Für die Rechte der Frauen

Der 8. März ist Weltfrauentag. Es jährt sich auch zum 61. Mal der erste, noch illegale Urnengang von Schweizer Frauen in Unterbäch VS. Und vor über hundert Jahren wurde Iris von Roten geboren, die 1958 das bahnbrechende feministische Werk «Frauen im Laufgitter» publizierte und dafür ein ganzes Leben lang geächtet wurde.

Anfang März 1957, vor 61 Jahren also, stimmten Schweizer Frauen im Walliser Bergdorf Unterbäch erstmals an der Wahlurne ab. Sie taten es subversiv, illegal, knapp anderthalb Jahrzehnte vor der Einführung des Frauenstimmrechts. Dass sie sich überhaupt trauten, gegen die Obrigkeit anzutreten, hat viel mit der Frauenrechtlerin Iris von Roten (1917–1990) zu tun, die vor hundert Jahren geboren wurde. Ebenso wie die Tatsache, dass die erste Bundesrätin der Schweiz, Elisabeth Kopp, Ehrenbürgerin von Unterbäch wurde, dort Iris von Roten traf und nach ihrem Rücktritt 1988 als Erstes dorthin zurückkehrte. Ein Streifzug in fünf Akten durch ein bedeutendes Kapitel der Schweizer Frauenbewegung aus Anlass des hundertsten Geburtstags von Iris von Roten.

Der erste Urnengang

Aufmüpfige Frauen in Unterbäch

Ende der 1950er Jahre herrscht männliche Ordnung in der Schweiz. Die Männer regieren das Land und die Frauen kümmern sich um Herd und Haus. Und dann, unvermittelt und ohne Vorwarnung geschieht etwas Unfassbares.

Es ist der 2. März 1957. Ein Samstag, kurz vor sechs Uhr abends. Tatort: Unterbäch, ein 400-Seelen-Dorf im Oberwallis. Auf den Strassen liegt Schnee. Eine Frau im beigefarbenen Mantel mit Fischgratmuster bahnt sich ihren Weg. Sie hat einen Schal umgebunden und ihre Haare streng nach hinten geknotet. Auf einem Schild am Wegrand steht «Bureau de vote féminin». Männer säumen die letzten Treppenstufen zur Urne. Als diese in der Gestalt ein bekanntes Gesicht aus dem Dorf erkennen, brandet ohrenbetäubender Lärm auf – Trommeln, die von starken Männerhänden mit Schlägen traktiert werden. Rasch steigt die Frau die Stufen empor. Während sie ihr Stimmzettelchen in den Schlitz der Urne schiebt, bannt ein Blitzlichtgewitter aus Fotokameras diesen historischen Moment auf Zelluloid. Auf dem Dach schlagen Steine der männlichen Protestierenden ein.

Die Frau ist Katharina Zenhäusern, die Gattin des Gemeindepräsidenten von Unterbäch. Sie hatte eben als erste Schweizer Frau an einer Urne ihren politischen Willen kundgetan – illegal, gegen den Willen der Männer und der Obrigkeit. «Jemand musste die erste sein.» Mit diesen fünf nüchternen Worten wird Katharina Zenhäusern fünf Jahrzehnte später ihre bahnbrechende Tat kommentieren. Und nach ihr tauchen an diesem Abend aus dem Dunkel noch 32 weitere Unterbächerinnen an der Urne auf.

Mit Blumen an die Urne: Katharina Zenhäusern im Wahllokal am 3. März 1957.

Subversive Tat: Unterbächerin bei der Wahl.

Ein Kreuz für die Frau: Katharina Zenhäusern füllt ihren Stimmzettel aus.

Staatsbürgerliche Pflicht: Unterbächerin bei der Wahl.

Wählen will gelernt sein: Familie Zenhäusern mit Wahlunterlagen.

Der emanzipierte Mann: «Es ist nur recht, wenn Frauen mitentscheiden», meint Seilbahnangestellter William Weissen.

Aufmüpfiges Bergdorf: Blick von Unterbäch ins Tal.

Solidarische Frauen: «Es wäre gut, wenn wir mehr zu sagen hätten», meint Katharina Weissen, 81.

Familienidylle in Unterbäch.

Grosse Überraschung: Amtliche Bekanntmachung über den Urnengang.

