Die Schweiz und der Kalte Krieg

Knapp fünf Jahrzehnte lang hielt der Kalte Krieg die Schweiz eisern in seinen Krallen. Im Land herrschte eine Kommunistenhatz wie in keinem anderen Land der Welt. Auf dem Höhepunkt der Hysterie wollte die Schweiz sogar eine Atombombe bauen.

Von 1945 bis 1990 tobt der Kalte Krieg, der in der Schweiz besondere Blüten treibt. Das neutrale Land ist antikommunistisch imprägniert wie kaum ein anderes Land der Welt – Grund dafür ist die geistige Landesverteidigung aus dem Zweiten Weltkrieg, die – neu aufgeladen und um 180 Grad gewendet – in der Nachkriegszeit gegen alles vermeintlich Linke eingesetzt wird. Ein neues Buch wirft nun ein Schlaglicht auf diese bleierne Zeit.

Am Anfang war die geistige Landesverteidigung

Das überhöhte Schweiztum

Die geistige Landesverteidigung ist der gesellschaftlich-politische Kit, der das Land ideologisch durch den Zweiten Weltkrieg und die Bedrohung durch die Nazis trägt. Zugleich bindet sie die politischen Kräfte ideologisch in die militärische Landesverteidigung ein.

Es ist der 9. Dezember 1938. Ein Freitag. Zum ersten Mal seit der Gründung des modernen Bundesstaates 1848 formuliert der Bundesrat eine kulturelle Grundsatzerklärung. Formuliert hat das 50-seitige Papier Kulturminister Philipp Etter, der bodenständige Katholik aus Zug, ein Mann mit einer vibrierenden Stimme und grossem Pathos. Und ausgerechnet dieser Mann gibt seiner Grundsatzerklärung den einschläfernden Titel «Botschaft über die Organisation und die Aufgaben der schweizerischen Kulturwahrung und Kulturwerbung». Es ist, urteilt die «NZZ», «eines der zentralen Dokumente der jüngeren Schweizer Geschichte überhaupt: die Magna Charta der geistigen Landesverteidigung», formuliert aus dem Bewusstsein für die «tiefgreifenden Umwälzungen», die sich im geistigen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben Europas seit dem Ersten Weltkrieg angespielt hätten und ihren «Wellenschlag» werfen bis in die Schweiz.


Philipp Etter (1891–1977): Vater der geistigen Landesverteidigung.


Unter dem Titel «Sinn und Sendung der Schweiz» steht in seiner Kulturbotschaft an die von Faschismus und Nationalsozialismus bedrohte Heimat: «Der schweizerische Staatsgedanke ist nicht aus der Rasse, nicht aus dem Fleisch, er ist aus dem Geist geboren. Es ist doch etwas Grossartiges, etwas Monumentales, dass um den Gotthard, den Berg der Scheidung und den Pass der Verbindung, eine gewaltig grosse Idee ihre Menschwerdung, ihre Staatwerdung feiern durfte, eine europäische, eine universelle Idee: die Idee einer geistigen Gemeinschaft der Völker und der abendländischen Kulturen!» So spricht der Mann, der als Bundesrat das Rätoromanische zur vierten Landessprache erhebt, aber in seiner Kulturbotschaft kein Bekenntnis ablegt zum liberalen Fundament des modernen Bundesstaates Schweiz. Kein Wunder: Der aus gewerblich-bäuerlichem Milieu stammende Etter steht politisch der christlich-berufsständischen alten Eidgenossenschaft näher als der modernen liberalen Demokratie. Und doch liefert ausgerechnet dieser Mann den Kit, der die Schweiz nahezu unversehrt durch die sich anbahnenden Kriegszeiten führt.

Und so ist es vielleicht kein Zufall, dass Philipp Etter es ist, der am 28. August 1939 die Mobilmachung von 80'000 Mann des Grenzschutzes über das Radio verkündet.

Mobilmachung des Grenzschutzes am 28. August 1939.


