Weil eine Maschine ihr die Arbeit wegnimmt, muss sie von vorn anfangen
Filomena (52) ist dreifache Mutter und Lehrtochter

Über 50-Jährige haben zunehmend Probleme auf dem Arbeitsmarkt. Während die Politik vor allem Absichtserklärungen abgibt, macht ein Unternehmer aus Solothurn Nägel mit Köpfen.
Publiziert: 13.05.2017 um 20:12 Uhr
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Aktualisiert: 07.10.2018 um 11:31 Uhr
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Auf dem zweiten Bildungsweg: Die Fraisa AG mit Beschrifterei-Leiter Hans Walser, CEO Josef Maushart und den neuen Lehrtöchtern Marija Gjokaj, Melanie Bonaccorsi, Barbara Sommer sowie Produktionsleiter Stefan Gutmann und Filomena Gianforte (v. l.).
Sermîn Faki

Seit drei Jahren will Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann, gemeinsam mit Sozialpartnern und Kantonen, die Arbeitsmarktperspektiven für über 50-Jährige verbessern. Denn Ältere haben es auf dem Arbeitsmarkt zusehends schwer.

Doch ausser Papier haben die «Nationalen Konferenzen» – die letzte fand vergangene Woche statt – nicht viel produziert. «Es passiert noch viel zu wenig», lautet das Fazit von Josef Maushart. Doch anstatt zuzuwarten, geht der Chef des Präzisionswerkzeugherstellers Fraisa in Bellach SO mit gutem Beispiel voran.

Eine Lehre mit 52

Seit 2012 ermöglicht er seinen rund 220 Angestellten, sich weiterzubilden oder sogar die Lehre nachzuholen. Jedes Jahr investiert er mehr als ein Prozent des Umsatzes in die Qualifizierung seiner Leute. Derzeit machen zwölf Fraisa-Angestellte eine Berufsausbildung. Darunter auch Marija Gjokaj, Barbara Sommer, Melanie Bonaccorsi und Filomena Gianforte. Die Italienerin ist mit 52 die älteste der vier «Lehrtöchter».

Sie alle arbeiten in der Beschrifterei, wo sie die produzierten Werkzeuge etikettieren und verpacken. Ab Ende nächsten Jahres wird dies jedoch eine Maschine erledigen. «Nach dem Frankenschock mussten wir die Automatisierung unserer Produktion beschleunigen», erklärt Maushart. «Das hiess auch, dass ich den Damen sagen musste, dass es ihre Stellen nicht mehr lange geben wird.»

400'000 Menschen ohne abgeschlossene Ausbildung

Doch statt die Frauen zu entlassen – betriebsbedingte Kündigungen gab es bei Fraisa seit 2010 nicht mehr –, motivierte der gebürtige Bayer sie, nochmals die Schulbank zu drücken und ihren Berufsabschluss nachzuholen. Alle vier machen die Lehre zur sogenannten Anlagenführerin, eine spezifische Art der Maschinenführerin. Innerhalb von zwei Jahren werden die Frauen die Ausbildung abschliessen, die normalerweise drei Jahre dauert.

Einen Lehrabschluss vorweisen kann bisher nur Melanie Bonaccorsi. Sie ist gelernte Coiffeuse, hat aber direkt nach der Lehre in der Industrie begonnen – natürlich als Ungelernte. Wie die drei anderen Frauen, die gar keine Ausbildung haben.

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Damit sind sie nicht allein: Gemäss Angaben des Bundes haben 400'000 Menschen im Alter von 25 bis 54 keine abgeschlossene Ausbildung. Und je älter die Leute, desto alarmierender die Zahlen: Zwölf Prozent der über 54-jährigen Männer haben keinen Berufsabschluss. Bei den Frauen sind es sogar knapp 19 Prozent.

Grosszügiger Arbeitgeber

Nun also drücken die vier Mütter nochmals die Schulbank, berufsbegleitend an jedem Samstag. Es sei hart, sagen sie. Es gibt viel zu lernen, daneben müssen Job und Familienpflichten erledigt werden. Dabei bekommen sie von ihrem Arbeitgeber mehr Unterstützung als andere Klassenkameraden. Bei Fraisa gilt der Schultag nämlich als Arbeitstag, zudem kommt die Firma für die Zugfahrt nach Olten SO und das Mittagessen am Samstag auf. So grosszügig sei kein anderer Arbeitgeber, sagen die Frauen übereinstimmend. 

