Ein Ruck geht durch die Coiffeurbranche: Endlich gibt es anständige Löhne für alle Angestellten. Dank dem erneuerten Gesamtarbeitsvertrag (GAV) steigen nicht nur die Mindestlöhne für gelernte Coiffeusen. Neu schliesst der GAV auch Ungelernte verbindlich mit ein.
Einsteiger ohne Ausbildung verdienen nun mindestens 3350 Franken. Bis zum fünften Berufsjahr soll dieser Betrag auf 3800 Franken ansteigen. Einen Lohnzuschlag von 200 Franken gibt es für Mitarbeitende, die Lehrlinge ausbilden. Dem haben die Delegierten des Berufsverbandes Coiffure Suisse mit der Annahme des GAV gestern in Zürich-Oerlikon zugestimmt.
Etablierte Salons, die um Umsätze und ihren Ruf fürchten, können aufatmen. In den letzten Jahren schossen Billigcoiffeure aus dem Boden, die die Preise drücken. Wegen der Lücke im GAV (bislang kein Mindestlohn für Ungelernte) konnten sie ihre Mitarbeiter zu haarsträubenden Tieflöhnen anstellen. In Zürich gab es in den letzten Jahren eine Coiffeurschwemme, in Bern buhlen allein um den Bahnhof ein Dutzend Billigsalons um Kunden – einen Herrenschnitt gibts dort bereits für 25 Franken.
Billigsalons müssen wohl Preise anheben
Michèle Meier (41) aus Basel begrüsst deshalb, dass jetzt auch Ungelernte einen Mindestlohn erhalten. «Ich erwarte dadurch eine Imageverbesserung für unseren Berufsstand», sagt die Mitinhaberin des Salons Kopfwerk mit 17 Coiffeusen. Billigsalons müssten wohl künftig ihre Preise erhöhen, da die Tieflöhne für Angestellte nun nicht mehr möglich seien.
Stephan Müller (54), der in Winterthur ZH Stie's Coiffure betreibt, weiss: «Viele Billigcoiffeure arbeiten mit ungelerntem Personal und zahlen teilweise weniger als 2000 Franken Lohn.» Das gehe nicht und schade dem Ansehen der Branche. Auch Müller rechnet damit, dass das Geschäftsmodell mit Dumpingpreisen nun kaum noch aufgeht: «Dank dem GAV haben wir wieder gleich lange Spiesse.»
Zähe Verhandlungen vor GAV-Abschluss
Dass der erneuerte GAV zustande kam, ist nicht selbstverständlich. Erst nach «zähem Ringen» habe man sich mit den Sozialpartnern einigen können, bestätigt Damien Ojetti (52), Präsident von Coiffure Suisse.
Véronique Polito (40) von der Gewerkschaft Unia sagt: «Erstmals haben die Arbeitgeber realisiert, dass es zu einer Spirale nach unten geführt hat – immer mehr Coiffeursalons stellen Arbeitnehmer ohne anerkannte Ausbildung an.» Die tiefen Löhne hätten auch dazu geführt, dass sich mehr Coiffeusen selbständig machten. «Dieser Trend wird nur umgekehrt, wenn sich die Löhne verbessern», sagt Polito.
Als Nächstes muss der Bund den neuen Vertrag für allgemeinverbindlich erklären. Er gilt dann für alle angestellten Coiffeure schweizweit. Der neue GAV dürfte im vierten Quartal in Kraft treten.