Aussenminister Didier Burkhalter im gefährlichsten Slum von Beirut
Handschlag für die Hoffnung

Der Schweizer Aussenminister besucht den Libanon – und sagt, wann er die syrische Botschaft wieder öffnet.
Publiziert: 25.05.2016 um 21:50 Uhr
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Aktualisiert: 14.09.2018 um 16:51 Uhr
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Aussenministertreffen in Beirut: Didier Burkhalter und Gebran Bassil.
Peter Hossli (Text) und Pascal Mora (Fotos)

Hastig führt der libanesische Polizist den Bundesrat hinter die hohen Mauern. Seine Pistole ist geladen, der Kämpfer grau-schwarz gefleckt. «Wir verlassen die Anlage nicht», sagt ein Mitarbeiter von Didier Burkhalter (56). Eben ist der Schweizer Aussenminister in Hay al-Gharbeh angekommen, «im gefährlichsten Slum von Beirut», wie es heisst.

Geschwind steigt er auf die Terrasse des Tahaddi-Zentrums, einer Schule im Libanon, welche die Schweiz unterstützt. Zerfallene Häuser sieht Burkhalter, Müll, schlammige Wege. «Wo aber sind die Kinder?», fragt er.

Die Kinder? Sie sind auf der Strasse, die Schule ist längst aus. Just löst der Bundesrat Krawatte und den obersten Hemdknopf. Er steigt die Treppe runter, geht vorbei an den dicken Mauern – und spaziert fast ohne Begleitschutz durchs Quartier. Geht dort, wo die ärmsten Libanesen derzeit von syrischen Flüchtlingen verdrängt werden.

Eine Mutter führt ihn in den Raum, in dem sie mit drei Töchtern haust. Er lacht Kinder an, will mit ihnen reden. Doch der Ausflug des Bundesrats ist so spontan, die Übersetzerin hat ihn verpasst. «Wer spricht Arabisch?», ruft er in Englisch in die Menge. Ein bewaffneter Polizist eilt herbei, führt ihn durch ein Gespräch mit dem syrischen Buben Ali. «Ich werde Profifussballer», sagt er. «Lebe deine Träume», ermutigt ihn Burkhalter. «Zuerst machst du aber die Schule fertig.»

Nach dem humanitären Weltgipfel geht es in den Libanon

Wenige Stunden zuvor besteigt Burkhalter in Istanbul den Bundesratsjet. In der türkischen Metropole hat er am humanitären Weltgipfel teilgenommen. «Ich hätte es nicht ertragen, nur einen Gipfel zu besuchen», begründet er den Abstecher in den Libanon. «Um Schweizer Werte zu erklären, sind Konferenzen zwar wichtig, aber ich muss spüren, ob die Menschen wirklich von unserer Arbeit profitieren.»

Burkhalter blickt aus dem ovalen Fenster, sieht die vielen weit grösseren Jets anderer Minister. Winzig wirkt da der dreistrahlige Falcon 900EX, Baujahr 2008, den die Schweiz als Occasion erworben hat. «Es ist nicht schlecht, klein zu sein», sagt Burkhalter – und nimmt das kleine Flugzeug als Sinnbild für die kleine Schweiz. «Dafür sind wir agil.»

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Er sitzt vorne. Eine Sitzordnung aber gibt es bei ihm nicht. «Das ist die Schweiz, hier ist man frei», sagt er, trinkt Wasser, studiert Akten, fügt handschriftliche Anmerkungen ein. Beim Landeanflug zeigt Burkhalter auf die Hügel oberhalb Beiruts. «Diese Gebiete werden von der Hisbollah kontrolliert» – von der schiitischen Miliz, einer von vielen libanesischen Fraktionen. «Der Libanon ist ein Wunder», sagt Burkhalter. «Trotz vieler Konfessionen explodiert das Land nicht.» Niemand sei so stark betroffen von der Krise in Syrien wie das Nachbarland. Eine Million registrierte syrische Flüchtlinge harren hier. Schätzungen gehen von 1,5 Millionen aus – das wären rund 30 Prozent aller Einwohner.