Im Gegenzug mussten sie sich verpflichten, nach Ende der Ausbildung noch zwei Jahre bei Fraisa zu arbeiten. «Ich verpflichte mich gern bis zur Pensionierung», sagt Barbara Sommer. «Denn der Sepp, der ist ein Hammer-Chef!»

«Wer bei uns arbeitet, tut das, weil er will»

Und der Hammer-Chef? Der ist stolz auf seine Damen, die ihre Ausbildung in einem Monat beenden. Sie seien alle eine Note besser als die jugendlichen Fraisa-Lehrlinge. «Ohne Ausbildung sind die Leute unfrei. Sie arbeiten hier, weil sie sonst keine Stelle finden.»

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Mit einem Lehrabschluss hingegen würden ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt steigen, so Maushart, der für die CVP im Kantonsparlament sitzt. «Ein Abschluss bringt Selbstbewusstsein und Freiheit. Wer danach bei der Fraisa arbeitet, tut das, weil er will.»

Sie alle machen die Lehre zur Anlagenführerin

Marija Gjokaj (40) arbeitet seit neun Jahren für Maushart, mit einem 100-Prozent-Pensum. Die dreifache Mutter kam vor 20 Jahren aus dem Kosovo in die Schweiz. Die Erwachsenenlehre sei schwer, sagt sie: «Vor allem die Allgemeinbildung ist hart.» Es gebe viel zu lernen über das politische System der Schweiz. «Politik interessiert mich halt einfach nicht.» Zurzeit büffelt sie für die letzten Prüfungen – gemeinsam mit ihrem 19-jährigen Sohn, der seine Ausbildung zum Informatiker ebenfalls gerade abschliesst. «Er ist sehr stolz auf mich», sagt Gjokaj.

Marija Gjokaj macht sich für den Arbeitsmarkt fit – und absolviert eine Lehre.

Barbara Sommer (49) arbeitet schon 17 Jahre lang bei der Fraisa. Eine erste Ausbildung zur Verkäuferin brach sie in der Jugend ab und arbeitete dann als Ungelernte in den verschiedensten Branchen – mal in der Industrie, mal im Service. «Damals gab es an jeder Ecke einen Job. Wer arbeiten wollte, fand immer eine Stelle», erklärt sie den Grund, warum sie nie eine Ausbildung gemacht hat. Doch diese Zeiten seien vorbei, das habe Josef Maushart ihr bei einem Weihnachtsessen klargemacht. «Ich habe immer gedacht, dass ich das nie schaffe.» Doch Maushart habe sie motiviert. «Als Chef ist er der Hammer!»

Packt ihre zweite Chance: Barbara Sommer.

Filomena Gianforte ist mit 52 die Älteste unter den «Lehrtöchtern». Sie arbeitet schon fast 30 Jahre bei der Fraisa – seit sie mit 24 aus Italien kam. «Ich sprach kein Wort Deutsch damals», erinnert sie sich. Und die Sprache fällt ihr immer noch schwer, vor allem beim Schreiben. Und schreiben muss sie viel in der Ausbildung, beispielsweise für die Abschlussarbeit. Doch Gianforte beisst sich durch. Ihr Mann und ihre drei Kinder unterstützen sie – auch wenn vor allem die Kinder bedauern, dass «la mamma» nicht mehr so häufig fein italienisch kocht.

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Und auch Filomena Gianforte lässt sich weiterbilden. Sie und ihre drei Kolleginnen machen eine Lehre zur Anlagenführerin.

Melanie Bonaccorsi (36) ist gelernte Coiffeuse. Doch auf dem Beruf gearbeitet hat sie nie. Bei der Fraisa ist die Mutter eines zehnjährigen Sohnes seit zehn Jahren. Sie habe mit dem Entscheid, nochmals die Schulbank zu drücken, gehadert. «Mein Sohn war noch so klein, ich wollte ihn nicht vernachlässigen.» Tatsächlich sei ihr während der Ausbildung manchmal alles über den Kopf gewachsen. Dennoch ist sie Maushart für den sanften Anstoss dankbar. «Er will uns einen Rucksack mitgeben, damit wir eine Perspektive haben», sagt sie.

Auch sie wagt die späte Lehre: Melanie Bonaccorsi.
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