Ausgerechnet Anti-Aids-Pille wird zum Problem
Schwule Blutspender werden noch länger diskriminiert

Der Fragekatalog, mit dem vor allem homosexuelle Blutspender auf mögliche Risiken abgeklopft werden, verzögert sich erneut. Die zuständige Arbeitsgruppe hat aufgrund neuer Zahlen kalte Füsse bekommen.
Publiziert: 30.08.2018 um 17:07 Uhr
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Aktualisiert: 14.09.2018 um 21:31 Uhr
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Die Blutspendezentren in der Schweiz sollen künftig homosexuelle Menschen nicht mehr diskriminieren. Sie sollen, wie auch die Heteros, allgemein nach Risiken befragt werden, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung.
Andrea Willimann

In der Schweiz dürfen Heteros und Lesben, die ihren Sexpartner länger als vier Monate kennen und ihm treu sind, Blut spenden. Schwule sind seit 2017 ebenfalls zugelassen. Von ihnen wird aber vor einer Blutspende zwölf Monate sexuelle Abstinenz verlangt. Egal, wie lange sie ihrem Partner treu sind.

Diese fixe, diskriminierende Regel wollen Bund und Blutspende SRK eigentlich abschaffen. Die Kriterien, ob eine Person als Spender geeignet ist, sollen sich in Zukunft am Lebenswandel orientieren und nicht nur am Geschlecht der Sexpartner. Ein ausführlicher Fragebogen hätte zudem den Vorteil, dass die Kontrolle der Blutspender auf mögliche Risiken verfeinert und auf aktuelle Entwicklungen angepasst werden könnte.

Nur: Der Fragenkatalog verzögert sich immer weiter. War mal 2019/20 das Ziel, steht er jetzt vielleicht sogar ganz in den Sternen. «Neuere statistische Trends sprechen leider gegen eine rasche Lockerung der geltenden Regelung», sagt Rudolf Schwabe (61), Direktor der Blutspende SRK.

Zahlen führen zu neuer Skepsis

Was ist passiert? Bekannt ist, dass eine Hürde für die Zulassung Homosexueller das neue Aidsmedikament Prep ist. Dieses sorgt vorbeugend gegen eine Infektion mit dem HI-Virus. Es ist rezeptfrei erhältlich. «Da viele aber Prep nicht richtig einnehmen, kann die Pille beim Blutspenden zum Problem werden. Sie unterdrückt allfällig vorhandene ansteckende HI-Viren im Blutbild», erklärt Schwabe. Dann nützen Bluttests nichts, da HIV nicht erkennbar ist.

Das Schweizerische Heilmittelinstitut Swissmedic, das an der Ausarbeitung des Fragekatalogs ebenfalls beteiligt ist, drückt aber noch aus einem aktuelleren Grund auf die Bremse. «Die HIV-Ansteckungen bei Männern, die Sex mit anderen Männern haben, steigen wieder an, während sie bei der heterosexuellen Bevölkerung rückläufig sind», sagt Schwabe. Dies zeigen Zahlen aus dem Jahr 2017.

Für 2018 stehen konkrete Zahlen noch aus

Neuere Zahlen gibt es beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) erst wieder im November. Daniel Koch, Leiter der BAG-Abteilung für übertragbare Krankheiten, kann noch nichts über die Risiko-Entwicklung 2018 für einzelne Bevölkerungsgruppen sagen. Die Zahlen werden nur einmal im Jahr bereinigt und so detailliert ausgewertet.

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«Insgesamt waren die nicht bereinigten Meldungen zu HIV und Aids bis jetzt aber rückläufig», so Koch. Stand 21. August gab es seit Jahresbeginn 262 HIV-Meldungen – 2017 waren es im gleichen Zeitraum 309 gewesen.

Eine andere aktuelle Entwicklung ergänzt Blutspende-Direktor Schwabe: «Die rechtzeitig entdeckten positiven Blutspenden sind mit eins bis vier pro Jahr konstant sehr tief.» 2017 waren es zwei. Seit 2001 wurde in der Schweiz zudem niemand mehr durch Bluttransfusionen mit HIV angesteckt.

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