Wissenschaftler Gaffney
«Rio ist teilweise eine einzige Toilette»

Kaum ein Ausländer kennt Rio so gut wie Christopher Gaffney (46). Der US-Star-Geograf in Diensten der Uni Zürich erklärt, wie WM und Olympia die Metropole verändert haben.
Publiziert: 03.08.2016 um 10:38 Uhr
|
Aktualisiert: 04.10.2018 um 20:40 Uhr
1/4
Olympiastadt in Rio: In Strandnähe leben die Profiteure, in den Favelas die Verlierer.
Konrad Staehelin aus Rio de Janeiro

BLICK: Christopher Gaffney, was machen Sie gerade in Rio?
Christopher Gaffney: Ich habe gerade ein Quartier besucht, das durch ein neues Express-Bus-Trassee auseinandergerissen wurde. Olympia verschlechtert dort die Lebensqualität.

Viele Einwohner von Rio kommen dank Projekten wie den Schnellbus-Linien schneller zur Arbeit.
Falsch. Es wird ja kein zusammenhängendes Netz gebaut, von dem die Leute profitieren würden. Wer vom Bus auf den Zug umsteigt, muss manchmal Hunderte von Metern gehen und für die nächste Fahrt nochmals bezahlen. Das ist teuer, ineffizient und mies geplant.

Viele Einwohner schwärmen von der neuen Infrastruktur.
Die wohnen im Süden der Stadt, wo die Mittel- und Oberschicht wohnt. Dort wurden die Pres­tigeobjekte gebaut: die neue ­U-Bahn, das neue Tram, das renovierte Hafenviertel, das «Museum von morgen». Die meisten Einwohner Rios aber wohnen im Norden, und dort wurde nichts investiert. Dabei wäre es viel ­nötiger als im Süden.

Lässt sich das korrigieren?
Nicht wirklich, die Richtung ist für 50 Jahre vorgegeben. So grosse Investitionen kommen nur durch Events wie WM und Olympia  zustande. Rio hat sein Pulver verschossen ...

... und die Chance vergeben?
Nein. Es ist perfekt aufgegangen. Für diejenigen, für die es perfekt aufgehen sollte – die Eliten. In Rio sind das Immobilienhaie, Bauunternehmen, Sicherheitsfirmen. Und ein paar  Politiker und Versicherungen. Die Mehrheit aber verliert.

Wie gewinnt man in diesem Spiel?
Bus- als Bauunternehmen kriegen mehr Aufträge. Sie können mitbestimmen, wie diese aussehen, und profitieren langfristig von ihnen. Sie stecken mit den Politikern unter einer Decke. Schliesslich finanzieren sie deren Wahlkampf. Ein Sumpf.

Werbung

Bin ich zu sehr Schweizer, um das zu verstehen?
Sie sind nicht zynisch genug. Sie haben einen sehr schweizerischen Ansatz und glauben daran, dass die vom Volk gewählten dem Volk auch dienen. Hier arbeitet die Regierung für diejenigen, die eh schon mächtig sind.

Warum?
Das hat mit der Geschichte der Kolonisierung zu tun. Grosse Teile des Landes sind ungebildet, unpolitisch, unkritisch. Aber es tut sich was: Dass wie jetzt wichtige Politiker und Geschäftsmänner hinter Gitter kommen, war vor 15 Jahren undenkbar. Aber die kritische Auseinandersetzung mit dem Alltag ist kein Teil der brasilianischen Kultur. Brasilianer hassen Konflikte und vermeiden sie wo immer möglich.

Sie kennen die Schweiz gut. Können Sie die politischen Kulturen vergleichen?
In der Schweiz geht alles viel langsamer. Das System ist viel konservativer, vorsichtiger gestaltet. Stadtplanung folgt dem Gedanken, dass der geteilte Raum ein öffentliches Gut ist, dem man Sorge tragen muss. Das hat der Schweiz eine sehr gute Infrastruktur und hohe ­Lebensqualität beschert.

Die Welt hat ein sehr romantisches Bild von Rio.
Die Stadt ist teilweise eine ein­zige Toilette, die Einwohner schwimmen in ihren eigenen
Fäkalien. Trotzdem verbinden viele Rio mit Traumstränden, Party, Futebol. Die Marketing-Maschine der Stadt ist perfekt geölt. Ihr Budget hat sich in den letzten Jahren vervierfacht.

Werbung

So pessimistisch Sie jetzt tönen: Haben die Spiele auch etwas Positives bewirkt?
Den Brasilianern wurde zum ersten Mal von ausländischen Medien der Spiegel vorgehalten. Sie haben gelernt, wie Ausländer ihre Städte sehen. Das hat auch im Land die Diskussionen darüber angestossen, worüber wir gerade geredet haben.

Fehler gefunden? Jetzt melden
Alle Kommentare