Nach dem Einkaufstourismus setzt der Onlinehandel den Läden zu
Leiser die Kassen nie klingeln

Volle Einkaufszonen, leere Kassen: Der ­Detailhandel steckt in der Krise. Die Jahresumsätze sinken zum zweiten Mal in ­Folge.
Publiziert: 25.12.2016 um 10:46 Uhr
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Aktualisiert: 30.09.2018 um 22:35 Uhr
Bastian Heiniger

Weihnachtsdeko, Kunstschnee und Lichterketten in den Einkaufsstrassen vermitteln ein Gefühl von Geschäftigkeit. Doch hinter den Schaufenstern ist zu wenig los. Viele Läden kämpfen sogar ums Überleben.

Am Freitag wurde bekannt, dass Coop die Aperto-Gruppe schluckt. Ob der Name bleibt, ist unklar. Definitiv verschwinden wird nächstes Jahr Charles Vögele. Nach 60-jährigem Bestehen geht das Modehaus in italienische Hände über – der Modekonzern OVS wird nach und nach in die 163 Filialen einziehen. Totalpleiten und Filialschliessungen gab es auch bei Switcher, Bata, Blackout und American Apparel.

Für den gesamten Detailhandel war 2016 ein Krisenjahr – das zweite in Folge. Schon 2015 schrumpften die nominalen Umsätze durchschnittlich um 2,2 Prozent. Nun sanken sie in den ersten zehn Monaten abermals um zwei Prozent, wie Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BFS) zeigen. Gegen die Misere dürfte auch die lange vor Weihnachten eingeläutete Rabattschlacht nicht mehr helfen.

«Detailhändler müssen immer früher auf Rabatte zurückgreifen», sagt Fredy Hasenmaile (50), Detailhandels-Experte bei der Credit Suisse. «Das zeigt, dass sich die Branche unter Stress befindet und Ertragseinbussen in Kauf nimmt.» Auf Anfrage von SonntagsBlick geben sich Coop, Migros, Manor, Globus, Loeb und PKZ, was das Weihnachtsgeschäft betrifft, zwar noch optimistisch. Doch eine Befragung durch die Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH zeigt: Die Stimmung der Detailhändler ist im Keller – und zwar schon seit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses Anfang 2015 (siehe Grafik). Besonders düster sieht es im Segment Bekleidung und Schuhe aus. Laut Hasenmaile stehen die Händler dieses Jahr vor Umsatzeinbussen von 7,9 Prozent: «Ein katastrophales Ergebnis.»

Hauptgrund sei jedoch nicht mehr der Einkaufstourismus: «Da ist bei den Kunden eine gewisse Ermüdung erkennbar.» Unter verstärkten Druck geraten die Läden wegen der Konkurrenz durch den Onlinehandel. Der erreicht im Bereich Non-Food laut Daten der GfK-Forscher einen Marktanteil von 15, bei Heimelektronik sogar 26 Prozent, Tendenz steigend.

Vergangene Woche verkündete etwa Brack.ch eine Umsatzzunahme im Weihnachtsgeschäft von 30 Prozent innert eines Jahres. Bei anderen Onlinehändlern dürfte es ähnlich aussehen, sagt E-Business-Experte Thomas Lang (48). «Sta­tionäre Geschäfte haben die Digitalisierung lange nicht ernst genommen. Sie wollten nach wie vor, dass die Kunden in die Läden kommen. Das rächt sich nun.»
Erst wuchs der Onlinehandel auf Kosten der Bestellkataloge, jetzt zulasten der Läden. Lang weiter: «Die Detailhändler müssen ihr Geschäftsmodell radikal hinterfragen und dem Kunden wieder einen Grund geben, in den Laden zu kommen.»

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In der Krise stecken vor allem Einkaufszentren. 2015 brachen ihre Umsätze um drei Prozent ein, in diesem Jahr dürfte es ähnlich sein. Rageth Clavadetscher (45), Geschäftsführer des Glattzentrums bei Zürich, weiss, was zu tun ist: «Einkaufscenter müssen stärker zum Marktplatz werden und verschiedene Bedürfnisse abdecken.» Erfolgreich seien Events und Angebote wie Gastronomie, Coiffeur- und Schönheitssalons.Im Februar ziehen neu ein Ärztezentrum und ein digitaler Autohändler ins grösste Shoppingcenter der Schweiz ein. l

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