Darum gehts
- Bauer Daniel Baumann im Urner Meiental ist auf Zivis angewiesen
- Abstimmung am 14. Juni könnte Zivildiensteinsätze in der Landwirtschaft erschweren
- 2025: 50’745 Zivildiensttage in Landwirtschaft geleistet
Ohne Alex Schmidt würde auf dem Hof von Bauer Daniel Baumann (30) manches liegen bleiben. Der 23-jährige Zivildienstler springt überall dort ein, wo zusätzliche Hände fehlen. Gerade sind die beiden mit den Schafen vom Markt zurückgekehrt und treiben sie zurück in den Stall.
Eben lag noch Schnee, langsam aber sicher hält der Frühling jedoch auch im Urner Meiental Einzug. Die Glocken der Schafe bimmeln, ansonsten ist es still. Hier, im kleinen Weiler Fürlauwi, auf 1340 Metern über Meer, führt Baumann seit rund fünf Jahren den Hof am Susten.
Zwei Zivis packen mit an
Baumann, der den Familienbetrieb am Fusse des Sustenpasses von seinen Eltern übernommen hat, hält Schafe, Kühe und Hühner. Daraus produziert er Fleisch und Alpkäse. Milch und Eier gibt es direkt ab Hof.
Im Wohnhaus neben dem Stall lebt die ganze Familie unter einem Dach: Baumann mit seiner Frau und der Tochter auf einer Etage, seine Eltern auf der anderen. Der Dachstock wurde für die Zivis ausgebaut. Für Baumann ist klar: «Für mich sind Zivis Gold wert.»
Neben Schmidt, der seit rund einem Monat auf dem Heimbetrieb mitarbeitet und seinen Einsatz bald beendet, packt derzeit ein weiterer Zivi mit an. Dieser absolviert gerade den obligatorischen langen Einsatz, der 180 Tage dauert, und unterstützt den Betrieb auf der Alp.
Wichtige Hilfe
Für Bergbetriebe wie jenen von Baumann sind die jungen Männer wichtige Arbeitskräfte: Sie helfen beim Heuen, beim Zäunen, beim Scheren und sie pflegen Weiden. Auch das «Scheenen», wie Baumann in breitem Urnerdeutsch sagt, gehört zu ihren Aufgaben – also das Wegräumen von Steinen, Ästen und Geröll, die im Winter vom Berg heruntergekommen sind.
Solche Einsätze könnten künftig seltener werden. Denn am 14. Juni wird über die Änderung des Zivildienstgesetzes abgestimmt. Ziel der Vorlage ist es, mittels sechs Massnahmen den Wechsel von der Armee in den Zivildienst zu erschweren. Vorgesehen sind unter anderem mindestens 150 Zivildiensttage – unabhängig davon, wie viele Militärdiensttage bereits geleistet wurden. Befürworterinnen und Befürworter wollen so den Personalbestand der Armee sichern.
Das Referendumskomitee warnt davor, dass bei einer Annahme in Heimen, Spitälern, Schulen und eben auch in Land- und Alpwirtschaft Zivildienstleistende fehlen würden. Der Bundesrat, der die Vorlage zur Annahme empfiehlt, geht davon aus, dass die Zahl der Zulassungen zum Zivildienst bei einem Ja um rund 40 Prozent sinken würde.
Die meisten kommen wieder
Die Familie Baumann beschäftigt seit 2010 Zivildienstleistende. Früher hätten sich Dutzende gemeldet. «Anfangs hatten wir 30 oder 40 Anfragen», erinnert sich Baumann. Heute müsse er aktiv nach Leuten suchen. Viele derjenigen, die einmal hier waren, kämen zwar wieder. Doch die «gestandene Garde» sei bald fertig mit ihren Einsätzen. «Es wird immer schwieriger, Leute zu begeistern, auf einem Landwirtschaftsbetrieb zu arbeiten.»
Trotzdem, sagt Baumann, sei es heute fast schon ein Privileg, überhaupt Zivildienstler beschäftigen zu können. Denn in den meisten Kantonen – darunter auch Uri – können sich Alpwirtschaftsbetriebe nicht mehr als Einsatzbetriebe anmelden. Talbetriebe werden gar nicht mehr neu anerkannt.
Gleichzeitig macht die Landwirtschaft innerhalb des Zivildienstes nur einen kleinen Teil aus: Gemäss Bund wurden im vergangenen Jahr schweizweit 50’745 Diensttage in der Landwirtschaft geleistet – das entspricht lediglich 2,7 Prozent aller geleisteten Zivildiensttage.
«Hier mache ich etwas Sinnvolles»
Dabei zeigt eine Studie des Bundesamts für Zivildienst von 2025, dass ein «deutlicher Bedarf» an Zivildienstleistenden bestehe. Und: Rund ein Drittel der Betriebe ist der Ansicht, dass der aktuelle Einsatz von Zivis den Bedarf nicht deckt.
Dass Baumann überhaupt noch Zivildienstleistende findet, liegt auch an Mund-zu-Mund-Propaganda. Alex Schmidt ist Urner und kannte Baumann bereits vor seinem Einsatz. Der gelernte Elektriker leistet inzwischen bereits zum dritten Mal Dienst auf dem Hof. Im vergangenen Jahr absolvierte er seinen längeren Einsatz auf der Alp.