Grosse Erinnerung: Katharina Zenhäusern im Jahre 2007.

Noch immer stolz: Katharina Zenhäusern, 2007.

Was ist los in Unterbäch? Es gibt da in der Walliser Burgergemeinde Raron diesen Juristen und Präfekten Peter von Roten, der für die Katholisch-Konservativen im Grossen Rat des Kantons Wallis sitzt. Dieser Mann hat sich in den Kopf gesetzt, auf subversive Weise und ohne Verfassungsänderung gewissermassen auf dem Latrinenweg eigenmächtig das Frauenstimmrecht einzuführen. Das Walliser Wahlgesetz von 1938 gibt dem Juristen dafür eine Steilvorlage. Dort heisst es unter Artikel 8, dass Zuchthäusler oder Armengenössige von der Ausübung der politischen Rechte ausgeschlossen seien – von Frauen ist da nicht die Rede. In Unterbäch ist die Situation insofern günstig, als dass der Gemeinderat bereits entschieden hat, die 150 volljährigen Frauen im Dorf ins Stimmrechtsregister einzutragen. Und weil an diesem Wochenende ein eidgenössischer Urnengang über die Ausdehnung der Zivilschutzpflicht auf Frauen ansteht, sieht Peter von Roten den grossen Tag für die historische Tat gekommen – undenkbar für ihn, dass ausschliesslich Männer die Zivilschutzpflicht für Frauen beschliessen könnten. Er überzeugt auch den Dorflehrer und Gemeindepräsidenten Paul Zenhäusern von seinem Plan, und der holt seine Ratskollegen ins Boot. Und natürlich informiert der oberste politische Repräsentant des Dorfes auch den Walliser Staatsrat über das Vorhaben, und es ist wohl kaum verwunderlich, dass von dort die Botschaft zurückkommt, der Plan der Unterbächer sei staatsrechtlich unstatthaft weil verfassungswidrig.

Die Querköpfe vom Bergdorf reagieren mit einem Sieben-Punkte-Memorandum, in welchem sie den «hohen Staatsrat des Kanton Wallis» darüber in Kenntnis setzen, dass die Unterbächer «keineswegs um eine Zustimmung ersucht hätten, deren es unserer Ansicht nach nicht bedurft hat und deren Verweigerung daher rechtlich irrelavant ist». Die Regierung unten in Sitten ist dann doch etwas überrascht über die glasklare juristische Abfuhr, die kaum aus der Feder eines juristisch unkundigen Dorfschullehrers kommen kann. In der Tat: Die Buchstaben hat Peter von Roten gesetzt.

Was aber keiner weiss: Hinter den beiden Männern steht eine Frau – Iris von Roten, selber promovierte Juristin, die Gattin von Peter von Roten. Der outet sich viele Jahre später: «Iris war die treibende Kraft in meinem Engagement für das Frauenstimmrecht und ist somit die eigentliche Urheberin des Urnengangs von Unterbäch. Bestimmt, ich wäre auch ohne ihren Einfluss dafür gewesen, aber ich hätte wohl kaum so vehement gekämpft.»

Wer aber ist diese Iris von Roten?

Die heimliche Anstifterin

Iris von Roten

Sie war eine Frau wie von einem anderen Stern. Elegant, selbstbewusst und feministisch. Was sie wollte, was unerhört: ihre Geschlechtsgenossinnen aus ihrer Abhängigkeit vom Mann befreien. Politisch, wirtschaftlich und auch sexuell.

«Heute wollen die Frauen, wenn sie schon erwerben müssen, nicht ihr Leben fristen, sondern nach Massgabe ihrer Fähigkeiten wirken. Das ist ihr gutes Recht. Und da man es ihnen immer noch nicht restlos eingeräumt hat, ja sogar Anzeichen einer Beschränkung auftauchen, gilt es sich zu wehren.» Dieser Aufruf zum Widerstand gegen die ökonomische Abhängigkeit steht zum Jahreswechsel 1945 auf der Frontseite des «Schweizer Frauenblatts», gezeichnet mit dem Kürzel I.M. Ungehörig in Zeiten, in denen der Mann es noch gewohnt war, selbstherrlich über Portemonnaie und Bürgerrechte zu walten.


Elegante Erscheinung: Iris von Roten.


