BLICK porträtiert Schweizer Pensionierte, die in alle Welt reisen. Und ihren Berufskollegen vor Ort beratend zur Seite stehen.

Patrik Berger


Als Pensionierter kann man den Tag im Schrebergarten verbringen, sich auf einem luxuriösen Kreuzfahrtschiff verwöhnen lassen oder den Tag mit den Enkeln geniessen. Für 700 Schweizer ist das nicht alles. Sie geben ihr über Jahrzehnte erworbenes Fachwissen weiter. Im Kongo, in Albanien oder Nepal – und zwar unentgeltlich. Sie sind Teil des Senior Expert Corps der Entwicklungsorganisation Swisscontact.

BLICK hat das Konditoren-Ehepaar Madeleine (71) und Rolf (75) Klaus aus Bülach ZH besucht. Ihr letzter Einsatz als SEC-Experten führte sie nach Peru. Weiter berichten Maschineningenieur Urs Sennhauser (62), Schreinermeister Pierre Bühler (68) sowie Hotelier Jean-Pierre Lanz (75) von ihren Erlebnissen.

Pierre Bühler (68), Schreinermeister aus Baden-Dättwil AG

«Zeig uns, wie man Treppen macht!»


Pierre Bühler (68), Schreinermeister aus Baden-Dättwil AG, reiste in den Kongo. Er brachte Lehrern bei, wie man Treppen konstruiert. Ein Leben als normaler Pensionierter kommt für ihn nicht in Frage.

Pierre Bühler (68), Schreinermeister aus Baden-Dättwil AG, ist ein Tausendsassa. Neben der Meisterprüfung hat er auch noch die Kunstgewerbeschule absolviert und sich zum Zimmermann ausbilden lassen. Acht Jahre lang führte er einen Betrieb in Genf mit 24 Mitarbeitern.


Stefan Ramseier

Schreinermeister Pierre Bühler inmitten der kongolesischen Berufschullehrer, die er in die Kunst des Treppenbaus eingeführt hat.


Und nach der Pensionierung? «Ich bin nicht pensioniert», sagt er und lacht. «Es wäre mir viel zu langweilig.» Als Selbständiger führt er immer noch kleinere Aufträge aus. Und war im August drei Wochen als SEC-Experte in Bukavu (Kongo). «Erst dachte ich, dass die mein Wissen gar nicht brauchen. Sie bauen tolle Möbel», erinnert sich.

Der Wunsch der 20 Berufsschullehrer, die er ausbildete: «Zeig uns bitte, wie man Treppen macht!» Diesem Wunsch kam Bühler noch so gerne nach. «Ich wollte es ihnen am Computer beibringen, merkte aber schnell, dass das nicht gut ankommt. Die gute alte Wandtafel war das bessere Instrument», sagt er.

Noch heute erzählt er begeistert von Enthusiasmus, mit dem sich die Lehrer an ihre ersten Treppen gemacht haben. Im Kongo fehlt es an Werkzeug, die Bretter werden auf 100-jährigen Maschinen zugeschnitten – ohne Sicherheitsmechanismen. «Ich konnte fast nicht hinschauen», sagt Bühler.

Und doch: «Die ersten Schritte der Berufsschullehrer auf den Treppen werde ich nie vergessen, sie hatten eine Riesenfreude!», so Bühler. Solche Momente würden ihn für die Strapazen der Reisen entschädigen. Er wird wieder zusagen, wenn sein Wissen irgendwo auf der Welt gefragt ist.


Jean-Pierre Lanz (75), Hotelier aus Hofstetten SO, lehrte Hoteliers in den diversen Ländern – hier in der Ukraine –, wie sie ihren Betrieb optimieren können.

«Habe Hoteliers die flexible Preisgestaltung erklärt»


Jean-Pierre Lanz (75), Hotelier aus Hofstetten SO, hat in Kambodscha eine kleine Hotelkette beraten. Er hat dem Personal gezeigt, wie sie die Zimmer im Internet besser verkaufen.

Jean-Pierre Lanz (75) aus Hofstetten SO hat eine beachtliche Karriere in der Hotellerie hinter sich. Er absolvierte die Hotelfachschule in Lausanne und war später unter anderem Direktor im Hotel Intercontinental in Nairobi (Kenia), im Trois Couronnes in Vevey VD und 20 Jahre lang im Zermatterhof in Zermatt VS.