In Zeiten der äusseren Bedrohung wird die geistige Landesverteidigung im Innern zum Burgfrieden, der sich als allumfassende Staatsdoktrin über das ganze Land legt. Einen sämtliche politischen Kräfte verbindenden nationalen Konsens bedeutet dies freilich nicht. Nationalkonservative verstehen darunter eine schollenverbundene, wehrhafte Bauernnation, die sich an rückwärtsgewandten Idealen orientiert. Bürgerlich-Liberale vertreten die wehrhafte Verteidigung des Bundesstaates von 1848. Und sozialdemokratisch-gewerkschaftlich imprägnierte Schweizer befinden sich in einem gewissen ideologischen Zwiespalt. Ihnen steckt noch die Niederlage vom Landesstreik 1918 und die darauffolgende Restauration der politischen Verhältnisse in den Knochen. Diese Erfahrungen hat den Linken jegliche revolutionäre Romantik ausgetrieben. Was bleibt, sind die parlamentarischen Erfolge der Arbeiterschaft während der Zwischenkriegszeit in den Gemeinden und Kantonen, die nun am Vorabend des Zweiten Weltkriegs kein Sozialdemokrat, kein Gewerkschafter mehr gefährden will. Im Grunde ist dies ein Glücksfall für die Schweiz: Jeder versteht unter der geistigen Landesverteidigung ideologisch etwas anderes, und so neutralisieren sich alle gegenseitig. Der Historiker Georg Kreis spricht in der Rückwärtsbetrachtung von einem «helvetischen Totalitarismus» im Gewande der geistigen Landesverteidigung. Es existieren jedoch auch Zeitgenossen, welche die neue Staatsideologie bereits in den 1930er-Jahren kritisch hinterfragt haben.

Karl Barth, Theologe

«Man braucht kein Hellseher zu sein, wenn man in aller Ruhe konstatiert: Der Nationalsozialismus hat schon nach uns gegriffen; er ist schon da, auch bei uns in der Schweiz. Ich denke da am allerwenigsten an die Frontisten. Ich denke an das unter dem Titel der ‹geistigen Landesverteidigung› ersonnene Spottgebilde eines neuen helvetischen Nationalismus mit dazugehörendem ‹bodenständigem Antisemitismus›.»

Ludwig Hohl, Schriftsteller

«Schweiz. Die Starrheit ergreift nach und nach, ohne dass sie es merken, auch die Besten, und sie werden wie mit einer Glasur überzogen. Du siehst es mit Entsetzen und fürchtest, dass sie nach und nach ganz und gar zementiert werden.»

Jean Rudolf von Salis, Historiker

«Dass dieser Rückzug ins ausschliesslich Nationale, das ins Nationalistische abzugleiten drohte, nicht nur heroisch, sondern auch tragisch war, haben manche von uns bereits damals empfunden. Geistige Landesverteidigung kam in Gefahr, in geistige Selbstgenügsamkeit, ins Glück im Winkel, in Fremdenhass umzuschlagen.»

Im Leben des Schweizer Theologen Karl Barth kristallisiert sich der Widerstand gegen die Nazis, die Kritik an der Neutralitäts- und Flüchtlingspolitik der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs wie auch die Hetze gegen alles vermeintlich Kommunistische der Nachkriegszeit an einer einzigen Person. Der Schweizer Filmproduzent und Regisseur Peter Reichenbach hat diese Zusammenhänge in einem Dokumentarfilm aufgearbeitet. «Gottes fröhlicher Partisan» wird am kommenden Sonntag, dem 9. April 2017, um zehn Uhr in der «Sternstunde Religion» erstmals ausgestrahlt.

Blick.ch zeigt mit freundlicher Genehmigung von der Zürcher C-Films drei kurze Ausschnitte aus diesem bemerkenswerten Streifen.


Karl Barth und die Nationalsozialisten: Ausgewiesen in Deutschland – Aktivdienst gegen die Schweiz.


