Auto-Schweiz-Chef Andreas Burgener warnt vor Verkehrskollaps
«Bald stehen wir auch nachts ständig im Stau»

Der Direktor des Branchenverbands will die Autobahnen aufstocken. Erste Pläne hat er bereits zeichnen lassen.
Publiziert: 08.03.2015 um 00:00 Uhr
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Aktualisiert: 30.09.2018 um 22:19 Uhr
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«Die Staustunden nehmen exponentiell zu. Bald stehen wir auch nachts ständig im Stau.» Andreas Burgener (56), Direktor von Auto-Schweiz
Von Roland Gamp

Am Genfer Autosalon stehen sie noch mit angezogener Handbremse. Doch schon bald rollen die aktuellsten Produkte der Autoindustrie zu Tausenden auf die Strasse. Der Markt boomt: 22'388 Neuwagen wurden allein im Februar verkauft, 396'588 Fahrzeuge im vergangenen Jahr in Verkehr gesetzt. Mit dem Frankenschock sind Neuwagen so günstig wie noch nie. Am Genfer Autosalon waren sich die Branchenvertreter einig: «Wer jetzt nicht kauft, ist selber schuld.»

Die Rekordwerte freuen auch Andreas Burgener (56), Direktor von Auto-Schweiz. Gleichzeitig­bereiten sie ihm Sorgen. «Die Staustunden nehmen exponentiell zu. Bald stehen wir auch nachts ständig im Stau.» Landesweit haben sich die Wartezeiten seit 2008 verdoppelt – mehr als 20'500 Stunden lang ging 2013 auf Schweizer Strassen gar nichts mehr.

Mit einem Budget von 5,5 Milliarden Franken versucht das Bundesamt für Strassen (Astra) seit 2009, die schlimmsten Engpässe zu beseitigen. Pannenstreifen werden zur Nutzung freigegeben, Überholverbote für LKW verhängt. Auch sogenannte dynamische Tempolimits kommen vermehrt zum Einsatz, wie neu auf der A1 zwischen Lenzburg AG und Birrfeld AG. Sobald der Abschnitt verstopft ist, schalten die Geschwindigkeitsanzeigen auf 80 km/h runter – das optimale Tempo für flüssigen Verkehr. Doch all das reicht Andreas Burgener nicht.

«Gegen unser enormes Stauproblem ist das zu wenig», kritisiert er. Bei den Massnahmen des Bundes handle es sich um «reine Pflästerlipolitik». Stattdessen brauche es den Bau von «hoch innovativer» Infrastruktur.

Burgeners Vision: doppelstöckige Autobahnen. Von einem Ingenieur liess er bereits Skizzen seiner Vision anfertigen. Nah- und  Schwerverkehr sollen die bestehenden Strassen nutzen. Eine Etage höher rollt der Transitverkehr.

Die obere Fahrbahn soll zudem alle technischen Voraussetzungen für Fahrzeuge bieten, «die autonom fahren und die Routen so berechnen, dass Stau gar nicht erst entsteht». Verschiedene Hersteller arbeiten bereits an Autos, die mittels Sensoren selbständig fahren und Staus dank optimaler Abstände und Reaktionszeiten verhindern.

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Technisch sei dies schon heute möglich, sagt Burgener. «Wir müssen nur den Mut haben, das Projekt anzugehen.» Etwa mit einer Teststrecke, auf welcher autonomes Fahren untersucht werden kann.

Evi Allemann (36), SP-Nationalrätin und VCS-Zentralpräsidentin, widerspricht: «Doppelstöckige Autobahnen lösen das Stauproblem nicht, sondern verschärfen es.» Wer Strassen baue, generiere mehr Verkehr – und in der Folge auch mehr Stau. Zudem sei ein solches Grossprojekt utopisch, weil «nicht finanzierbar».

Burgener lässt sich nicht beirren: «Bei der Bahn war das auch kein Problem. Heute verkehren die Züge am Zürcher Hauptbahnhof sogar auf drei Etagen.»

Auch für die Finanzierung hat er schon konkrete Pläne: «Die Strasse zahlt jedes Jahr zehn Milliarden Franken an den Bund, bekommt aber nur drei Milliarden zurück.» Mit der Milchkuh-Initiative fordert Auto-Schweiz, dass diese Gelder künftig zweckgebunden für den Individualverkehr eingesetzt werden. «Dann wäre genug für solch ambitionierte Projekte vorhanden.»

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Der Bund müsse das Heft in die Hand nehmen, so Burgener. «Es braucht eine Planungsoffensive mit einer hochkarätigen Expertengruppe.» Weitere Verzögerungen seien inakzeptabel: «Wenn ich sehe, wie lange neue Projekte auf Autobahnen brauchen, wird mir schlecht. Wir müssen das Stau-problem noch heute angehen.»

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