«Ich habe immer 14 Stunden gearbeitet. Nach der Pensionierung hab ich es mit Golfspielen versucht, aber das hat mich nicht erfüllt», sagt er zu BLICK. Viel lieber gibt er sein Wissen weiter. 32 Einsätze hat er schon geleistet. Im Februar 2017 war er in Phnom Penh, Kambodscha. «Ich habe eine kleine Hotelkette beraten, wie sie ihre Zimmer im Internet besser verkaufen können. Und ihnen die flexible Preisgestaltung erklärt.» Dafür musste er sich selber erst weiterbilden.

«Die Leute nehmen meine Hilfe sehr gerne an. Ich versuche, ihnen meine Inputs möglichst an praktischen Beispielen beizubringen», so Lanz weiter. Die von ihm betreuten Projekte verfolgt er von der Schweiz aus weiter. «Aus den Engagements entstehen auch viele Freundschaften. Zu gewissen Hoteliers pflege ich einen jahrelangen Kontakt. Ich besuche sie auch wieder einmal, um zu schauen, wie sie meine Ideen angenommen haben», so Lanz.

Eigentlich wäre demnächst ein weiterer Einsatz in Nicaragua geplant gewesen. «Leider habe ich mich an der Schulter verletzt. Aber sobald ich wieder fit bin, mach ich mich mit Freude ans nächste Projekt.»


Maschineningenieur Urs Sennhauser (62) aus Hettlingen ZH

«Dabei trinke ich gar keinen Kaffee»


Maschineningenieur Urs Sennhauser (62) aus Hettlingen ZH war Mitte Dezember in Albanien. Dort brachte er Berufsschullehrern bei, wie man Kaffeemaschinen flickt.

Urs Sennhauser (62) aus Hettlingen ZH ist Mitte Dezember aus Elbasan (Albanien) zurückgekommen. Der studierte Maschineningenieur hat als SEC-Experte für eine Non-Profit-Organisation Berufsschullehrer Adriano Topuzi beigebracht, wie man Kaffeemaschinen repariert. «Ausgerechnet ich, der noch nie eine Tasse Kaffee getrunken habe, weil ich Kaffee nicht mag!»

Er habe sich in der Schweiz auf den Monat in Albanien vorbereitet. «Ich habe mir Youtube-Filme angeschaut, Pläne von Kaffeemaschinen gezeichnet und Reparaturanleitungen geschrieben», so Sennhauser. Und zwar für Gastromaschinen, aber auch für solche für den Heimgebrauch. «Dem Lehrer hat der Kaffee jedenfalls geschmeckt», sagt er und lacht. Adriano Topuzi wird das erworbene Wissen nun an seine Schüler weitergeben.


Stefan Ramseier

Urs Sennhauser zeigte in der albanischen Stadt Elbasan, wie man Kaffeemaschinen repariert.


«So macht Entwicklungshilfe Spass, ich kann mein Wissen weitergeben und lerne fremde Kulturen kennen.» Sennhauser, der unter anderem bei der BBC und der Ruag gearbeitet hatte, liess sich mit 60 frühpensionieren. «Was, du hörst mit 60 auf?», fragte ihn ein Nachbar erstaunt. Und wies ihn auf das SEC-Projekt hin.

Sennhausers erster Einsatz führte ihn nach Ruanda. An einer Schule für handwerkliche Berufe hat er Lehrer im Sanitärbereich weitergebildet. «Ich werde diesen Einsatz nie vergessen, den direkten Kontakt zur lokalen Bevölkerung, ihre Herzlichkeit», schwärmt er noch heute. Auch für Sennhauser ist klar. «Das war noch längst nicht mein letzter Einsatz!»


Das pensionierte Konditoren-Ehepaar Madeleine und Rolf Klaus (l.) vermittelte Bäckern in Peru ihr Blätterteig-Wissen.

Sie zeigten den Peruanern, wie man Blätterteig macht


Bereits sieben Mal gaben Konditor Rolf Klaus und seine Frau Madeleine ihr Wissen im Ausland weiter. Sie bereuen keine Einzige ihrer Reisen. Sie haben selber viel gelernt und Freunde gewonnen.

Als Rolf Klaus (75) 1958 in Zürich seine Lehre zum Konditor-Confiseur antrat, dachte er nie im Leben daran, dass er Jahrzehnte später sein Wissen in der peruanischen Stadt Arequipa weitergeben würde.