Karl Barth und der Kalte Krieg: Kritik an der Wiederbewaffnung Deutschlands – er sieht keine Bolschewismus-Gefahr in Europa.


Karl Barth und der Antikommunismus in der Schweiz: Verunglimpft als Staatsfeind.

Den symbolhaften Höhepunkt erreicht die geistige Landesverteidigung bereits vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs: mit der Landi von Mai bis Oktober 1939 in Zürich. Inszeniert wird diese Leistungsschau des Schweiztums von Bundespräsident Philippe Etter, und er lockt mit ihr zehn Millionen Besucher an – mehr als doppelt so viele, wie das Land Einwohner zählt.

Landi-Plakat 1939.

Höhenweg mit 3000 Flaggen von Schweizer Gemeinden.

Bewachter Landi-Eingang.

Kids im Land-«Schifflibach».

Landi-Seilbahn zwischen Riesbach und Enge.

Landi-Kunst – Arbeiter mit Waffenrock: Bronzeskulptur «Wehrbereitschaft» von Hans Brandenberger.

In der «Schweizer Illustrierten» schreibt begeistert der Schriftsteller Alfred Graber zur Landi-Eröffnung:

«Der Gang über den Höhenweg beweist es: Hier spricht die Schweiz selbst, entkleidet von jeglichem Privatinteresse. Dein Land! Du lernst es neu und tiefer begreifen, du lernst – wenn du je gezweifelt hast – wieder glauben. An die Schweiz, an ihre hohe Stellung. Du lernst das Land lieben in seiner Vielfalt und sehen als eine Einheit!»

Der Schreiber ist von jenem Landi-Geist imprägniert, wie seine ganze Generation.

Am 1. September 1939, noch während die Tore der Landi geöffnet sind, geht in Deutschland ein historischer Satz aus dem Munde Adolf Hitlers über den Äther: «Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen.» Der Überfall der Nazis auf Polen markiert den Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Übereifer der Staatsschützer

Die grosse Kommunistenhatz

Mit Kriegsende driftet die unversehrte Schweiz stärker als andere Nationen in einen militanten Antikommunismus ab. Der Aufstand in Ungarn gegen das kommunistische Regime löst hierzulande eine Welle der Solidarität aus.

Fast nahtlos mündet die ursprünglich gegen die nationalsozialistische Gefahr ausgerichtete geistige Landesverteidigung nach 1945 in den Antikommunismus der Nachkriegszeit. Die ehemalige Staatsdoktrin wird neu aufgeladen, gewissermassen um 180 Grad umgepolt und als ideologisches Bollwerk gegen die Infiltration durch kommunistisches Gedankengut eingesetzt. In einem Bericht des Bundesrates «zur linksextremistischen Bewegung in der Nachkriegszeit» aus dem Jahr 1946 heisst es: «Die kommunistische Bewegung in der Schweiz erfordert die Aufmerksamkeit der Behörden wegen ihrer revolutionären Tendenzen und ihrer ausländischen Beziehungen. Aus gelegentlichen Äusserungen schweizerischer Linksextremisten geht jedenfalls hervor, dass sie unter günstigen Umständen auch vor einem gewaltsamen Umsturz unserer verfassungsmässigen Ordnung nicht zurückschrecken.»

Während sich Sozialdemokratie und Gewerkschaften in diesen antikommunistischen Konsens eingliedern, wird die kommunistische Partei der Arbeit (PdA) mit dem Stigma des Landesverräters belegt, die am Gängelband des russischen Diktators Josef Stalins agiert. Die Partei war 1944 als Nachfolgeorganisation der während der Kriegsjahre verbotenen Kommunistischen Partei der Schweiz (KPS) gegründet worden. In der Blütezeit zählt sie über 19’000 Mitglieder; 1947 ist sie mit sieben Nationalräten in der grossen Kammer vertreten.

