02.2015
      Ich nehme an, Herr Kuster hat selbstverständlich seit Jahren einen Spenderausweis....?!