Juso-Chefin Tamara Funiciello will Nationalrätin werden
«Ich denke nicht daran, meine Fresse zu halten»

Es gibt derzeit kaum eine grössere Reizfigur in der Schweiz als Juso-Präsidentin Tamara Funiciello. Wer ist diese Frau, die jedem Shitstorm trotzt und jetzt in den Nationalrat will?
Publiziert: 09.09.2018 um 10:57 Uhr
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Aktualisiert: 14.09.2018 um 22:44 Uhr
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Tamara Funiciello hat eine Faszination für Pandas und mag es nicht sonderlich, berühmt zu sein.
Aline Wüst

Es ist Zvieripause im Berner Kantonsparlament. Die Tür zur Zuschauer­tribüne öffnet sich. Eine junge Frau schlüpft hinein, 1,52 Meter gross, Nike-Turnschuhe, damit beschäftigt, ihre Haare zusammenzubinden. Auf der vordersten Zuschauerbank eine Frau mit ihrem Mann, sie dreht sich um und starrt. Die junge Frau setzt sich. Die Frau mit Mann starrt. Das Haargummi sitzt. Ohne sich ihrem Mann zuzuwenden, zischt die Frau: «Das ist sie!»

Stimmt, das ist sie: Juso-­Präsidentin Tamara Funiciello. Als Morgenmensch ein wenig müde von den Diskussionen über Borkenkäfer und digitale Dörfer, aber parat für ihr allererstes Votum im Parlament. Abends wird sie mit einer Schulfreundin in Bern essen gehen. Um ihre Sicherheit draussen auf der Strasse sorgen sich nicht nur Parteifreunde.

Aufgewachsen ist Funiciello auf Sardinien, in einem Haus mit vielen Tieren drumherum. Mit einem Bruder, der sie schlicht «Schwoscht» nennt. Mit einer Mutter, die sie lehrt, sich zu wehren. Dann wird der Euro eingeführt und alles teurer. Der Vater muss seine Schuhmacherei aufgeben. Sie steigen ins Auto, fahren in die Heimat der Mutter – die Schweiz.

Funiciello ist zehn Jahre alt, lernt schnell Berndeutsch. Bloss in ihrem Hochdeutsch ist die Kindheit noch hörbar. Sie sagt: «Die vier Fälle sind eher Hobby als grammatikalische Regel.» In der Schule widerspricht sie dem Geschichtslehrer, wenn er eine Sache aus ihrer Sicht zu einseitig erzählt. Als ein anderer Lehrer einen Mitschüler vor der Klasse blossstellt, trommelt sie einen Trupp von Empörten zusammen.

Sie spielt Landhockey. Um Goalie zu sein, sei sie zu klein, sagt man ihr. Sie lässt das nicht auf sich sitzen, bald spielt sie in der Nationalmannschaft. Als Goalie. Die Goldmedaille hat sie noch.

Schon der fünfte Shitstorm

Nun ist sie 28 Jahre alt und hat gerade den fünften Shitstorm hinter sich. Auslöser war eine Aussage in der aktuellen Debatte zu Gewalt an Frauen. Sie sagte: «Gewalt beginnt beim sexistischen Witz und der Belästigung und endet mit Vergewaltigung und Ehrenmord.»

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Sie erwähnte auch, dass der Sommerhit «079» des Berner Duos Lo & Leduc zwar cool und nett sei, aber eben auch ­sexistisch. Darin fragt ein Mann immer wieder nach der Nummer einer Frau, obwohl diese klar Nein gesagt hat.

Zurück kam verbale Gewalt auf allen Kanälen: sexistische Witze, Beleidigungen, Ver­gewaltigungsandrohungen.

Frauen auf diese Weise zu demütigen und ihnen den Mund zu verbieten, hat bisher zuverlässig funktioniert – irgendwann geben die meisten auf. Funiciello aber sagt: «Ich denke nicht daran, meine Fresse zu halten.»

Abtauchen kommt bei ihr nur in einer Variante vor: mit Sauerstoffflasche. Im Meer. Tauchen ist ihr Hobby.

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«Giele, das ist sexistisch!»