Als im Februar 1948 in der Tschechoslowakei die Kommunisten in einem Umsturz die Macht im Lande übernehmen, verschärft der Staatsschutz in der Schweiz die Praxis gegenüber allem, was nach Linksextremismus riecht. Mitglieder und Sympathisanten der PdA werden nun systematisch registriert, und mit einem Beschluss gegen «extremistische Bundesbedienstete» werden Bewerber aus diesen politischen Kreisen vom Staatsdienst ausgeschlossen. Der Justizminister und Bundesrat der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (heute SVP), Eduard von Steiger, begründet es so: «Man kann nicht im Staatsdienst arbeiten wollen und gleichzeitig gegen diesen wirken und ihn unterminieren.»

Wie fleissig der Staatsschutz ans Werk geht, zeigt sich exemplarisch bei Theo Pinkus. Der Schweizer Buchhändler und Publizist war Ende der 1920er-Jahre in Berlin von Wilhelm Pieck, dem späteren DDR-Präsidenten, in die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) aufgenommen worden. Zurück in der Schweiz, wird Pinkus nach dem Krieg zu einem führenden Kopf der PdA und gerät in der Heimat ins Visier der Staatsschützer. Seine Fiche ist umfangreicher als bei jedem anderen und umfasst schliesslich 240 Bundesordner.

Im Eifer nehmen die Staatsschützer jeden ins Visier, der irgendwie mit der Sowjetunion in Verbindung gebracht werden kann. Besonders krass ist der Fall von Helene Fausch-Bossert, einer Mundartdichterin, die im Jahre 1953 mit der Basler Frauenvereinigung für Frieden und Fortschritt (BFFF) auf Einladung einer sowjetischen Frauenorganisation eine bezahlte Reise durch die UdSSR unternimmt. Sie ist eher unpolitisch und an Russland lediglich kulturell interessiert. Sofort wird sie verdächtigt, Kommunistin zu sein. 1953 verliert sie aus diesem Grund ihren Job als Mitarbeiterin beim Radiostudio Basel. Rehabilitiert wird sie erst im Jahre 1970.

Kommunistenfeind: Bundesrat Eduard von Steiger (1881–1962).

Im Visier des Staatsschutzes: PdA-Mitglied Theo Pinkus (1909–1991).

Als Kommunistin verdächtigt: Helene Fausch-Bossert (1907–1999).

Im Herbst 1956 gehen in Ungarn die Studenten gegen die kommunistische Partei und die sowjetische Besatzungsmacht für Freiheit und Demokratie auf die Strasse. Der Aufstand wird von russischen Panzern brutal unterdrückt. In der Schweiz löst dies eine bislang noch nie da gewesene Solidaritätswelle aus. Die Bevölkerung schickt Socken, Hemden, auch Teigwaren, ja sogar Würste und Penizillin nach Budapest, und die Schweiz gewährt schliesslich über 10'000 Ungarnflüchtlingen Asyl. 1956 wird für die vor dem Zweiten Weltkrieg Geborenen das, was 1968 für die Nachkriegsgeneration werden sollte: der Urknall der Politisierung einer ganzen Generation. So auch für die spätere Bundesrätin Elisabeth Kopp. «Es war Kalter Krieg», sagt sie, «und praktisch alle Schweizerinnen und Schweizer waren Antikommunisten.

Panzer gegen die Freiheit in Ungarn. Quelle: Film Archiv Austria.

Militärs ausser Kontrolle

Atombomben für die Schweiz

Zu Hochzeiten des Kalten Krieges wird im Dreieck von Wissenschaft, Militär und Politik an einem hochgeheimen Projekt gearbeitet: den Plänen für eine Schweizer Atombombe.

In den zwei Jahrzehnten nach Ende des Zweiten Weltkrieges, der Hochzeit des Kalten Krieges, stellen sich zahlreiche antikommunistisch imprägnierte Köpfe in den Dienst dessen, was sich als zweite geistige Landesverteidigung der Schweiz taxieren liesse. Zwei prominente Vertreter sind der konservative Öffentlichkeitsarbeiter Rudolf Farner mit seinem gleichnamigen Pressebüro in Zürich und Ernst Cincera, FDP-Nationalrat, der als «Subversivenjäger» in die Geschichte eingeht.