Schmidt gefällt die Arbeit auf dem Betrieb. «Man lernt jeden Tag etwas Neues», sagt er. Eigentlich hätte er Militärdienst leisten wollen. Als Logistiksoldat hätte er aber nach Freiburg in eine französischsprachige Kaserne gemusst. «Mit meinem Französisch wäre das schwierig geworden», sagt er. Also entschied er sich für den Zivildienst. Bereut habe er den Entscheid nie. «Hier mache ich etwas Sinnvolles und kann abends mit gutem Gewissen nach Hause gehen.»
Die Arbeitstage beginnen um sieben Uhr morgens und enden gegen fünf Uhr abends. Vor allem jetzt, im Frühling sei es streng, sagt Schmidt. Sobald der Schnee verschwinde, müsse plötzlich alles gleichzeitig für den Alpaufzug vorbereitet werden.
Zivis, die von weiter her kommen, übernachten auf dem Hof. Baumann erzählt von Studenten aus Zürich oder Basel, die erstmals mehrere Monate auf einem Bergbetrieb lebten. «Unsere Ansichten waren meist sehr unterschiedlich, aber daraus entstanden sehr spannende Gespräche», sagt er. Der Blick auf die Landwirtschaft würde sich nach ihrem Einsatz bei vielen verändern.
Austausch zwischen Stadt und Land
Besonders deutlich habe er das während eines Sommers erlebt, als auf der Schafalp der Wolf auftauchte. Einer seiner Zivis, ein Stadtzürcher, habe anfangs noch gesagt, das Zusammenleben mit dem Wolf müsse möglich sein. «Nach vielen strengen Tagen auf der Alp hat er irgendwann gesagt: So einfach ist es eben doch nicht.»
Dass der gegenseitige Austausch zwischen Stadt- und Landbevölkerung durch Zivildiensteinsätze und damit das «gegenseitige Verständnis für die jeweiligen Lebenswelten und Ansichten» gefördert werden, zeigt auch die Studie des Bundesamts für Zivildienst. Zudem macht sie deutlich, welche Auswirkungen es für Betriebe hätte, würde die Unterstützung der Zivis wegfallen: 25 Prozent der Bergbauern gaben an, dass sie Arbeiten im Natur- und Landschaftsschutz ohne Zivis nicht mehr erledigen könnten. Fast die Hälfte müsste sie zumindest reduzieren.
Viel Handarbeit
Auch Baumann glaubt, dass sein Betrieb ohne die Unterstützung der Zivildienstleistenden an seine Grenzen käme. «Die Tage würden für mich definitiv länger werden», sagt er. Die Zivildienstleistenden würden ihn extrem entlasten. Er führt zu den Schafweiden, zeigt auf die umliegende Berglandschaft. Vor allem die viele Handarbeit mache den Unterschied. «Mit dem Traktor mähen kann einer allein, aber hier an den steilen Hängen mähen wir mit der Sense, dafür braucht es Leute.»
Die Schweizer Berglandwirtschaft produziere zwar Lebensmittel, erfülle aber längst auch eine landschaftspflegerische Aufgabe. «Wenn wir ehrlich sind: Wir sorgen auch dafür, dass es hier schön aussieht», sagt er und blickt ins Tal. Ohne diese Pflege würden die Hänge verbuschen. «Das sind Arbeiten, die ohne Zivis liegen bleiben würden», sagt er. «Würden sie sie nicht machen, sähe es hier in 20 Jahren gleich aus wie im Tessin.»
Meinungen der Bauern gehen auseinander
In der Landwirtschaft herrscht mit Blick auf die Abstimmung keineswegs Einigkeit. Die Kleinbauern-Vereinigung (VKMB) gehört zur Allianz, die die Revision ablehnt. Sie argumentiert unter anderem damit, dass Zivildienstleistende einen wichtigen Beitrag zum Schutz und Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen sowie zu einer nachhaltigen Entwicklung leisten würden. Zu diesem Schluss kommt auch die Studie des Bundesamts für Zivildienst.
Innerhalb des Schweizer Bauernverbandes gehen die Meinungen auseinander. Die Landwirtschaftskammer beschloss Ende April die Stimmfreigabe, mit der Begründung, dass die Vorlage «aus Sicht der Landwirtschaft unterschiedliche Aspekte» habe. In Bundesbern hatten indes die meisten Landwirtschaftsvertreterinnen und -vertreter der Änderung des Zivildienstgesetzes zugestimmt.
Ablehnung kam von Grünen-Nationalrat und VKMB-Präsident Kilian Baumann (45) sowie seiner Parteikollegin, Nationalrätin und Präsidentin des Oberaargauischen Bauernvereins, Christine Badertscher (44). Bauernpräsident und Mitte-Nationalrat Markus Ritter (59) war dafür. Ritter hatte noch 2015 ein Postulat unterstützt, das den Einsatz von Zivildienstleistenden auf Landwirtschaftsbetrieben hatte erleichtern wollen.
Bald beginnt die Alpsaison
Für Zivi Alex Schmidt ist indessen klar: «Ich würde mich immer wieder für den Zivildienst entscheiden.» Auch wenn die Hürden höher würden.
Bald beginnt für Daniel Baumann und seine Helfer die Alpsaison. Mitte Juni ziehen sie mit rund 450 Schafen auf die Alp. Für den Bauern ist das der schönste Tag des Jahres. Wenn es im September wieder talwärts geht, wird auch sein erster Zivildienstleistender mit dabei sein. Seit seinem Einsatz kehrt er jedes Jahr zum Alpabzug zurück.