Als Gymnasiastin jobbt Funiciello im Callcenter. Macht Meinungsumfragen, traut seither keiner mehr. Vier Monate lang leitet sie die Reorganisa­tion eines Werkzeuglagers. Eine Million Teile. Die Arbeiter haben für alles Übernamen. Abstruse, wie sie findet. Als einer «Muttern» bestellt, löscht sie die Bestellung einfach. «So nicht, Giele, das ist sexistisch!» Sie arbeitet im Gastgewerbe, im Backoffice eines KMU. Nebenbei studiert sie Geschichte und beginnt dann bei der Unia als Gewerkschaftssekretärin.

Ihr Ex-Chef Roland Herzog bezeichnet sie als extreme Teamplayerin, die ihre Haltung prägnant vertritt, aber stets von anderen lernen will, nah bei den Bedürfnissen der Unia-Mitglieder ist, ohne die grossen Linien aus dem Auge zu verlieren. Man bedauerte, als sie ging, um Juso-Präsidentin zu werden.

Gerade 0,86 Prozent aller Stimmen holte ihre Partei bei den letzten Parlamentswahlen. Doch egal, was sie sagt, die Leute drehen durch. Warum? Funiciello lacht, ordnet ihre Haare: «Ich weiss es nicht!» Dass sie als Sozialistin den ­Kapitalismus kritisiert, ist nicht überraschend. Dass sie als ­Feministin das Patriarchat bekämpft, auch nicht.

Überraschend ist eher, dass sie am liebsten einen Panda als Haustier hätte, in den Ferien auch Liebesschnulzen liest oder sich in der Vierer-WG, in der sie mit Freunden wohnt, darüber ärgert, wenn die dreckigen Teller nicht weggeräumt werden.

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Ein Ex-Polizist aus Bern ist der Einzige, der sich auf die Mailanfrage meldet, was ihn denn an Funiciello störe. Er hat auf einem Newsportal einen Artikel über Funiciello mit Kommentaren versehen, die allen Anstand vermissen lassen. Nun schreibt er von seiner Wut über all die Angriffe von Linksextremen, über die Flaschen, die ihm an den Kopf flogen, und darüber, dass das niemanden interessiert. Zu Recht.

Den Kopf hinhalten dafür muss Funiciello. Zu Recht?

Eine frühere Grünen-Politikerin sagt: «Tamara ist das perfekte Feindbild.» Sie sei eine linke Frau, Migrantin, lasse sich den Mund nicht verbieten. Aber was sie tue, sei wichtig. Pionierarbeit für die Sache der Frau. Der Preis ist hoch.

Manche nennen sie hysterisch

«Die Sache ist es wert», sagt Funiciello. Wenn die Frauen aufhörten zu kämpfen, blieben sie nicht stehen, «sie fallen zurück». Also kämpft sie. Die Frage, ob sie Junkies am Bahnhof Geld gibt, führt zu einer Kritik an der ungleichen Chancenverteilung auf dieser Welt. Es gibt Leute, die sie hysterisch nennen.

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Der Hass gegen Funiciello kommt nicht nur von Männern hinter Bildschirmen. Die zwei SVP-Nationalräte Thomas Matter und Andreas Glarner schaffen es während eines zehnminütigen Telefongesprächs nicht, Funiciellos Aussehen unkommentiert zu lassen. Ansonsten sagen sie, die Juso-Präsidentin sei eine Linkspopulistin, ihre Politik sinnfrei, sie sei eine Egoistin, die nur ein Ziel verfolge: Den Sitz im Nationalrat.

Andere nennen sie eine mutige, seriöse Schafferin mit Zivilcourage. Beispielsweise die abtretende SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer.

Menschen, die Funiciello nahestehen, nennen sie unkompliziert, warmherzig – eine Freundin, die man auch mitten in der Nacht anrufen kann, wenn die Welt untergeht.

Funiciello wird oft angestarrt im Tram. Sie geniesse das nicht, sagt sie. Sie mache Politik, um etwas zu verändern, nicht um berühmt zu sein. Nie gewöhnen will sie sich an das Leid auf der Welt, spüre aber manchmal Anzeichen davon. Das ist es, wovor sich Funiciello fürchtet: vor dem Abstumpfen. Nicht vor den Hatern.

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Ihrer Mutter, die im Coop an der Kasse arbeitet, hat sie versprochen, das Studium abzuschliessen. Funiciello wird ihre Mutter vertrösten müssen. Denn 2019 hilft sie mit, einen landesweiten Frauenstreik zu organisieren. Und sie wird für den Nationalrat kandidieren. Da bleibt kaum Zeit zum Studieren.

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