«Ein Manipulator der öffentlichen Meinung» sei der promovierte Jurist Rudolf Farner gewesen, ein Gegner alles politisch Linksstehenden, urteilt der Schweizer Historiker Thomas Buomberger. Der Oberst im Generalstab und Zünfter in Zürich hatte sich Ende der 1940er-Jahre in den USA zum Marketing-und Werbe-Profi ausbilden lassen, gründet in der Schweiz eine Werbeagentur und ein PR-Büro und stellt beides in den Dienst des Antikommunismus. In seiner Werbeagentur produziert er Werbung für Coca-Cola oder Philip Morris und propagiert als Bollwerk gegen den Kommunismus die freie Marktwirtschaft und den American Way of Life. Mit seinem PR-Büro betreibt er Lobbying für die Rüstungsindustrie und die Atomwirtschaft und propagiert aus dem Hintergrund die atomare Aufrüstung der Schweizer Armee. «Der Kalte Krieg, der Antikommunismus und der anfänglich skeptisch angenommene American Way of Life waren die Basis für Farners Erfolg», meint Buomberger, «er war die Synthese all der Elemente, die den Kalten Krieg ausmachten.»

Ernst Cincera dagegen ist ein Konvertit. In jungen Jahren bewegt sich der Sohn eines Arbeiters im Umfeld der PdA. Nach einer Reise durch den Ostblock mutiert er zum rabiaten Antikommunisten, wird Zünfter und Mitglied der FDP. An der Zürcher Englischviertelstrasse richtet er ein Geheimarchiv ein, wird zum «Archivar des Bösen», wie er sich selber nennt. In seiner Tausende von Namen umfassenden Subversiven-Kartei findet sich alles, was sich im Lande des Kommunismus verdächtig macht – und dieses Terrain des Bösen beginnt für ihn links der politischen Mitte. So finden sich dort Karteikarten zu Helmut Hubacher, Lilian Uchtenhagen, Moritz Leuenberger oder Adolf Muschg.

Manipulator: Rudolf Farner (1917–1984).

Subversivenjäger: Ernst Cincera (1928–2004).

Das alles sind im Grunde jedoch nur harmlose Sandkastenspiele gegen das, was Bundesrat, Wissenschaft und Armee seit Ende des Zweiten Weltkrieges aushecken: eine Atombombe für die Schweiz. 1946 wird vom Bundesrat unter der Leitung des ETH-Professors für Experimentalphysik, Paul Scherrer, eine Studienkommission für Atomenergie (SKA) ins Leben gerufen. In deren Gründungsrichtlinien heisst es: «Die SKA soll überdies die Schaffung einer schweizerischen Bombe oder anderer geeigneter Kriegsmittel, die auf dem Prinzip der Atomenergie beruhen, anstreben.» Derweil beschwichtigt der Vorsteher des Eidgenössischen Militärdepartements (EMD), Karl Kobelt, im Parlament, es bestehe keine Absicht, eine Atombombe zu bauen. Klartext sprechen jedoch die Militärs, etwa Generalstabschef Louis de Montmollin: «Es gibt aber Fälle, in denen wir unbedingt Atomwaffen einsetzen müssen, selbst auf die Gefahr hin, dass die Zivilbevölkerung einen grossen Schaden erleiden würde. Man kann unmöglich darauf verzichten, diese Waffen anzuwenden, nur aus Rücksichtnahme auf die Bevölkerung.»

«Keine Atombombe»: EMD-Chef Karl Kobelt (1891–1968).

«Unbedingt Atomwaffen»: Generalstabschef Louis de Montmollin (1893–1974).

