Wie sich die Reitschule dauernd rechtfertigen muss
Das Berner Schwarz-Peter-Spiel

Massive Gewalt-Exzesse liessen am Wochenende die Berner Reitschule wieder in den Fokus rücken. Die endlose Suche nach den Verantwortlichen geht damit in die nächste Runde.
Publiziert: 27.02.2017 um 19:09 Uhr
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Aktualisiert: 12.10.2018 um 15:57 Uhr
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Hier wüten die Chaoten: Strassenkampf in Bern
Andrea Cattani

Es sind brutale Szenen, die sich in der Berner Innenstadt abgespielt haben. Und doch ist man versucht zu sagen: Alles schon mal gesehen. Denn Bern machte sich in der Vergangenheit immer wieder als Krawall-Hauptstadt einen Namen.

Vor allem für die bürgerlichen Parteien in Bern ist der Sündenbock rasch gefunden: Die Reitschule, das Kulturzentrum im Herzen der Stadt, hat den Chaoten in den letzten Jahren wiederholt als Rückzugsort gedient.

Wenn es in Bern knallt, müssen sich die Betreiber des alternativen Kulturtempels deshalb stets aufs Neue erklären. Auf der Seite mit den Medienmitteilungen der Reitschule gibt es nur ein Thema. Die Auflistung gleicht einem Schwarz-Peter-Spiel:

Mai 2013: «Tanz dich frei» eskaliert

Die Mischung aus Demo und Party unter dem Motto «Tanz dich frei» endet 2013 trotz eines Grossaufgebots der Polizei in den schwersten Krawallen der letzten Jahre in Bern. Die Reitschule, welche das Organisations-Komitee damals finanziell unterstützt hatte, wurde für die Ereignisse mitverantwortlich gemacht.

Der Demo-Umzug unter dem Motto «Tanz dich frei» am 25. Mai 2013 eskalierte ebenfalls.

In einer Antwort auf die Vorkommnisse stellt die Reitschule klar, dass sie nie ein Geheimnis aus ihrer Sympathie für die Anliegen der «Tanz dich frei»-Demos gemacht und diese auch finanziell unterstützt habe. Sie stellt stattdessen die Verhältnismässigkeit des Polizeieinsatzes in Frage. Was in der Vergangenheit bei mehr Besuchern und weniger Polizei reibungslos geklappt habe, sei nun mit einem grossen Sicherheitsaufgebot eskaliert, so die Aussage in dem Schreiben.

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März 2016: Krawall und Kopfgeld-Jagd

Bei Zusammenstössen von Chaoten mit der Polizei werden die Sicherheitskräfte von der Gewaltbereitschaft der Demonstranten überrascht. Aus diversen Kreisen wird in der Folge die temporäre Schliessung der Reitschule verlangt. Einen Schritt weiter geht die Vereinigung «BernAktiv» rund um SVP-Grossrat Thomas Fuchs. Sie setzt ein Kopfgeld in der Höhe von 1000 Franken zur Ergreifung der Täterschaft aus.

Vor rund einem Jahr kam es in Bern zu Zusammenstössen zwischen Chaoten und der Polizei.

Die Reitschule selbst spielt den Ball direkt zurück an die Politik und die Berner Polizei. «Ein Provokationsschema könnte durchsichtiger nicht sein», schreiben die Betreiber in einer Mitteilung als Reaktion auf mehrere polizeiliche Kontrollen auf dem Areal im Vorfeld der Ausschreitungen. «Möglicherweise kann die Polizeiführung gar nicht verstehen, wieso eine derartige (bewaffnete) Polizeipräsenz von vielen Menschen – gerade bei der Reitschule – als schlichte Provokation angesehen wird, weil sie ein kurzes Gedächtnis hat und weil sie die Geschichte der Reitschule nicht versteht.»

24./25. Februar 2017: Räumung endet in Strassenschlacht

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Die jüngsten Ausschreitungen nach der Räumung eines besetzten Gebäudes bringen für diverse Politiker das Fass zum Überlaufen. Der Berner SVP-Nationalrat Erich Hess sagt klar: «Die Reithalle ist die Verursacherin.» Er fordert deshalb jetzt die Schliessung des Lokals. «Dann hat dieses Lumpenpack keinen Rückzugsort mehr.»

Das jüngste Kapitel: Nach einer Räumung eskaliert die Situation und es kommt zu Strassenschlachten zwischen Vermummten und der Polizei.

Auch hier lässt die Antwort der Reitschule nicht lange auf sich warten. In einer Medienmitteilung schreiben die Verantwortlichen, man appelliere seit jeher an die Vernunft aller Akteure. Aber: «In letzter Zeit ist der Druck auf besetzte Häuser in Bern wieder stark angestiegen.» Die Reitschule, welche selbst als Ergebnis einer Hausbesetzung hervorgegangen war, solidarisiere sich deshalb ausdrücklich mit den Anliegen der Hausbesetzer-Szene.

Aktivisten aus der Hausbesetzer-Szene haben für die nächsten Tage weitere Protestaktionen angekündigt. Wie der Berner Sicherheitsdirektor Reto Nause erklärt, seien die Sicherheitskräfte weiterhin in Alarmbereitschaft. Gut möglich also, dass das Schwarz-Peter-Spiel schon bald um ein Kapitel reicher wird.

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