Burkhalter verspricht den Libanon zu unterstützen

Auf dem Rollfeld in Beirut wird Burkhalter vom Schweizer Botschafter empfangen. Wenige Minuten nur dauert die Passkontrolle, dann besteigt der Bundesrat den gepanzerten BMW des Botschafters. Eine Polizeieskorte, bestehend aus Ford Durango und Harleys, geleitet das Schweizer Auto rasch durch die notorisch verstopften Strassen.

Fünf Stunden weilt Burkhalter in Beirut. Erster Halt: eine mehrstöckige Villa, in der das libanesische Aussenministerium untergebracht ist. Mit Amtskollege Gebran Bassil (45) bespricht Burkhalter die Flüchtlingskrise, verspricht, den Libanon zu unterstützen. Dankend nimmt Bassil an. Die Schweiz müsse tun, was möglich sei, sagt Burkhalter. «Aber nicht mehr als das, was wir halten können. Die Schweiz ist ehrlich, sie macht, was sie sagt, und sie sagt, was sie macht.»

Nächster Halt: das Libanesische Rote Kreuz. Geduldig setzt sich der Bundesrat in einen düsteren Raum, lässt sich alles erklären. Zehn Minute dauere der Dia-Vortrag, heisst es. «Zehn Schweizer Minuten oder zehn ­libanesische Minuten?», fragt Burkhalter, im Wissen, dass er jetzt eine Stunde zuhören wird.

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Um 15.45 Uhr geht es weiter. Halsbrecherisch die Fahrt Richtung Süden, in den Slum Hay al-Gharbeh. Nach dem spontanen Spaziergang durchs Quartier steigt er erneut auf die Terrasse. Er isst eine Aprikose, es gibt heissen Tee und libanesisches Gebäck. Auf Plastikstühlen sitzen Jugendliche: Libanesen, syrische Flüchtlinge und Palästinenser. Asriah (27) schildert ihre Flucht aus der syrischen Stadt Aleppo. «Wie lange sind Sie schon im ­Libanon?», fragt Burkhalter. Er spricht englisch, sie arabisch. Eine Übersetzerin übersetzt. «Seit drei Jahren und neun Monaten.» – «Wollen Sie zurück?» – «Ja, sobald der Krieg vorbei ist.» – «Das hoffe ich sehr für Sie.»

Das Schicksal der Palästinenser geht vergessen

Die 13-jährige Syrerin Rawane dankt Burkhalter, «dass ich in dieser Schule lernen darf». Sie will Lehrerin werden – daheim in Syrien. «Schreib uns, wie es mit dir weitergeht.» Echt wirkt es, wenn Burkhalter sagt: «Kinder verdienen ein würdiges Leben, hier werden sie rasch erwachsen, man muss alles tun, damit sie nicht dem Extremismus verfallen.»

Ingenieur Mourad (24) darf nicht arbeiten, obwohl seine Mutter Libanesin ist. Der Vater ist Palästinenser, und der Libanon verbietet Palästinensern manchen Beruf. «Wie gehen Sie damit um?», fragt Burkhalter. «Entweder ich kämpfe, oder ich gehe.» – «Glauben Sie, Sie könnten etwas ändern?» – «Ich hoffe es.» – «Hoffnung ist wichtig.»

Die Krise in Syrien habe das Schicksal der Palästinenser in den Hintergrund gedrängt, sagt Mourad. «Eine Lösung kann ich heute nicht anbieten», so Burkhalter. «Aber seien Sie gewiss: Wir vergessen euch nicht.»

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Viel zu leise spricht die libanesische Juristin Nadine (26). Burkhalter rückt seinen Stuhl in ihre Nähe, um sie zu verstehen. Sie rüttelt ihn auf. «Alle sehen uns nur als Schlachtfeld und Gastland von Flüchtlingen», sagt Nadine. «Aber wir haben eigene Probleme, unsere Jugend ist überqualifiziert und unterbeschäftigt.» Sie soll in die Politik, rät Burkhalter. «Das will ich nicht!», so Nadine. «Die besten Politiker sind jene, die nicht in die Politik wollen.» Jene Menschen also, die keine Karriere anstrebten, sondern andern helfen wollten.

Aus Syrien floh Imane (23). Sie will Fotografin werden. Just fordert Burkhalter sie auf, dem BLICK-Fotografen die Kamera abzunehmen. Was Imane tut – und den Bundesrat ablichtet. Der witzelt: «Sie fotografiert sicher besser als der Schweizer!»

