Bundesratskandidat Pierre Maudet (39) lässt üppig auftischen: Leberterrine, Lachs, Rindstatar. Der Salat dient als «Alibi-Grün», wie er scherzt. Dazu wird ein lokaler Weisswein kredenzt, danach ein kräftiger Roter, dessen «feinen Vanille-Geschmack beim Abgang» Maudet lobt.
«Ich bin zwar Protestant, aber ich esse und trinke wie ein Katholik», scherzt der Genfer Sicherheitsdirektor, der den Sitz von Didier Burkhalter (57) in der Landesregierung erben will.
Der Sohn einer Engadiner Primarlehrerin und eines französischen Anwalts hat zum Mittagessen in sein Lieblingsrestaurant geladen – ins Boeuf Rouge mitten im Genfer Rotlichtviertel. Während des Gesprächs an seiner Seite: Gattin Catherine (37). Das Paar ist seit 13 Jahren verheiratet und hat drei Kinder.
BLICK: Wieso treffen wir uns hier?
Pierre Maudet: In diesem besonderen Quartier spüre ich den Puls der Menschen. Für die Polizei es ist natürlich eine Gegend, in der viel los ist …
… und Sie scheinen als Sicherheitsdirektor hier beliebt zu sein. Sie haben sich verspätet, weil die Leute mit Ihnen Selfies machen wollten.
Hier bin ich sehr bekannt, weil ich eine völlig neue Kameraüberwachung des Quartiers lanciert habe und die Kriminalitätsrate dadurch frappant gesunken ist. Es gibt viel weniger Gewalttaten und Trickdiebstähle. Jetzt haben wir 30 Kameras und acht Personen, die alles immer überwachen. Aber gegen die Drogenkriminalität können die Kameras direkt nichts ausrichten.
Wir treffen uns am Tag nach dem Anschlag in Barcelona. Wie sicher fühlen Sie sich jetzt in Genf?Für mich stellt sich immer die gleiche Frage nach einem Anschlag: Kann es auch hier passieren? Meine Antwort: Die Wahrscheinlichkeit ist nicht grösser oder kleiner als gestern.
Wie reagieren Sie als Sicherheitsdirektor?
Während wir uns hier unterhalten, sind unsere Polizisten sehr aktiv, zum Beispiel auf den sozialen Netzwerken. Dort sehen wir, wer sich über einen Anschlag freut. Wir müssen dringend die Überwachung von Facebook und Co. ausweiten – leider sind die Mittel dafür noch viel zu beschränkt.
Sie rufen schon lange nach mehr Befugnissen für Überwachung.
Die Polizisten dürfen zwar schauen – aber nicht einmal eine falsche Identität annehmen, um als Lockvogel zu fungieren. Dabei könnten wir so feststellen, ob sich ein Jugendlicher bloss aufspielt oder ob wirklich Gefahr von ihm ausgeht. Wir können die Bevölkerung nicht länger beschwichtigen und nichts tun, bis etwas passiert.
Die Konsequenz Ihrer Politik ist der Überwachungsstaat.
Es ist naiv zu meinen, dass wir so weitermachen können wie bisher. Angesichts der Bedrohungslage dürfen wir uns nicht vor einem Fichenskandal fürchten. Und ehrlich gesagt, ist mehr Überwachung in der Romandie und in der Schweiz auch unbestritten.
Die Schweizer mögen es nicht, wenn jemand seine Ambitionen so offen kundtut wie Sie. Bundesrat zu werden, sei eines Ihrer Lebensziele, sagen viele Ihrer Wegbegleiter.
Ja, das mag so sein. Ich zeige, dass ich Lust habe. Und ich denke, dass sich die Leute davon anstecken lassen. Ich bin ein Macher. Ich glaube stark an die Selbstverantwortung.
Sie haben sich als «Wecker der Schweiz» bezeichnet. Was verschlafen wir denn?
Die Politik ist zu oft blind vor Ideologie. Aber ich sehe in meinem Alltag als Regierungsrat, dass man 4000 Mitarbeiter nicht mit Ideologie führen kann: Wir müssen pragmatisch sein. Bei der Masseneinwanderungs-Initiative beispielsweise: In ihrem Windschatten hat der Bundesrat angekündigt, die Kontingente für Nicht-EU-Bürger zu senken. Von 8500 auf 6500 – eine solche Kürzung ist dramatisch für die Wirtschaft. Aber aus taktischen und ideologischen Gründen sagt der Bundesrat: Wir müssen ein Signal aussenden und darum die Kontingente verkleinern.
Da hat der Bundesrat die Angst vor Überfremdung ernst genommen.
Ach, kommen Sie: Wir sprechen von 2000 Personen pro Jahr. Das Beispiel zeigt, dass die Schweizer Politik verlernt hat, pragmatisch zu sein.
Sie wollen mitbestimmen, wollen ein Macher sein: Die Konsequenz ist ein EU-Beitritt der Schweiz.
Eben nicht! Diese Frage stellt sich nicht mehr. Das ist 25 Jahre her. Wir können immer noch mit Herrn Blocher darüber debattieren, aber dann schauen wir in den Rückspiegel. Es geht nicht um eine Mitgliedschaft. Wir sind im gleichen Gebäude mit der EU, aber wir sind passiv. Darum schlage ich eine neue Art der Partnerschaft vor – und zwar über wirtschaftliche Beziehungen.
Sie propagieren Rosinenpickerei. Die EU wird nicht auf eine solche «Partnerschaft» eingehen.
Unsere ausgezeichneten Diplomaten haben mit dieser Politik immer viel erreicht. Ganz ehrlich: Rosinenpickerei ist völlig in Ordnung, wenn es uns gelingt, sie umzusetzen.
Was wären Sie für ein Aussenminister?
Ich würde die Friedensförderung und die Vermittlerrolle der Schweiz fortsetzen. Aber höchste Priorität hat: Die Aussenpolitik muss dem Wirtschaftsstandort Schweiz dienen. Und der Aussenminister muss auch Migrationspolitik betreiben. In der Migration geht es voran, Frau Sommaruga macht das gut. Aber wieso profitiert man dann nicht von ihren Fortschritten in anderen Bereichen? Der Bundesrat sollte als Mannschaft funktionieren, aber ich stelle eine Verzettelung und einen Mangel an Diskussionen fest.
Sie sind schweizerisch-französischer Doppelbürger. Würden Sie bei einer Wahl den französischen Pass abgeben?
Als Bundesrat würde ich es auf den Tisch legen und meine Bundesratskollegen fragen: Darf ich auch Franzose sein? Als EDA-Vorsteher oder im VBS ist es problematisch, Doppelbürger zu sein. Als Wirtschaftsminister weniger.
So gern Sie sich inszenieren, so ungern geben Sie Persönliches preis. In Genf sagt man, es gebe den Menschen hinter der Politmaschine Maudet gar nicht. Stimmt das?
Da muss meine Frau antworten.
Catherine Maudet: Der private Pierre ist ganz anders als die öffentliche Person. In der Beziehung zu den Kindern ist er viel lockerer, da bin ich die Strenge.
Als Bundesrat würden Sie Ihre Kinder noch seltener sehen. Jetzt sind Sie Aussenseiter, doch bald wird auch der Sitz von Johann Schneider-Ammann frei.
Die jetzige Bundesratskandidatur wird wahrscheinlich meine einzige bleiben. Wenn es nicht klappt, mache ich in zehn Jahren etwas anderes. Es gibt auch ein Leben nach der Politik.