I.M., das ist Iris Meyer, Tochter aus gut situiertem bürgerlichem Hause, die an der Universität Bern Jurisprudenz studiert und auch promoviert hatte. Sie redigiert seit Ende 1943 als verantwortliche Redaktorin das «Offizielle Publikationsorgan des Bundes Schweizer Frauenvereine» und fordert darin für die Zeit Unfassbares wie etwa «365 Muttertage im Jahr». An der Universität lernt sie den Mitstudenten Peter von Roten kennen, Walliser Aristokrat aus katholisch-konservativem Milieu. «Kämpferischer Schritt», eine elegante Erscheinung «mit Tigeraugen» – so beschrieben männliche Mitstudenten die angehende Juristin Iris Meyer, und Peter von Roten verliebt sich in diese ungewöhnliche Frau.

Peter und Iris von Roten, 1947.

Nationalrat Peter von Roten in Unterbäch, 1957.

«Ich», erklärt sie ihm, «kann nur mit dir zusammenleben, wenn wir vollkommen gleichberechtigt sind.» Er willigt ein, im Juli 1946 heiraten die beiden, und sie, die Feministin, macht aus dem katholischen, im stockkonservativen Wallis verwurzelten Mann in kurzer Zeit einen Feministen. Die Selbstbestimmung der Frau steht für sie über allem, ökonomisch, politisch, sexuell. Das Frauenstimmrecht ist für Iris Meyer, die nun Iris von Roten heisst, nicht verhandelbar. Anderes auch nicht. «Eine Frau müsste eigentlich mit jedem Mann, den sie liebt und begehrt, eine sexuelle Beziehung haben», schreibt sie einmal an ihren Mann, «ein einziger auf Lebenszeit ist richtig kümmerlich.» Und selbst über das Lebensende hat Iris von Roten bereits in jüngeren Jahren klare Vorstellungen: «Mit 60 Jahren muss man dem Leben ein Ende setzen. Ich werde mich umbringen.»

Er wird mit 30 Jahren für die Katholisch-Konservativen jüngster Nationalrat der Schweiz, sie «erstickt fast» in dem «grauenhaften Männerloch» namens Wallis. Er reicht in der Grossen Kammer eine Motion zur Einführung des Frauenstimmrechts ein – sie wird später verworfen und kostet ihn sein Nationalratsmandat –, sie will in Amerika ein Buch schreiben, wie sie verkündet. Und mehr als das: «Ich werde ein Buch schreiben, ein feministisches Buch, das den Frauen mit offenen Worten klar macht, welches die wahren Verhältnisse sind und wie schäbig ihre Stellung ist.» Und sie will dort in Amerika «ihre erotischen Möglichkeiten voll ausschöpfen».

«Frauen im Laufgitter»

Emanzipationswerk wird zum Skandalbuch gemacht

Iris von Roten schreibt ein 600seitiges Lebenswerk und ahnt sehr wohl, dass sie sich damit viele Feinde schaffen wird – Männer wie Frauen. Und genau so kommt es.

Anfang 1958 ist das Buch vollendet. «Ich bin sicher, dass ich gar keinen Verleger für das Buch finde», meint die Autorin einmal, als sie noch an ihrem Lebenswerk arbeitet, «und einmal gedruckt, wird das Buch verboten werden. Es ist so schwer, etwas zu schreiben, was einem Todfeindschaft einbringen wird.»

Es sind fast prophetische Worte. Deutsche Verlage lehnen ab aus Angst, das Buch sei zu sehr auf schweizerische Verhältnisse zugeschnitten. Einheimische Verlage fürchten bei dem 600-Seiten-Wälzer hohe Druckkosten und angesichts des heiklen Themas einen zu geringen Absatz, der zu einem Verlustgeschäft führen würde. Nur der Berner Hallwag Verlag macht Iris von Roten eine Offerte: Er drucke das Werk, wenn die Autorin die Hälfte der Druckkosten übernehme.

Mitte Mai erscheint das Buch unter dem bildhaft-programmatischen Titel «Frauen im Laufgitter» – die Frau hinter Gittern, gefangen in ihrer Frauen- und Mutterrolle. «Offene Worte zur Stellung der Frau» verspricht Iris von Roten im Untertitel. Im Vorwort schreibt sie: «Die Probleme des weiblichen Lebens, wie sie sich im Rahmen einer Männerwelt ergeben, werden zwar häufig behandelt. Aber in der Regel nur da ein Stück und dort ein Zipfel, ohne Blick aufs Ganze. Ich habe versucht, diesen Problemen bis an die Wurzeln und damit auch den Zusammenhängen nachzugehen.»

