So schlimm ist die Seuche
Jeder zweite Schweizer ist handykrank

Jeder Zweite findet selber, zu oft am Handy zu sein. Wie exzessiv Mobiltelefone in der Schweiz verwendet werden, zeigen exklusive Daten der Beratungsfirma Deloitte.
Publiziert: 14.10.2018 um 00:04 Uhr
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Aktualisiert: 18.12.2018 um 13:47 Uhr
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Umfrage zur Handynutzung: So oft sind wir wirklich am Handy(01:51)
Harry Büsser

Drei Uhr morgens: Tanja Schulthess* liegt im Bett, die Augen aufgerissen, das Mobiltelefon in der Hand. Seit einer halben Stunde surft sie herum: WhatsApp, Snapchat, Instagram ... Wer war wo, mit wem, was haben sie gesehen, was gegessen? Fotos und mehr oder weniger lustige Videos, die Eindruck schinden sollen.

Tanja denkt: «Was wollte ich eigentlich?» Genau: kurz das Wetter von morgen checken – dann landete sie auf WhatsApp und so weiter. Jetzt wieder einschlafen? Schwierig.

Die 25-Jährige will anonym bleiben, niemand soll erfahren, dass ihr Mobiltelefon sie im Griff hat. Dabei ist Tanja alles andere als ein Einzelfall.

Dies zeigt eine aktuelle Umfrage der Beratungsfirma Deloitte, die SonntagsBlick exklusiv vorliegt. 48 Prozent der Schweizer Handybesitzer finden, dass sie zu oft am Smartphone hängen. In Tanjas Altersgruppe, 25 bis 34 Jahre, sind es gar zwei Drittel. Und: Vier Prozent der Schweizer wachen in der Nacht auf, um ihr Mobiltelefon zu prüfen – in Tanjas Altersgruppe sind es doppelt so viele.

Generell sind die Jüngeren häufiger am Handy. Zudem lässt sich aus den Daten von Deloitte ableiten: Je grösser das Handy, desto länger beschäftigen sich die Besitzer damit.

Tanjas Mobiltelefon ist eher gross. Etwa drei Stunden am Tag verbringt sie damit, wie sie selber schätzt: vor allem Youtube, WhatsApp, Snapchat, Instagram.

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Richtig süchtig aber sei sie nach dem Handy-Game «Candy Crush». Es komme nicht selten vor, dass sie deswegen später als geplant ins Bett gehe. Danach brauche sie länger, um einzuschlafen, und wache manchmal mitten in der Nacht auf. Das Handy nicht mit ins Schlafzimmer zu nehmen, sei keine Option, denn es sei ihr Wecker. Am Morgen schaut sie als Erstes darauf.

Ab wann ist man süchtig?

Die Wissenschaftler sind sich nicht einig, wann man von Handysucht sprechen kann. US-Studien definieren es als Suchtverhalten, wenn jemand mehr als 60 Mal pro Tag zum Handy greift. Ein erwachsener Durchschnitts­amerikaner checkt sein Telefon mehr als 200 Mal am Tag.

Nomophobie wird das genannt: No-Mobile-Phone-Phobia, die Angst davor, kein Mobiltelefon griffbereit zu haben. Ohne Handy werden Betroffene hochgradig nervös, ängstlich oder depressiv.

Ob süchtig oder nicht: In der Deloitte-Studie bekannten viele der rund tausend befragten Schweizer, bereits körperliche Probleme durch exzessiven Handykonsum bekommen zu haben. Sechs Prozent erlebten mindestens einmal Sehschwierigkeiten, weil sie das Mobiltelefon zu oft benutzten, fünf Prozent Kopfweh oder schmerzende Finger. In Tanjas Altersgruppe lag auch dieser Wert doppelt so hoch.