Ein Politiker verabschiedet sich, der zuhörte und der Humor hat. Er bedankt sich, posiert für Selfies, steigt in den gepanzerten BMW, fährt zum Flughafen. Um 19.15 Uhr hebt der Bundesratsjet ab. Drei Stunden und 55 Minuten dauert der Flug bis Bern-Belp. Burkhalter bereitet die Bundesratssitzung vor. «Wann wollen Sie essen?», fragt die Flugbegleiterin. «Wer hat Hunger?», fragt der Chef sofort seine Mitarbeiter. «Wir entscheiden zusammen, das ist eine Demokratie.»

Er hat schon viel geredet, und doch spricht er noch über eine Lösung für Syrien. «Sie hängt auch davon ab, was mit Präsident Assad passiert.» Die Türkei bezeichnet er als «grosses, dynamisches Land, das Teil der Lösung sein muss». Zu Unrecht stehe sie oft in der Kritik. «Wir sind auf die Türkei angewiesen, wir dürfen nicht alles verurteilen.» Frust spüre er bei türkischen Gesprächspartnern. «Sie glauben, ihren Teil des Flüchtlings-Deals einzuhalten, und verstehen nicht, warum die EU nicht vorwärtsmacht bei der Visa-Liberalisierung.» Überrascht habe ihn, «wie viel Zuspruch Donald Trump erhält». Klar, er beobachte die US-Wahlen. «Wir bereiten uns für alle Szenarien vor.» Also auch für einen Präsidenten namens Trump.

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Zuletzt sagt er, wie es ihm gelingt, Slums zu entschwinden und im Jet in die sichere Schweiz zu fliegen. «Es ist leichter geworden, ich habe mich daran gewöhnt», sagt Burkhalter. «Zynisch bin ich deshalb nicht. Es hilft mir aber zu wissen, dass die Schweiz wirklich Gutes tut.»

«Die Schliessung war vielleicht ein Fehler»

Die Schweiz wolle im Syrien-Konflikt Brücken bauen, sagt Didier Burkhalter. Geht das ohne Botschaft in der syrischen Hauptstadt Damaskus? Er schloss sie 2012.

«Ja, aber es ist sicher schwieriger. Vielleicht war es ja ein Fehler, die Botschaft in Damaskus zu schliessen», so Burkhalter. «Aber ich würde die Entscheidung wieder so treffen.» Er habe damals aus Sicherheitsgründen entschieden. «Ich hatte den Eindruck, es sei zu gefährlich für unser Personal.»

Wann eröffnet er die Botschaft wieder? «Wenn Syrien sich bewegt», so Burkhalter. «Es würde der syrischen Regierung einiges bedeuten, wäre unsere Botschaft wieder offen. Aber wir tun das nur, wenn wir Fortschritte sehen.»

Gibt es eine Schweizer Botschaft in Damaskus mit Präsident Assad im Amt? «Das ist nicht unmöglich, wir haben die Botschaft wegen der Sicherheit geschlossen, nicht wegen des Präsidenten, alle müssen sich auf eine politische Lösung hinbewegen.» Einen Zeitplan habe er nicht.

Die Schweiz wolle im Syrien-Konflikt Brücken bauen, sagt Didier Burkhalter. Geht das ohne Botschaft in der syrischen Hauptstadt Damaskus? Er schloss sie 2012.

«Ja, aber es ist sicher schwieriger. Vielleicht war es ja ein Fehler, die Botschaft in Damaskus zu schliessen», so Burkhalter. «Aber ich würde die Entscheidung wieder so treffen.» Er habe damals aus Sicherheitsgründen entschieden. «Ich hatte den Eindruck, es sei zu gefährlich für unser Personal.»

Wann eröffnet er die Botschaft wieder? «Wenn Syrien sich bewegt», so Burkhalter. «Es würde der syrischen Regierung einiges bedeuten, wäre unsere Botschaft wieder offen. Aber wir tun das nur, wenn wir Fortschritte sehen.»

Gibt es eine Schweizer Botschaft in Damaskus mit Präsident Assad im Amt? «Das ist nicht unmöglich, wir haben die Botschaft wegen der Sicherheit geschlossen, nicht wegen des Präsidenten, alle müssen sich auf eine politische Lösung hinbewegen.» Einen Zeitplan habe er nicht.

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