Skandalbuch «Frauen im Laufgitter» 1958.

Neuauflage 1991.

Buchpräsentation 1958: Aufnahme aus dem Film «Verliebte Feinde».

«‹Frauen im Laufgitter› ist ein gewaltiger Wurf», urteilt Wilfried Meichtry in seiner 2012 erschienenen Doppelbiografie ‹Verliebte Feinde› über Iris und Peter von Roten, «mit unmissverständlicher Direktheit legt sie die patriarchalen Machtverhältnisse offen. Im Gegensatz zu Simone de Beauvoirs ‹Le deuxième sexe›, das in erster Linie als philosophisches Werk eingestuft wurde, war ‹Frauen im Laufgitter› in sehr ausgeprägtem Masse politisch.»

Und das war zu viel für eine Schweiz, die Ende der 1950er-Jahre noch vom Landigeist der männlichen Aktivdienstgeneration imprägniert ist. In der Presse gibt es epochale Verrisse. «Iris contra alle Männer», heisst es etwa im «Berner Tagblatt» vom 30. Oktober 1958. «Ein Buch, das besser nicht geschrieben worden wäre», kommentiert die «Neue Berner Zeitung», vom «Revolutionsgesang einer Frau» schreiben andere. Angesichts der öffentlichen Kritik lässt der Verlag das Buch fallen, und selbst die Frauenorganisationen im Land distanzieren sich vom Werk. Angesichts einer am 1. Februar 1959 stattfindenden eidgenössischen Abstimmung über das Frauenstimmrecht setzen sie auf eine Appeasement-Haltung gegenüber der abstimmenden Männerklasse. Trotzdem lehnen diese das Frauenstimmrecht an der Urne mit 654’939 Nein gegen 323’727 Ja wuchtig ab.

Verspottet: Iris von Roten als Fasnachts-Sujet in Basel 1959.

Und Iris von Roten? Sie ist ernüchtert. Erfüllt von heiligem Furor. Fühlt sich verraten. Und sie wendet sich ab vom Kampf für die Rechte der Frau. Sie will als Reisepublizistin die Welt erkunden. Im Jahre 1960 besteigt sie einen weissen Fiat 600 Cabrio und reist in die Türkei. In der Tasche hat sie 2000 Franken – ein Vorschuss des deutschen Ullstein Verlags.

Die Feministin und die Bundesrätin

Was Iris von Roten mit Elisabeth Kopp zu tun hat

Rund ein Vierteljahrhundert nach von Rotens Emanzipationswerk hat die Schweiz die erste Bundesrätin – und es ist kein Zufall, dass Elisabeth Kopp nach ihrem erzwungenen Rücktritt nach Unterbäch zurückkehrt, wo sie einst auch Iris von Roten getroffen hat.

Es ist der 2. Oktober 1984, zwanzig vor neun vormittags, als unter der Berner Bundeshauskuppel Ratspräsident André Gautier in seiner Muttersprache die historischen Worte spricht: «Est élue avec 124 voix Madame Kopp.» Mit der Wahl der ersten Bundesrätin der Schweiz sind die Frauen über ein Dutzend Jahre nach der Einführung des Frauenstimmrechts in der obersten politischen Behörde des Landes angekommen.

Nach ihrem sofortigen Rücktritt am 12. Januar 1989 wird Elisabeth Kopp zur gesellschaftlich Geächteten. Wenige Orte gibt es noch im Land, wo sie noch gern gesehen ist. Anfang Februar 1989 folgt die gefallene Bundesrätin einer Einladung nach Unterbäch. Der Gemeindepräsident Roman Weissen hat sie eingeladen an diesen Ort mit Geschichte: Hier hatten vor über drei Jahrzehnten Schweizer Frauen erstmals an der Urne gestanden, hier ist die erste Schweizer Frau im Bundesrat seit über drei Jahren Ehrenbürgerin, und hier erhält sie nun einen Telefonanruf eines Journalisten vom «Walliser Boten». Es meldet sich Luzius Theler, bekanntes Gesicht in der lokalen Journalistenszene. Er will Elisabeth Kopp interviewen – als Erster nach dem Fall. Seine letzte Frage an Elisabeth Kopp lautet: «Werden Sie um Ihre Rehabilitation kämpfen?» Die Antwort der Angesprochenen – Juristin wie Iris von Roten – fällt denkbar knapp aus: «Ja!»

