Eltern schauen auf sich selbst
Lehrlingsmisere – Sind die Mütter schuld?

Die Betriebe finden keine Lehrlinge, die Jugendlichen keine Lehrstelle. Das liegt auch an den Eltern, die doch nur das Beste für ihre Kinder wollen.
Publiziert: 07.08.2016 um 00:00 Uhr
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Aktualisiert: 04.10.2018 um 20:29 Uhr
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Bei vielen Eltern sind Handwerksberufe out.
Moritz Kaufmann

Händeringend sucht die Wirtschaft nach Lehrlingen. Letzte Woche waren noch 7109 Lehrstellen unbesetzt. Das heisst aber nicht, dass alle Jugendlichen, die eine Berufsausbildung machen wollen, auch eine Stelle finden. Im Gegenteil, geschätzte 5000 bis 7000 junge Menschen haben keine Lehrstelle und müssen eine Zwischenlösung suchen. Eine paradoxe Situation, welche Experten als «Passungsproblem» bezeichnen: Es will einfach nicht passen zwischen Stift und Stelle.

Doch warum ist das so? Für Urs Casty (50), Gründer der Lehrstellen-Webseite yousty.ch, ist klar: Man muss die Eltern in die Pflicht nehmen. «Eltern haben einen grossen Einfluss auf die Berufswahl.» Gerade weil sich die Jugendlichen in einem «schwierigen» Alter befänden. Laut Casty sind Mütter die Hauptbeeinflussenden der Schüler, wenn es um deren Zukunft geht. «Väter sind beruflich oft voll ausgelastet, wenn ihre Kinder zwischen 13 und 15 alt sind.»

Doch: Zu häufig würden die Mütter ihre Kinder zu lange in deren Wunschvorstellungen bestärken. «Wenn die Tochter zum Beispiel einen der sehr beliebten Berufe wie Tierpflegerin wählen will, dann fehlt es den Eltern oft an Instrumenten, Alternativen aufzuzeigen», sagt Casty. Dabei wäre ein Plan B oder sogar ein Plan C dringlich. Denn die beliebten Lehrstellen sind knapp. Und am Ende landet das Kind im zehnten Schuljahr, während in vielen Betrieben die Lehrstelle zur Leerstelle wird.

«Mütter blenden handwerkliche Talente aus»

Diese These wird von der Wissenschaft gestützt. «Unsere Studien zeigen, dass Mütter bedeutsamer sind als Väter, Coaches oder Rat­geber», sagt Margrit Stamm (65), Professorin für Erziehungswissenschaft. Dies hat Folgen für die Berufswahl. «Mütter blenden die realistischen Fähigkeiten und Interessen, aber auch die Schulmüdigkeit oder die handwerklichen Talente ihrer Kinder mehrheitlich aus», so Stamm. Eltern würden sich auf ein Maximum von vier Berufen konzentrieren. Meist solche mit «Image-Faktor».

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In der Folge fehlt es in Handwerksberufen an Nachwuchs. Das bestätigt Nicole Huisman (49), Marketing-Verantwort­liche beim Schweizerischen Carrosserieverband (VSCI). «Es ist nach wie vor sehr schwierig, qualifizierte Jugendliche für unsere Lehrstellen zu finden.» Auch sie beobachtet, welch grossen Einfluss die Eltern haben. «Die Jugendlichen sind in diesem Alter mit vielem beschäftigt, nur nicht mit der Berufswahl.» Also springt die Mutter in die Bresche. «Die Mütter sind oft näher dran als die Väter. Und sie sind in der Berufswahl oft ehrgeiziger als ihre Kinder.»

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Wirtschaft klärt Eltern auf

Der VSCI hat reagiert. «An den Berufsmessen richten wir uns stark an die Eltern», so Huisman. Etwa mit dem neuen Label «Top-Ausbildungsbetrieb», das Eltern davon überzeugen soll, dass ihre Kinder in guten Händen sind. Zudem setzt Huisman auf Aufklärung in Sachen Karriere. «Wir machen den Eltern klar: Es muss nicht beim Handwerk bleiben.» Die Jugendlichen könnten sich bis zum Meister weiterbilden. «Das ist vergleichbar mit einem Masterstudium.»

Für Margrit Stamm steht fest: «Die Eltern sollten die Berufswahl der Kinder viel entspannter angehen!» Viele Eltern würden die Berufsorientierung nicht als Prozess ansehen, sondern «als Umsetzungsphase ihrer eigenen Vorstellungen». Den Kindern stünden auch nach der Lehre alle Möglichkeiten offen. Die Durchlässigkeit sei etwas vom Besten überhaupt am Schweizer Bildungssystem.

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