Einen ganzen Monat war er mit seiner Frau Madeleine (71) in Arequipa im Einsatz. Bei einem KMU, einer Bäckereikette mit zehn Filialen, die Hunderte Torten pro Tag produzierten. «Wir haben nur noch gestaunt. Und uns gefragt, was wir da überhaupt sollen», sagt sie.

Die Antwort des Chefs kam sehr schnell: «Zeigt uns bitte, wie man Blätterteig macht!» Rolf Klaus legte sich ins Zeug. «Abends hatte ich Muskelkater vom vielen Auswallen!», erinnert er sich und lacht.

Eine Woche später stand zu seiner grossen Überraschung eine Maschine in der Backstube, die ihm die harte Arbeit abnahm. «Die Peruaner haben uns die Millefeuilles, Cremeschnitten und Prussiens richtiggehend aus den Händen gerissen! So etwas hatten sie noch nie gegessen», sagt Madeleine Klaus.

Ihre Ratschläge seien rund um den Globus fast immer gut aufgenommen worden. «Das Fachwissen ist wichtig. Noch mehr beeindruckt die Leute aber, wenn man auch als über 70-Jähriger noch morgens um vier Uhr in der Backstube steht», sagt Rolf Klaus. Und: «Wichtig ist, dass man die Leute schult, es ihnen einmal vormacht, sie dann aber selber machen lässt und sie korrigiert, wenn sie Fehler machen. Nur das ist nachhaltig.»

Aber man müsse diplomatisch vorgehen. Schulmeisterliches Auftreten komme nicht gut an. «Aber meistens ist nach ein paar Tagen das Eis gebrochen», so Rolf Klaus. Aus den Besuchen ergeben sich Freundschaften. Und Gegenbesuche. «So waren albanische und bulgarische Bäcker auch schon bei uns in Bülach.»

Ihren ersten Einsatz als SEC-Experten hatte das Ehepaar Klaus 2005 in Albanien in der Stadt Dures. «Im armen Land war es sehr schwierig, an die nötigen Zutaten zu kommen», erinnert sich Madeleine Klaus, die sich auf einheimischen Märkten eindeckte. «Früchte gab es immer genug. Aber Haselnüsse waren knapp, da mussten wir improvisieren», so Rolf Klaus. In Albanien waren Croissants und Baguettes der Renner.


Stefan Ramseier

Madeleine (71) und Rolf Klaus (75) aus Bülach ZH


Vier Mal war das Paar aus dem Zürcher Unterland in Nepal. Dort hat Madeleine Klaus vor allem auch im Management geholfen. «Ich musste den Bäckern beibringen, wie sie die Preise für ihre Produkte kalkulieren. Die meisten verkauften sie zum gleichen Preis wie ihr Konkurrent. Daran, dass sie Geld zur Seite legen sollten, falls mal eine Teigmaschine kaputt geht, dachte niemand», erinnert sie sich.

Die beiden sind seit 52 Jahren verheiratet und führten seit 1968 in Bülach eine Konditorei samt Café. Das Geschäft hat mittlerweile Sohn Mischa (48) übernommen. Eines lässt sich Ex-Patron Klaus aber nicht nehmen: «In der Adventszeit backe ich die Christstollen. Ich werde immer wieder nach dem Rezept gefragt. Es geht nicht ums Rezept, man muss das im Gefühl haben», sagt er und lacht verschmitzt.

So funktioniert das SEC-Projekt

Das Senior Expert Corps (SEC) ist ein Projekt der Entwicklungsorganisation Swisscontact. Seit 1979 geben Pensionierte aller Berufsgruppen ihr Fachwissen und Können ehrenamtlich dort weiter, wo es gebraucht wird. 2016 leisteten sie allein 161 Einsätze in 21 Ländern. Es gibt 700 aktive SEC-Experten.

Das SEC verfügt 2017 über ein Budget von 500'000 Franken. «Mit mehr Geld könnten wir noch mehr bewirken, das Interesse ist auf beiden Seiten da», sagt Projektverantwortliche Jane Achermann (37). Die Beratungseinsätze dauern zwischen zwei und zwölf Wochen. Der Flug wird vom SEC bezahlt, Kost und Logis vom beratenen Unternehmen vor Ort. «Wir fördern ganz bewusst die Privatwirtschaft», sagt sie.

Mit einer funktionierenden lokalen Wirtschaft könne man die Bevölkerung in Entwicklungsländern am besten unterstützen. «Wir wollen mit unseren Experten vor Ort etwas bewirken, dass dann nicht einfach wieder versandet», sagt sie. Mehr Infos unter: www.swisscontact.org