Elisabeth Kopp bei ihrer Vereidigung zur Bundesrätin.

Abgang nach dem Rücktritt: Elisabeth Kopp mit Parteikollege und Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz.


Was bleibt von Unterbäch: 60 Jahre «Rütli der Schweizer Frau? – Frauen haben das Laufgitter verlassen

Von Roman Weissen, Gemeindepräsident von Unterbäch 1980–1992

Am 3. März 1957 stimmten die Schweizer Männer über die «Einführung der obligatorischen Schutzdienstpflicht weiblicher Personen» ab. Nur Männer? Im Wallis liess eine Gemeinde, illegal, auch die Frauen an die Urnen.

Der Kampf um die Gleichstellung von Frau und Mann hat viele Mütter und Väter. Wille, Worte, Aufmüpfigkeit, Engagement und Strategien bedurften jedoch des Mutes zur Tat. Es brauchte selbstbewusste, feminine Persönlichkeiten, die es verstanden, sich aus der durch Männer verordneten Unterdrückung heraus zu manövrieren. Was in anderen Ländern langsam Gestalt annahm, bedurfte in der Schweiz weit länger.

Iris von Roten (†73), die freigeistige Feministin und Vorkämpferin für die Rechte der Frauen, verstand es, ihren Ehemann Peter von Roten (†75) – aus katholischem und aristokratischem Hause, Präfekt des Bezirkes Raron VS und Nationalrat – sowie seinen Grossratskollegen Paul Zenhäusern, Gemeindepräsident von Unterbäch VS, für die längst fälligen Anliegen der Gleichstellung der Frauen zu überzeugen.

Iris von Roten, Peter von Roten, Elisabeth Kopp, Roman von Weissen (v.l.n.r.) 1984 in Unterbäch.

Katharina Zenhäusern und Elisabeth Kopp 1984 in Unterbäch.

Iris von Roten, Peter von Roten, Elisabeth Kopp, Roman von Weissen (v.l.n.r.) und Katharina Zenhäusern (im Vordergrund).

Die sieben Ratsherren von Unterbäch wagten im Interesse der aktiven Gleichstellung von Frau und Mann den Schritt zur Tat. An der Gemeinderatssitzung vom 6. Februar 1957 berief sich der Gemeinderat von Unterbäch auf die Gemeindeautonomie, schuf eigens Recht und beschloss nach Kenntnisnahme einer Rechtsbelehrung des Bundesgerichts an der Eidgenössischen Abstimmung vom 3. März 1957 betreffend die «Einführung der obligatorischen Schutzdienstpflicht weiblicher Personen», also in einer «Frauenfrage», auch den Frauen das Stimmrecht zu gewähren.

Im Protokoll steht: «Der Anstand und der gute Ton verlangen es in diesem Falle besonders, dass wir Männer uns nicht als Vormünder benehmen, sondern Rechte und Pflichten unserer Frauen in Einklang bringen.». Unterbäch setzte ein staatspolitisches Signal und war der Zeit voraus. Die Weltpresse hörte zu und schrieb mit, sogar die «New York Times» berichtete über das illegale Treiben in der kleinen Schweizer Berggemeinde. 33 von 86 Unterbächerinnen wagten den Gang ins Abstimmungslokal, die Vorlage wurde dort und national abgelehnt. Die Walliserinnen mussten zwar noch bis 1970 warten, bis sie politisches Recht zugesprochen erhielten, die Schweizerinnen noch ein Jahr länger.

In der Schweiz dauerte es noch 13 Jahre, bis 1984 mit Elisabeth Kopp (80) endlich die erste Frau in die oberste Landesregierung gewählt wurde. Was in Unterbäch, dem Rütli der Schweizer Frau als Symbol für die politischen Rechte der Frau, seinen Anfang nahm, fand die Krönung durch die Wahl der ersten Frau in den Bundesrat. Das aufmüpfige Unterbäch verlieh Bundesrätin Kopp die Ehrenbürgerschaft.