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Beängstigende Fakten zur Handynutzung
  • 4 Prozent aller Mobiltelefonnutzer wachen in der Nacht auf, um ihr Mobiltelefon zu prüfen.
  • 23 Prozent ­aller Smart­phone-Nutzer sind abgelenkt, wenn sie eine Aufgabe erledigen wollen. 
  • 23 Prozent der Handynutzer haben konstant das Gefühl, prüfen zu müssen, ob irgendwelche Neuigkeiten auf dem Mobiltelefon eingetroffen sind.
  • 21 Prozent gehen wegen des Mobiltelefons später ins Bett, als sie ­eigentlich wollten.
  • 13 Prozent haben Angst, sie würden etwas verpassen, wenn sie das Mobiltelefon nicht prüfen können.
  • 6 Prozent hatten schon Probleme mit dem Augenlicht, weil sie das Mobiltelefon so viel benutzten.
Die Bevölkerung ist laut einer Umfrage davon überzeugt, dass Unwahrheiten in politischen Debatten bedeutsamer geworden sind. Begünstigt wird dies durch die unkontrollierte Verbreitung von Fake News in sozialen Medien. (Symbolbild)
Die Bevölkerung ist laut einer Umfrage davon überzeugt, dass Unwahrheiten in politischen Debatten bedeutsamer geworden sind. Begünstigt wird dies durch die unkontrollierte Verbreitung von Fake News in sozialen Medien. (Symbolbild)
Keystone/GAETAN BALLY
  • 4 Prozent aller Mobiltelefonnutzer wachen in der Nacht auf, um ihr Mobiltelefon zu prüfen.
  • 23 Prozent ­aller Smart­phone-Nutzer sind abgelenkt, wenn sie eine Aufgabe erledigen wollen. 
  • 23 Prozent der Handynutzer haben konstant das Gefühl, prüfen zu müssen, ob irgendwelche Neuigkeiten auf dem Mobiltelefon eingetroffen sind.
  • 21 Prozent gehen wegen des Mobiltelefons später ins Bett, als sie ­eigentlich wollten.
  • 13 Prozent haben Angst, sie würden etwas verpassen, wenn sie das Mobiltelefon nicht prüfen können.
  • 6 Prozent hatten schon Probleme mit dem Augenlicht, weil sie das Mobiltelefon so viel benutzten.
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In den USA, wo besonders harte Schadenersatz-Urteile die Regel sind, sehen erste Beobachter bereits Sammelklagen gegen Mobiltelefonanbieter voraus. Larry Dignan, Chefredaktor des auf Technologie-News spezialisierten Portals ZDNet ist überzeugt, dass sich der US-Senat schon nächstes Jahr mit dem Thema Handysucht befassen wird.

Das französische Parlament verabschiedete kürzlich ein Gesetz, das die Nutzung von Mobiltelefonen in der Schule bis zur Sekundarstufe 1 grundsätzlich verbietet.

Körperliche Auswirkungen bemerkt Tanja bisher nicht. Sie stellt aber fest, dass sie öfter mit Konzentrationsproblemen zu kämpfen hat, wenn sie sich einer Aufgabe widmen möchte. «Ich habe zwischendurch immer wieder das Gefühl, ich müsste auf mein Handy schauen», sagt sie. Damit geht es ihr so wie 23 Prozent von allen Mobiltelefonnutzern.

Kein gutes Gefühl

Zudem habe das Starren auf den Bildschirm ihre Stimmung oft getrübt – deswegen habe sie einige Abos gekündigt: «Leute zu sehen, die sich auf sozialen Medien dauernd mega in Szene setzen, tat mir nicht gut.»

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Durch die Kündigungen wurden Tanjas Stimmungslöcher seltener. Dennoch verbringe sie nicht weniger Zeit am Telefon. Auch die Erfahrung, dass sie Mühe hat, aufs Handy zu verzichten, teilt sie mit vielen Schweizern: Gemäss der Deloitte-Umfrage haben 23 Prozent der Mobiltelefonnutzer versucht, sich einzuschränken, doch es gelang ihnen nicht.

Dass Konsumenten ihr Verhalten nicht in den Griff bekommen, kennt man schon von Tabak und Süssgetränken. Der öffentliche und juristische Druck auf die Industrie nahm zu – und führte zur Kreation von Light-Produkten wie Marlboro Light oder Cola Zero.

Eine ähnliche Strategie verfolgen jetzt offenbar auch Apple und Goo­gle: «Tech-Firmen haben die Zeichen der Zeit erkannt und wissen um die möglichen negativen Auswirkungen ihrer Geräte. Darum reagieren sie proaktiv und geben Konsumenten Instrumente in die Hand, um die Verwendung bewusst zu steuern», sagt Michael Grampp (49), Chefökonom von Deloitte Schweiz. Er ist für die Umfrage verantwortlich.

Was Grampp meint: Apple und Google bieten ihren Nutzern neuerdings Möglichkeiten zur Kontrolle des Handygebrauchs. Bei Apple heisst die neue Funktion «Bildschirmzeit». Mit Einführung des Betriebssystems iOS 12 lässt sie sich aufzeichnen – und limitieren.

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Die Frage ist, ob die neuen Tools genu tzt werden und tatsächlich helfen. Tanja jedenfalls nutzt sie (noch) nicht.

* Name geändert

Strahlung schadet Teenie-Gedächtnis

Hochfrequente elektromagnetische Felder können sich bei der Nutzung von Mobiltelefonen nachteilig auf die Entwicklung der Gedächtnisleistung von bestimmten Gehirnregionen auswirken. Das ergab eine Studie mit fast 700 Jugendlichen.

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KEYSTONE/CHRISTOF SCHUERPF

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