Das sind mehr als nur verbale Absichtserklärungen. Im aargauischen Würenlingen wird ein Forschungsreaktor namens Diorit gebaut, der auch für militärische Zwecke einsetzbar sein soll. In den Alpen suchen Wissenschaftler nach Natururan, schliesslich werden mit einer Swissair-Maschine zehn Tonnen aus Kanada eingeflogen. Im EMD werden Berechnungen angestellt, dass für zwölf Atombomben in der Stärke von Hiroshima sechs Jahre Bauzeit und eine Investition von 600 Millionen Franken benötigt würden, und im Jahre 1957 werden «Führungsgrundsätze des Heeres im Atomkrieg» zu Papier gebracht. Im Jahre 1961 genehmigt das Parlament 870 Millionen Franken für die Beschaffung von hundert Mirage-III-Kampfflugzeugen, welche zumindest theoretisch auch als Träger von Atomwaffen geeignet wären.

Dieser Spuk um eine schweizerische Atombombe endet erst, als sich 1964 herausstellt, dass es bei den in Lizenz gebauten Fliegern massive Kostenüberschreitungen gibt, das Parlament Nachtragskredite von über einer halben Milliarde Franken ablehnt, was dazu führt, dass schliesslich lediglich 57 Einheiten beschafft werden können. Damit endet der Traum der Schweizer Militärs von eigenen Atomwaffen, und im Ost-West-Konflikt macht sich eine gewisse Entspannung breit. Offiziell werden die Schweizer Atombombenpläne erst im Jahre 1988 beerdigt.

Dokumentation über das Schweizer Atombombenprogramm von Thomas Buomberger.

Die letzte Hinterlassenschaft

Fichen für jedermann

Als der Kommunismus am Ende ist, erschüttert der «Fichenskandal» die Schweiz: die letzte Hinterlassenschaft des Antikommunismus im Land.

Gewissermassen als «Nebenprodukt» der «Affäre Kopp» Ende der 1980er-Jahre erfährt die Öffentlichkeit, dass die politische Polizei der Bundesanwaltschaft über Jahrzehnte eine geheime Registratur über Hunderttausende von staatskritischen Personen und Organisationen angelegt hat. In einer schriftlichen Auskunft an die Geschäftsprüfungskommission (GPK) des National- und Ständerates geben die Staatsschützer bereits im Juni 1987 ihr bislang bestgehütetes Geheimnis preis. Darin heisst es: «Die Akteneinsicht wird in Form einer Kurzzusammenfassung zusammen mit der Dossiernummer auf der Karteikarte erfasst. Die rund 900’000 Karteikarten sind alphabetisch nach Personen oder Organisationen in der Hauptregistratur abgelegt. Die Ablage der Dokumentation erfolgt in herkömmlicher Art zumeist chronologisch in Personen- oder Sachdossiers.» Ins Visier der Ficheure kommt alles, was irgendwie links ist oder Ostblock-Kontakte pflegt: Linke und Grüne, Friedensbewegte und Alternative, Frauenbewegte und Drittwelt-Aktivisten, Anti-AKW-Demonstranten und Ostblock-Interessierte. Im Grunde also alles, was sich im Zuge der 68er-Generation an staatskritischem Potenzial aufgebaut hatte. Die antikommunistisch motivierte Sammelwut der Schweizer Schlapphüte hatte also dazu geführt, dass der eigene als schützenswert erachtete Staat durch die massive öffentliche Kritik an dem «Fichenstaat» selber erschüttert worden ist.

Klara Obermüller: Fichiert wegen DDR-Reisen.

Buch «Die Schweiz im Kalten Krieg 1945-1990»

Der Schweizer Historiker Thomas Buomberger publizierte im Verlag Hier + Jetzt das Buch «Die Schweiz im Kalten Krieg 1945–1990». Zwei Jahre lang hat er recherchiert und liefert nun eine umfassende Darstellung über jene bleierne Zeit.

Am Mittwoch, 5. April, finden um 19 Uhr im Volkshaus Zürich eine öffentliche Buchvernissage und eine Podiumsdiskussion mit Peter Arbenz, Klara Obermüller und Helmut Hubacher zum Thema Kalter Krieg statt.