Die Tragik der Geschichte ist, dass die erste Bundesrätin aufgrund einer hochstilisierten, unbegründeten Affäre um ein ominöses Telefonat und der damit verbundenen modernen Hexenjagd im Dezember 1988 ihren Rücktritt erklärte. Eine erfolgreiche Politikerin mit Charme, Kompetenz, Respekt und öffentlicher Beliebtheit wurde der Neider und politischen Demagogen willen zu Unrecht auf den Scheiterhaufen geführt.

Iris von Roten kommentierte den Skandal um den erzwungen Rücktritt der beliebten Bundesrätin wie folgt: «Die machtbesessene Männerwelt im Bundesratskollegium, in Politik und Partei liessen Frau Kopp bewusst fallen.»

Bleiben wir am heutigen Weltfrauentag zuversichtlich, dass die Frauen das Laufgitter endlich und für immer verlassen haben.

2017 – Erinnerungsjahr an Iris von Roten

Die späte Rehabilitation

Die linke Frauenbewegung der 1960er Jahre hat Iris von Roten tot geschwiegen, wohl weil sie in deren Augen eine Bürgerliche war. Erst jetzt, 100 Jahre nach ihrer Geburt, über ein Vierteljahrhundert nach ihrem Freitod erfährt sie und ihr Werk eine Renaissance.

«Als Peter von Roten gegen zwölf Uhr seine Anwaltskanzlei verlässt und die dreistöckige Dachwohnung betritt, spürt er sofort, was geschehen ist. Ohne zu zögern, steigt er die Treppen zum obersten Zimmer hinauf und sieht sie am Querbalken. ‹Sie hat einen sehr ruhigen und friedlichen Eindruck gemacht.› Kein Grauen, sondern nur ‹Bewunderung und grosse Dankbarkeit› erfüllen ihn, ‹dass Iris die Selbsttötung, die sie wollte und plante, so gut gelungen ist›.» Diese Worte stehen unter der Kapitelüberschrift «Die Selbstbestimmte» auf der ersten Seite der Biografie über Iris von Roten, welche die «Weltwoche»-Journalistin Yvonne-Denise Köchli 1992 zu Papier bringt.

Erst mit dem Tod am 11. September 1990 beginnt die Rehabilitierung der Iris von Roten als Vorkämpferin für Frauenrechte und Gleichberechtigung. Alles beginnt mit dem Nachruf in der NZZ. Mechthild Malash, gebürtige Deutsche und Verlegerin beim Schweizer eFeF-Verlag, liest diesen und beschliesst, «Frauen im Laufgitter» neu aufzulegen – es wird ein Bestseller.

Journalistin Yvonne-Denise Köchli ist Ende dreissig, als sie 1992 das Buch über das Leben der Iris von Roten, «Eine Frau kommt zu früh», publiziert – inspiriert hatte sie das neu aufgelegte Werk «Frauen im Laufgitter». 2012 veröffentlicht der Walliser Historiker Wilfried Meichtry seine Doppelbiografie «Verliebte Feinde», welche die Regisseure Werner Schweizer und Katja Früh 2013 mit einer grossartigen Mona Petri in der Hauptrolle der Iris von Roten auf die Leinwand bringen.

Trailer zum Film «Verliebte Feinde» über Iris und Peter Roten.

Und nun, 2017, ist das Jahr der Erinnerung an Iris von Roten. Zu diesem Anlass verfasst die 27-jährige Journalistin Anne-Sophie Keller ein neues Werk über die Bedeutung von Iris von Roten für die jungen Frauen. Es erscheint im Juni 2017 im Xantippe Verlag, welcher von Yvonne-Denise Köchli gegründet worden ist.


Tochter Hortensia von Roten über ihre Mutter.


Verlegerin Mechthild Malash über die Neuauflage von «Frauen im Laufgitter» im Jahre 1992.


Biografin Yvonne-Denise Köchli über ihre Entdeckung von Iris von Roten.


Feministin Anne-Sophie Keller über die Bedeutung von Iris von Roten für die Frauen von heute.


Ob sich Iris von Roten über so viel Aufmerksamkeit gefreut hätte? Wir wissen es nicht. Nach ihrem Tod ist ihre Asche auf dem Rarner Heidnischbiel verstreut worden. Irgendwo auf diesem Felskopf sind die Initialen «I. v. R.» eingraviert – so wie es ihr letzter Wille gewesen war.