Vor zehn Tagen schaffte ich die Wiederwahl in die Genfer Regierung – im ersten Wahlgang. Ich darf mich glücklich schätzen, dass mir jeder zweite Wähler das Vertrauen geschenkt hat. 50'000 Stimmen habe ich insgesamt erhalten. Tatsächlich aber ging für mich nur ein Zehntel der Genfer Bevölkerung an die Urne.
Wenn wir von 500'000 Einwohnern des Kantons Genf ausgehen, können wir nämlich erst mal die 40 Prozent Ausländer und 10 Prozent Minderjährige abziehen. Sie alle sind nicht stimmberechtigt. Dazu kommt die geringe Wahlbeteiligung von weniger als 40 Prozent. Meine Basis schmilzt also dahin wie gerade der viele Schnee in den Bergen.
Tiefe Wahlbeteiligung
Gleich ergeht es meinen Kollegen im Kanton Bern, wo kürzlich weniger als 30 Prozent der Wahlbevölkerung ihre Magistraten wählten. Gar nur 13 Prozent beteiligten sich am letzten Wochenende an der Wahl des Landammanns von Uri. Überall in der Schweiz macht nur eine Minderheit von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Dabei wurde der Urnengang ja merklich erleichtert – mit der brieflichen Stimmabgabe oder in manchen Kantonen mit der Einführung des E-Votings. Warum also bleiben – ausgerechnet in Zeiten, wo Meinungsumfragen und Abstimmungen auf Facebook Hochkonjunktur haben – so viele Menschen den Urnen fern?
Dafür habe ich zwei mögliche Erklärungen: Entweder vertrauen die Bürger voll und ganz den Behörden – nicht zuletzt, weil sie genau wissen, dass sie diese mittels Initiativen oder Referenden immer noch massregeln können. Oder es steht viel mehr auf dem Spiel und die Menschen glauben nicht mehr daran, dass die Politiker noch irgendeinen Einfluss auf den Lauf der Dinge haben. Wenn ich mir aber die Situation in unseren Nachbarländern anschaue, glaube ich schwer an die erste These. Und so bin ich sehr froh über diesen Vertrauensbeweis, den wir Politiker regelmässig erhalten – von der grössten Partei der Schweiz: den Nichtwählern.
Pierre Maudet (40) ist Sicherheits- und Wirtschaftsminister des Kantons Genf. Der FDP-Politiker ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Er schreibt jeden zweiten Mittwoch im BLICK.